Die Spinne macht Pause

Eine geplante Zwangspause in seiner Vorbereitung auf den Ironman Hamburg durchlebt unser Herausgeber Frank Wechsel gerade. Zeit für eine aktuelle Bestandsaufnahme.

Von > | 29. April 2017 | Aus: TRAINING

Die \"Spinne\", das Markenzeichen von STAPS.

Die "Spinne", das Markenzeichen von STAPS.

Foto >Marc Sauer / STAPS

Seit zehn Jahren habe ich es ausgesessen. Mindestens. Kein Besuch bei der Zahnärztin meines Vertrauens, selbst Triathletin, verlief ohne den warnenden Hinweis, dass ich mit meinen Weisheitszähnen vier tickende Zeitbomben mit mir herumtrage. Seit einigen Wochen wurde das Ticken immer lauter: Einer der Zähne verschaffte sich vor allem unter Belastung unangenehm Gehör und ich fasste endlich den Mut, einen Termin beim Kieferchirurgen zu machen. Die Weisheitszähne sollten raus. Alle vier, wenn wir schon mal dabei sind. Langdistanz.

Am Donnerstagabend war es so weit. Die erste „Operation“ meines 42-jährigen Lebens. Beziehungsweise die erste als Patient. Operationen habe ich schon viele mitgemacht, damals, im Medizinstudium. Die erste OP „am Tisch“ werde ich nie vergessen: Als damaliger Chefredakteur einer Laufzeitschrift durfte ich bei der Amputation eines Raucherbeins assistieren (der Student hält das Bein). Dass ich nach dem Studium den Weg in die Medien dem in die Medizin vorzog, lag nicht an dieser Erfahrung, sondern an den Arbeitsbedingungen für junge Ärzte, die damals auf einem Tiefpunkt waren (und vor allen an meiner festen Überzeugung, dass es für unsere zivilisierte Welt viel besser und ökonomischer ist, gesunde Menschen über die Begeisterung und Anleitung zum Sport gesund zu halten, als kranke Menschen gesund zu machen).

Augen zu und durch

Am Donnerstag begab ich mich also in mein Schicksal: Vier Weisheitszähne, eine gute Stunde. Lokale Betäubung, Augen zu und durch. Mein Coach Marc Sauer von STAPS hatte mit mir einen Trainingsplan aufgestellt, der mich bis zum Morgen der kleinen Operation ganz schön forderte. Die geplante Zwangspause kann ich also gut gebrauchen, denn die letzten Wochen hatten es in sich. 

Die Operation verlief komplikationslos. Es gibt wahrlich angenehmere Dinge, auch die Stunden danach, als sich Betäubung und Schwellung die Klinke in die Hand gaben, waren nicht wirklich schön. Nachdem ich mich am Tag nach dem Eingriff nur flüssig ernähren konnte, kann ich heute aber schon wieder ganz normal essen und die Dosis der Schmerzmittel reduzieren. Und in wenigen Tagen wird mein Gesicht auch wieder in einen handelsüblichen Fahrradhelm passen. Wie lange die Sportpause dauern wird, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, dass ich bald wieder locker trainieren und am kommenden Sonntag beim Campus-Triathlon in Flensburg in die Saison starten kann. Denn mit meiner Form bin ich gut zufrieden!

Die Form als Spinne

Beim Leistungsdiagnostikinstitut STAPS wird die Form als „Spinne“ dargestellt - eine Multi-Faktoren-Grafik, in der die Ausprägung verschiedener Leistungsparameter dargestellt wird. Und meine Spinne wächst und wächst. Zwei Leistungsdiagnostiken habe ich bisher gemacht: eine am 8. November und eine am 20. März, vor meinem Trainingslager. 

Die STAPS-Spinne: Meine Leistungsparameter vom 8. November (schwarz) und 20. März (rot).

Die STAPS-Spinne: Meine Leistungsparameter vom 8. November (schwarz) und 20. März (rot).

Foto >Marc Sauer / STAPS

Die Werte vom November sind in der Grafik als schwarze Linien dargestellt. Auch wenn ich damals noch am Anfang des gezielten Trainings stand, war ich vorbereitet. Denn schon vor drei Jahren hatte ich einmal eine Leistungsdiagnostik bei STAPS gemacht und der heutige Chef Björn Geesmann eröffnete mir bei der Auswertung schonungslos: „Der schnellste Weg, dich zu verbessern, ist: Nimm ab!“ Das hatte ich dieses Mal schon im Sommer gemacht, mein geringer Fettanteil sorgte für den größten Ausschlag der Spinne. Alle anderen Faktoren waren verbesserungswürdig, aber durchaus trainierbar: Die anaerobe Schwelle, sowohl absolut in Watt als auch relativ in Watt pro Kilogramm, ließ zu wünschen übrig. Auch war ich eine wahre "Spritschleuder", wie Marc es nach dem Test bezeichnete: Ich konnte zwar eine hohe Leistung von fast 1.200 Watt treten, baute dafür aber massig Laktat auf - mein Fettstoffwechsel konnte noch nichts, ich verpulverte Kohlenhydrate ohne Ende.

Individueller Trainingsplan

Auf dieses Fundament an Erkenntnissen baute Marc mir einen Trainingsplan, der mich seit November Tag für Tag bis an meine Grenzen forderte. Und förderte, denn die roten Linien in der Spinne vom März sprechen schon eine ganz andere Sprache: Bis auf den etwa gleich gebliebenen Fettanteil an meinem Körpergewicht waren alle Werte erheblich verbessert. Ich baute nicht mehr so viel Laktat auf und dieses auch schneller ab. Meine Schwellen haben sich sowohl auf dem Rad als auch beim Laufen ordentlich verschoben. 

Seit dem zweiten Test sind schon wieder einige intensive und umfangreiche Wochen vergangen. Ob die Spinne wieder dicker geworden ist? Ich werde es bald austesten - den noch sind es meine Wangen, die dick sind. Die Spinne macht Pause, ich erhole mich von dem kleinen Eingriff und sammle neue Motivation für den nun immer absehbareren Weg zum Ironman Hamburg. Noch 106 Tage ...