Ich habe Körper

In meinem Umkreis bereiten sich mehrere Leute auf den Ironman Frankfurt vor. Und auf die Challenge Roth. Komplett, wohlgemerkt. Nix Staffel, nix Mitteldistanz. Wir sprechen hier von 3,8 Kilometern schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen. Seit Sonntag haben diese Distanzen für mich eine ganz neue Bedeutung.

Von > | 24. Juni 2016 | Aus: Training

Anita Horn - 180 Kilometer | Anita Horn - 180 Kilometer

Anita Horn ist zum ersten Mal 180 Kilometer Rad gefahren

Foto > Anita Horn

Ich bin gestern endlich meine ersten 180 Rad-Kilometer gefahren. Was für eine schwere Geburt. In den letzten Wochen hatte ich immer wieder eine lange Ausfahrt vor, als Vorbereitung auf meine Langdistanz-Staffel bei der Challenge Roth. Doch immer wieder war das Wetter so schlecht angesagt, dass ich Schiss hatte, mitten im Bergischen Land von einem Gewitter erwischt zu werden. Und wenn es morgens schon in Strömen regnet, hält sich auch meine Motivation in Grenzen. Kombiniert mit den Startzeiten für lange Touren bei den RTFs*, die meist zwischen 6:00 – 7:00 Uhr liegen – und darin ist die Anfahrt noch nicht enthalten – und der Tatsache, dass ich niemanden von meinen Freunden und Vereinsmitgliedern animieren konnte (weil sie sich auf eine Langdistanz vorbereiten, an der NRW-Liga teilnehmen oder Mutti Geburtstag feiert), habe ich mich dann meist für Spinning/Rolle, Laufen oder Nichts-Tun entschieden.

Sonntag stand dann die RTF der RSG Ford Köln auf dem Plan. Die Straßen waren trocken, als mein Wecker um 6:00 Uhr klingelt („Warum tue ich das hier eigentlich?“). und jetzt war ich ja schon mal wach. Also rein in die Klamotten und rauf aufs Rad. 15 Kilometer lockere Anfahrt quer durch die Stadt, Anmeldung für sechs Euro für die 150er-Strecke und weil ich vor Ort einen alten Rookie-Freund getroffen habe, musste ich nicht einmal alleine starten – mit der Abmachung, dass wir uns trennen, wenn das Tempo für einen nicht passt.

Zwischen Neid und Keks-Stationen

Die Strecke führte mit ständigen Schauern und dichtem Nebel über Odenthal, Hückeswagen, Wipperfürth und den Ort Anschlag (wie passend!) bis durch Meinerzhagen ins westliche Sauerland. Das liegt an der A45 und ist mit dem Auto schon weit weg! Was habe ich mir nur dabei gedacht? Schon bei Kilometer 90 hatte ich schwere Beine, diverse Gels und einen Cappuccino-Riegel intus (nur ein Kaffee am Morgen war definitiv zu wenig). Klar, wir haben auch versucht uns an eine Gruppe zu hängen und uns schon am Anfang etwas zu sehr verausgabt. Man will immer locker fahren und lässt sich dann doch anstacheln. Mist. Dafür haben uns am dritten Anstieg die Vernunft und mein Mantra ereilt: konstant und entspannt. „Du hast noch ein bisschen was vor dir“, habe ich mir immer wieder gesagt. Über 1640 Höhenmeter nämlich. Andere frühstücken gerade gemütlich im Warmen, dachte ich immer wieder. Die Fahrt vorbei an Bäckern, aus deren Stuben ein herrlicher Duft von frischen Brötchen strömte, maximierte meinen Neid ins Unendliche. Aber dann kam unsere nächste Keks-Station, eine kurze Pause für die Beine – und alles war wieder gut.

Das Anfahren nach den Pausen war allerdings alles andere als gut. Es war saukalt und die Kraft ist glaube ich irgendwo in Anschlag geblieben. Also habe ich noch mehr nachgetankt und zwei Waffeln gemampft, die ich mir in mein Rahmentäschchen gesteckt hatte. Um mich kurz zu fragen, wie viele Kalorien man während so einer Fahrt eigentlich zu sich nimmt. Ein echter Ironman plant seine Energiezufuhr vermutlich akribisch. Ich habe einfach alles genommen, was ich kriegen konnte.

Anita Horn - 180 Kilometer | Anita Horn - 180 Kilometer

Anita Horn und ihr Mitstreiter auf den 180 Radkilometern.

Vor allem an der letzten Versorgungsstation – die ich erreicht habe, weil an der vorletzten Station ein Schild mit „noch 20 Kilometer zur nächsten Station“ hing – hatte ich mittlerweile Bärenhunger. Bock auf Burger mit Pommes. Und eine heiße Wanne. Jetzt zählte das Schild „noch 18 Kilometer bis ins Ziel“. Und tatsächlich kam am Ende sogar ein bisschen die Sonne raus, um uns zu wärmen. Meine Hände waren total angeschwollen – keine Ahnung ob vor Kälte oder vor Erstarrung am Lenker. Die Fahrer verdichteten sich, dann hier wurden die kürzeren und längeren Strecken wieder zusammen geführt. Eine gute Motivation, denn die meisten waren hier noch frisch und mit Pfeffer in den Beinen und wir haben uns mitziehen lassen.

180 ist mehr als Doppelte von 90

Der letzte Anstieg war lang und brannte. Aber wie auch immer es funktionierte, am Ende konnten Simon und ich nochmal richtig Gas geben. Ganz falsch haben wir unsere Kräfte offensichtlich nicht eingeteilt. Ach ja, wir waren noch zusammen unterwegs. Und dann waren wir da. Im Ziel. Ich mit 175 Kilometern auf dem Tacho und noch 15, die vor mir lagen. Dieser Heimweg war wohl einer meiner schwierigsten. Und zufriedensten. Endlich 180 Kilometer. Fast sieben Stunden reine Belastung, sieben Stunden Radfahren! 180 Kilometer sind nicht einfach nur das Doppelte von 90 Kilometern. 180 Kilometer sind verdammt viel. Und mal im Ernst - wie zum Henker soll man danach noch einen kompletten Marathon laufen?

Am Ende 3.500 Kalorien verbrannt. Und ich glaube, einschließlich aller Sportriegel, Schnittchen während und nach der Fahrt, Schokoplätzchen Zuhause, Eis und der Schmand-Gemüse-Pfanne am Abend habe ich mindestens das Doppelte zu mir genommen. Im Fress- und Fahrradkoma bin ich dann um Mitternacht ins Bett gefallen. Unerwarteter Weise später  auch wieder aufgewacht. Und ich habe Körper. Ganz viel davon. Als wäre ein überdimensionales Bügeleisen mehrfach über mich gerollt. Ganz langsam. Vorwärts. Und rückwärts. Und wieder zurück. Ich bin platt. Gut gebügelt eben. Ironed. Zumindest ein bisschen.