Datenerhebung und Funktionsleistungsschwelle

Sie planen, Ihr Radtraining mit einem Wattmessgerät zu steuern, oder haben sich schon ein System gekauft? Unsere Experten erklären, worauf es jetzt bei den ersten Schritten ankommt.

Von > | 18. Juli 2017 | Aus: TRAINING

Teaser Wattmessung | Ein Wattmessgerät hilft bei der genauen Trainings- und Wettkampfsteuerung.

Ein Wattmessgerät hilft bei der genauen Trainings- und Wettkampfsteuerung.

Foto >Michael Rauschendorfer

Nach dem Einbau Ihres Wattmessgeräts sollten Sie einfach damit fahren und die Daten herunterladen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was beispielsweise 300 Watt für Herzfrequenz, Trittfrequenz, Geschwindigkeit und so weiter bedeuten. Damit setzen Sie die Wattzahl in Bezug zu Ihren Fahrten. Die gespeicherten Daten sind eine sekundengenaue Reproduktion Ihrer Fahrt in grafischer Form, ähnlich wie ein minutiös geführtes Tagebuch. Nach und nach werden Sie so erkennen, wie es sich mit Ihrer Leistung verhielt, als Sie Seitenwind hatten, ­einen besonders langen Anstieg oder eine kurze Strecke steiler Anstiege bewältigten oder vor und nach dem Trinkstopp am ­Kiosk. Mit all diesen Informationen werden Sie Ihre Leistung auf dem Rad besser verstehen können. Dennoch werden Sie erst mit dem nächsten Schritt einen echten Mehrwert für Ihr Training schaffen.

Wenn Sie einige Fahrten absolviert und ein Gefühl für den Umgang mit dem Computer am Lenker haben, sollten Sie mit dem Test zur Ermittlung Ihrer Trainingsbereiche  beginnen, um damit die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Dieser erste Test zeigt Ihnen, wie viel Watt Sie derzeit an Ihrer Funktionsleistungsschwelle (FTP) erzeugen können, und verrät Ihnen damit Ihre Fitness-Basis. Diesen Test sollten Sie einmal im Monat wiederholen, um Ihre Fitness zu bewerten, Leistungsveränderungen nachzuverfolgen und zu entscheiden, ob Sie Ihr Trainingsprogramm aufgrund der Ergebnisse verändern. Beherzigen Sie hierbei zwei wichtige Aspekte: (1) Führen Sie den Test immer auf derselben Strecke oder auf einem Ergometer durch, möglichst zur selben Tageszeit und unter ähnlichen Bedingungen; (2) minimieren Sie mögliche externe Einflüsse, die Auswirkung auf Ihre Leistung haben, wie zum Beispiel Stress oder Schlafmangel. So erhalten Sie miteinander vergleichbare Ergebnisse.

Die Funktionsleistungsschwelle (FTP) und ihre Bedeutung

Was ist nun die Funktionsleistungsschwelle und warum ist es so wichtig, sie zu testen? Für viele Sportler bietet der Begriff „­Schwelle“ Anlass zur Verwirrung. Es gibt viele unterschiedliche Begriffe für ein und dasselbe Konzept: anaerobe Schwelle (AT), Laktatschwelle (LT), maximales Laktat­gleich­gewicht (MLSS), Einsetzen des Laktatanstiegs (OBLA) oder einfach „Schwelle“. Es gibt ebenso viele mögliche quantitative Definitionen, die auf unterschiedlichen Testergebnissen wie Herzfrequenz (HF), Blutlaktat, Wattleistung und so weiter aufbauen. Demzufolge müssen selbst in wissenschaftlichen Artikeln die Autoren ihre eigene Definition angeben, um zu erklären, worüber sie reden. Seit mehr als dreißig Jahren wissen Trainingswissenschaftler, dass die Trainingsintensität, bei der der Laktatwert im Blut einer Testperson steigt – die Laktatschwelle –, ein zuverlässiger Indikator für die Ausdauerleistungsfähigkeit der Testperson ist. Das liegt daran, dass die metabolische Fitness, also die Laktatschwelle, den prozentualen Anteil der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) bestimmt, der für eine gegebene Zeit genutzt werden kann. Die VO2max beschreibt die kardiovaskuläre Fitness einer Person und damit die Obergrenze für die aerobe Energieproduktion.

Die physiologischen Faktoren, die die Laktatschwelle bestimmen, sind komplex, doch im Wesentlichen sind die Blutlaktatwerte ein Produkt biochemischer Ereignisse innerhalb eines trainierenden Muskels. Genauer gesagt reflektiert die Laktatschwelle einer Person die Fähigkeit der Muskeln, ihre Energieversorgung dem Energiebedarf anzupassen, wodurch der verwendete „Treibstoffmix“ (Kohlenhydrate im Verhältnis zu Fett) und die Muskelermüdung bestimmt werden. Die Laktatschwelle ist der wichtigste physiologische Faktor für die Leistungsbestimmung, sowohl für Leistungen bei kurzen Verfolgungsrennen auf der Bahn als auch bei dreiwöchigen Etappenrennen. Da die vom Sportler wahrgenommene Anstrengung bei jeder Intensität abhängig ist von seiner Leistungsabgabe im Verhältnis zur Leistung an der Laktatschwelle, ist dieser Parameter eine solide physiologische Basis, auf der ein Trainingsprogramm mit Wattmessgerät aufgebaut werden kann. Allerdings haben nur wenige Athleten regelmäßig die Möglichkeit, Laktattests durchzuführen. Und selbst die, die diese Möglichkeit haben, sind in Bezug auf die Erstellung eines korrekten Protokolls sowie die richtige Interpretation der Ergebnisse von der Person abhängig, die den Test durchführt.

Das ist schwieriger, als viele glauben, und die erhobenen Daten sind oft weniger korrekt oder genau als die aus wesentlich einfacheren Praxistests, denn die beste Leistungsvorhersage ist noch immer die Leistung selbst. Während Blutlaktattests eine wichtige Rolle in der Vorbereitung und im Training von Radsportlern haben, ziehen wir für die Praxis einen wesentlich pragma­tischeren Ansatz vor, nämlich den, mithilfe eines Wattmessgeräts die Funktionsleistungsschwelle (FTP = Functional Threshold Power) des Fahrers zu bestimmen. Die Funktionsleistungsschwelle ist die höchste Leistung, die ein Fahrer eine Stunde lang durchgängig halten kann, ohne zu ermüden. Wird die FTP überschritten, setzt die Ermüdung wesentlich früher ein, während eine Leistung genau unterhalb der FTP wesentlich länger aufrechterhalten werden kann.