Das bringt Drafting in der ersten Disziplin

Beim Radfahren verboten, aber beim Schwimmen erlaubt: Jim Gourley zeigt, wie man den Wasserschatten gezielt ausnutzen kann.

Von > | 27. Juni 2017 | Aus: TRAINING

Triathlon-Speed-Header | In der ersten Disziplin geht es meist eng zu, diese Nähe kann man durch Drafting in einen Vorteil verwandeln.

In der ersten Disziplin geht es meist eng zu, diese Nähe kann man durch Drafting in einen Vorteil verwandeln.

Foto >Frank Wechsel

Auf der Radstrecke ist das Windschattenfahren bis auf wenige Ausnahmen verboten, aber beim Schwimmstart eines großen Wettkampfs lässt sich Drafting im Wasser gar nicht vermeiden. Im Gerangel der ersten paar Minuten denkt so mancher Schwimmer darüber nach, ob er entweder die Flucht nach vorn suchen oder es vielleicht etwas ruhiger angehen lassen soll, und sich stattdessen an einen anderen Schwimmer „hängt“, der ein gutes Tempo hat. Taktisch ist das nicht immer klug, schließlich kennt man die Leistungsfähigkeit des Vorausschwimmenden nicht. Aber aus physikalischer Sicht spricht einiges dafür, es zumindest zu versuchen. Manchmal zahlt es sich eben aus, nur der Zweitschnellste zu sein.

Vorteil Wasserschatten

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zum Drafting im Schwimmsport – mithilfe von Computersimulationen ebenso wie unter kontrollierten Bedingungen im Wasser. Zugegeben, beides ist kaum vergleichbar mit der realen Welt, mit der chaotischen Natur des Wassers und der Wettkämpfer. Aber die ausgewerteten Daten belegen, dass Schwimmen im Wasserschatten eines anderen durchaus etwas bringen kann. Unabhängig von der wissenschaftlichen Datenlage sind sich die Experten einig, dass sich beim Drafting der größte Leistungsgewinn erzielen lässt, wenn man nicht mehr als 50 Zentimeter hinter dem Voranschwimmenden zurückbleibt. In der Welt der Computermodelle verringert Drafting selbst bei einem Abstand von 3,5 Metern den Druckwiderstand zwar um 30 Prozent, aber wie gesagt, dabei handelt es sich um ideale, sprich Poolbedingungen und um Geschwindigkeiten, die nur von Profis erreicht werden. Ein Schwimmer, der zwischen anderen schwimmt, die alle gleich groß sind und bei gleicher Geschwindigkeit denselben Abstand zueinander einhalten, profitiert von einem um 40 Prozent reduzierten Druckwiderstand, sobald er auf einen Meter oder näher an einen anderen Schwimmer aufschließt. (António José Silva, Abel Rouboa, António Moreira, Victor Machado Reis, Francisco Alves, João Paulo Vilas-Boas und Daniel Almeida Marinho, „Analysis of Drafting Effects in Swimming Using Computational Fluid Dynamics“, Journal of Sports Science and Medicine 7 (2008): 62.)

Drafting von der Seite

Das ist nicht gerade leicht, vor allem für einen Altersklassen-Athleten, der in einer Horde von Mitstreitern um Platz kämpft. Berühren die Hände allerdings ständig die Füße des Vordermanns, geht der Vorteil gegen null. Aber es gibt auch eine einfachere Methode: Anderen Studien zufolge reduziert man den Widerstand, wie in der Abbildung unten skizziert, immerhin noch um 20 Prozent, wenn man zum Voranschwimmenden einen seitlichen Abstand von einem Meter einhält und eine Position einnimmt, bei der die eigene Hand etwa auf Höhe der Schulter des Voranschwimmenden ins Wasser taucht – falls beide Schwimmer gleich groß sind. (Jean-Claude Chatard und Barry Wilson, „Drafting Distance in Swimming“, Medicine and Science in Sports and Exercise (2003): 1178.)

Seitliches Drafting

Drafting verlangsamt den Ermüdungsprozess

Auch wenn das Verhältnis zwischen reduziertem Druckwiderstand und der damit einhergehenden Kraftersparnis beim Drafting nicht ganz geklärt ist, lassen Untersuchungen zum physischen Kraftaufwand beim Schwimmen vermuten, dass Drafting im Wasser nicht nur die Schwimmgeschwindigkeit erhöht, sondern auch den Ermüdungsprozess der Muskulatur verlangsamt. In einem Test wurden Triathleten gebeten, eine Strecke von 750 Metern zu schwimmen, und zwar bei gleichbleibender Geschwindigkeit sowohl in führender als auch nachfolgender Position. Das Ergebnis: Die Herzfrequenz der Schwimmer im Schlepptau war um etwa 10 Schläge und ihre Laktatkonzentration im Blut um ungefähr 2 Millimol geringer. (Peter Peeling und Grant Landers, „Swimming Intensity During Triathlon: A Review of Current Research and Strategies to Enhance Race Performance“, Journal of Sports Sciences 27, Nr. 10 (August 2009): 1084.) Die Krafteinsparung beim Schwimmen führt zu einem „Energieguthaben“, das beim Radfahren und sogar noch beim Laufen gewinnbringend eingesetzt werden kann. Dies bestätigt eine weitere Untersuchung: Triathleten sollten 750 Meter schwimmen, 20 Kilometer Rad fahren und 5 Kilometer laufen. Eine Gruppe sollte das Schwimmen bei 80–85 Prozent, eine andere bei 90–95 Prozent und eine dritte bei 100 Prozent ihrer maximalen Leistung absolvieren. Das Ergebnis überrascht kaum: Mit steigender Intensität beim Schwimmen sank die Leistung beim Radfahren. Die Athleten, die bei 80–85 Prozent ihrer Maximalleistung geschwommen waren, liefen um 1 Prozent schneller als diejenigen, die beim Schwimmen ihr Maximum gegeben hatten. Tatsächlich finishten die Athleten aus der Gruppe mit der niedrigsten Intensität beim Schwimmen den Test-Triathlon mit einer um etwa 1:45 Minuten schnelleren Zeit als die Gruppe mit der Maximalleistung auf der Schwimmstrecke. (Chatard und Wilson, „Drafting Distance in Swimming“, 1180.)