„Es ist nicht möglich, Training im Trainingslager aufzuholen“

Ben Reszel hat Christian Kramer schon zu mehreren Top-Platzierungen gebracht. Beim Triathlon-Opening am Fuschlsee leitet er das Training der Camp-Teilnehmer.

Von > | 5. Mai 2017 | Aus: TRAINING

Ben Reszel leitet das Training beim Triathlon-Opening am Fuschlsee. Sein Credo: Qualität geht immer vor Quantität.

Ben Reszel leitet das Training beim Triathlon-Opening am Fuschlsee. Sein Credo: Qualität geht immer vor Quantität.

Foto >Daniel Eilers / spomedis

Ben Reszel aus der Nähe von Leipzig ist der sportliche Leiter beim Triathlon-Opening im Hotel Mohrenwirt. Die Anzahl der betreuten Sportler hält er unter 20 – darunter einige Athleten, die es nach Hawaii geschafft haben. Sein prominentester Athlet ist Christian Kramer (Bestzeit 7:54:31 Stunden). Wir haben mit dem 31-jährigen Sportwissenschaftler darüber gesprochen, wie das Trainingslager zum Erfolg wird.

Das Triathlon-Opening am Fuschlsee hat dieses Jahr Ende April begonnen. Viele Triathleten waren auch schon vorher in wärmeren Gefilden unterwegs. Wann ist der ideale Zeitpunkt für ein Trainingslager?
Der ideale Zeitpunkt richtet sich sicher nach der individuellen Wettkampfplanung und den zeitlichen Möglichkeiten der Athleten. Ich finde allerdings auch, dass es keinen verkehrten Zeitpunkt für ein Trainingslager gibt. Besonders bei berufstätigen Athleten ist es häufig ein sehr gute Option, sich optimal auf das Training fokussieren zu können und die Zeit mit Gleichgesinnten zu genießen. Gerade Einsteiger oder Athleten mit Schwerpunkt auf der olympischen Distanz und Sprintdistanz können sicher ganzjährig ins Trainingslager reisen. Besonders, wenn dort auch Inhalte angeboten werden, die das triathlonspezifische Fachwissen vertiefen und neue Impulse für das eigene Training mitgenommen werden können. Athleten, die eine Langdistanz im Sommer planen, sind dann stärker an ihren Trainingsplan gebunden. Läge der Wettkampf im Juli, wäre Juni sicher zu spät, um mit dem umfangsorientierten Training zu beginnen; eine erneute Forcierung von Umfängen aber durchaus eine Option.

Sieben Tage, zehn Tage oder zwei Wochen – welche Dauer empfehlen Sie?
Ich denke, dass das Niveau des Athleten die mögliche Dauer des Trainingslagers entscheidend mitbestimmt. Je länger die Dauer des Camps, umso mehr müssen wir die Verträglichkeit der Trainingsinhalte berücksichtigen und die Trainingsqualität leidet möglicherweise. Stellen Sie sich vor, der Athlet hat im Winter nur wenig trainieren können und muss erstmal einen guten Einstieg schaffen. Zwei Wochen „Vollgas“ können schnell zur Überforderung führen und die Adaptionsprozesse sind weniger stark ausgeprägt. Bei zwei Wochen etabliere ich häufig neben den Entlastungstagen mit geringen, niedrig intensiven Umfängen auch Ruhetage an denen der Körper eine gänzliche Pause vom aktiven Training erhält. Letztlich denke ich, ist es auch immer eine Frage des Reiseziels: Trainingslager beispielsweise wie hier am Fuschlsee sind unkompliziert. Die Anreise ist mit dem eigenen Auto aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr einfach möglich. Das eigene Rad kann unkompliziert mit auf die Reise gehen und muss nicht aufwendig verpackt oder auf ein Leihrad ausgewichen werden. Auch die klimatischen Bedingungen sind vertraut, sodass keine Zeit zur Adaption berücksichtigt werden muss. Neben dem Niveau des Sportlers, würde ich damit auch die Destination bei der Gesamtlänge berücksichtigen. Wer nach Thailand fliegt, sollte mehr Zeit einplanen als jemand, der in Mitteleuropa trainiert.

Wie gestalten Sie das Training Ihrer Athleten eine Woche vor dem Trainingslager?
Bei starken Athleten setze ich auf eine gezielte Vorbelastung, um den Reisekoffer etwas schwerer zu machen. Allerdings gilt es bei berufstätigen Athleten in vielen Fällen darauf zu achten, vor dem Trainingslager reduziert zu trainieren. Meiner Erfahrung nach steigt häufig der Berufsstress vor einem anstehenden Urlaub. Das Phänomen „Den Schreibtisch leer machen“ ist sehr verbreitet – gerade in gehobenen Managementpositionen. Das Training ist stets ein Kompromiss: Ich kann meine Athleten nur so intensiv trainieren lassen, wie es der Alltag hergibt. Deswegen kommt es bei meinen Altersklassen-Athleten oft vor, dass ich den Trainingsstress in der Woche vor dem Trainingslager verringere.

Können Sie uns schildern, wie sich Ihrer Meinung nach eine kluge Trainingswoche im Trainingslager zusammensetzt?
Beim Triathlon-Opening setzen wir auf ein vielfältiges Programm, um die Teilnehmer nicht nur trainieren zu lassen, sondern ihnen auch Trainingswissen zu vermitteln. Deswegen erkläre ich einem Vortrag zum Einstieg und bei Bedarf auch innerhalb der Einheiten detailliert, warum wir bestimmte Trainingsinhalte umsetzen. Bei individuellen Trainingslagern kommt es stark darauf an, wie und was der Athlet in den Wochen und Monaten vor dem Trainingslager trainiert hat. Wer beispielsweise über den Winter fleißig Rolle gefahren ist, kann im Trainingslager bereits sehr qualitative Radeinheiten umsetzen. Wer einen Schwerpunkt im Laufen gebildet hat, um das Indoortraining etwas zu umgehen, kann dann gegebenenfalls den Laufanteil geringer halten und Umfänge auf dem Rad realisieren. Dabei empfehle ich die Zeitdauer auf dem Rad nicht über fünf Stunden ansteigen zu lassen. Umfänge über dieser Zeitdauer bezahlt der Sportler mit einer deutlich gesteigerten Regeneration. Je näher der Wettkampf liegt, desto wichtiger werden die Intensitäten im Trainingslager. Trotzdem sollte jedem Athleten klar sein: Im Trainingslager kann kein Training aufgeholt werden. Auch beim Schwimmen gilt: Qualität vor Quantität. Lieber Einheiten mit hoher technischer Qualität am Morgen absolvieren, als ermüdende Programme.

Gilt das auch für Profi-Triathlet Christian Kramer, den Sie betreuen?
Ja, absolut. Wobei bei ihm der Umfang im Schwimmen höher gehalten wird. Er kommt verlässlich mit der Spitze des Feldes aus dem Wasser und verfügt über eine sehr stabile Technik. Diese ermöglicht auch den höheren Umfang, da er stets die Kontrolle über den Stil behält.

Welche Fehler sollte man im Trainingslager unbedingt vermeiden?
Meine Athleten werden im Vorfeld gebrieft, damit bestimmte Fehler nicht passieren. Hilfreich kann es immer sein, sich in Gruppen nicht zu sehr in Szene zu setzen und auch die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuordnen. Zudem kann die Dynamik in einer Gruppe schnell zu einem zu intensiven Training führen. Deswegen empfehle ich, besonders in unbekannten Gruppen, zu Beginn eines Trainingslagers eher eine Leistungsgruppe tiefer zu fahren. Bei Unterforderung ist es dann immer denkbar, etwas in den Wind zu gehen und dort konstant die geplante Leistung realisieren zu können. Das Wichtigste für mich als Trainer ist jedoch, dass meine Athleten ihr Trainingslager auch genießen können und Spaß dabei haben. Für die meisten Sportler ist Trainingslager gleich Urlaubszeit, und dieser häufig begrenzt. Wichtig sind natürlich auch ganz banale Dinge: Verreist der Sportler im Flieger, sollten die Schleimhäute geschützt und auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden.

Empfehlen Sie die Anreise mit dem eigenen Rad?
Defintiv. Der Organismus ist im Idealfall bereits sehr gut an die eigene Position gewöhnt und bei den erhöhten Umfängen, kann das Risiko orthopädischer Beschwerden deutlich minimiert werden. Ich kann aber auch verstehen, dass bei kürzeren Trainingslagern mit einer zusätzlichen Flugreise der Aufwand sehr groß und eine Ausleihe preislich günstiger ist, als der Transport des eigenen Rads im Radkoffer. Die eigenen Pedale sollten dann samt eigenem Sattel und den Maßen der Postion auf dem eigenen Rad im Gepäck verstaut werden. So lässt sich eine gute Individualität erreichen und mögliche Komfortprobleme reduzieren. 

Thema Ernährung: Wie viele Teller Nudeln müssen es sein?
Ich bin kein Befürworter der häufig praktizierten „Kohlenhydratmast“. Keine Frage: Im Trainingslager trainieren Athleten in der Regel die höchsten Umfänge – ohne Zucker geht es dann nicht. Deswegen sollten die Speicher gerade vor intensivieren Einheiten gefüllt werden. Aber es müssen nicht zwei Teller Nudeln sein, die mit einem üppigen Dessert abgerundet werden. Auch in der Ernährung gilt für mich stets, auf die Qualität zu achten. Kohlenhydrate aus Reis, Kartoffeln, Obst und Gemüse sind hochwertiger als das Stück Kuchen zum Dessert. Mein Tipp: Achten Sie darauf, dass Ihr Teller mindestens drei Farben hat. Damit sind nicht die Pommes gemeint, die mit Ketchup und Majonäse abgerundet werden. Vielmehr lässt sich dadurch bei qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln sehr leicht die Breite der Nährstoffe vergrößern und der Körper erhält neue Optionen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Richten Sie den Fokus auf die Nährstoffe und führen Sie Energie auch über Fette, wie hochwertige Öle oder Nüsse zu sich. Für eine Gewichtsreduktion ist das Trainingslager kein geeigneter Ort, denn diese bedeutet zusätzlichen Stress für den Organismus. Ihr Körper kann nicht unterscheiden, ob Sie zu verhungern drohen, oder gezielt etwas Gewicht reduzieren wollen. Und da wären wir wieder beim Spaß- und Genussfaktor im Trainingslager: Halten Sie die „Zimmer-Stimmung“ möglichst hoch, dann fallen auch längere oder intensivere Einheiten viel leichter.