Warum?

Noch 111 Tage sind es bis zum Ironman Hamburg. Die Vorbereitung läuft - nun wirklich auf Hochtouren. Bei einem 32-km-Trainingslauf kommt da schon mal die Frage nach dem "Warum?" auf.

Von > | 24. April 2017 | Aus: TRAINING

Warum tue ich mir das alles eigentlich jeden Tag bei Wind und Wetter an?

Warum tue ich mir das alles eigentlich jeden Tag bei Wind und Wetter an?

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Hamburg, am vergangenen Samstag. Elbufer, Gegenwind. Es ist kalt. Und nun auch noch Hagel, der waagerecht fliegt. Ich laufe, laufe und laufe - es geht ungefähr 20 Kilometer geradeaus, dazu der Weg an die Elbe, einen größeren Abstecher durch verschiedene Stadtparks und am Ende den Weg nach Hause, unter die Dusche. "2:40 Stunden" stehen im Trainingsprogramm, das mein Coach Marc Sauer von STAPS mir heute aufgetragen hat (am Ende werde ich fast drei Stunden unterwegs gewesen sein). Ich bin der einzige Läufer weit und breit. Die eine Hälfte derer, die in Hamburg sportlich laufen können, liegt auf dem Sofa, um sich für den Marathon morgen zu schonen. Die andere Hälfte liegt auf dem Sofa, weil es draußen kalt und windig ist. Und hagelt.

Niemand läuft heute. Warum ich?

Ich bin also ganz allein unterwegs. Da kommt man schnell ins Sinnieren. Und wieder einmal ist sie da, diese Frage: Warum mache ich das hier eigentlich? Ich könnte morgen den Marathon laufen, als Saisonhöhepunkt, der dann wahrscheinlich irgendwann zwischen drei und dreieinhalb Stunden beendet wäre. Ich könnte sogar auf dem Sofa liegen oder andere unsportliche, aber erfüllende Dinge tun. Stattdessen laufe ich, allein, an der Elbe lang.

Warum laufe ich hier und heute bei diesen Bedingungen? Ich habe ein Ziel. Den 13. August 2017. Wenn dieser Blogeintrag online geht, sind es noch exakt 111 Tage bis zum großen Tag, bis zur Premiere des Ironman Hamburg. Meine Beine sind schwer, natürlich, denn diese Kilometer markieren die letzten von knapp 16 Trainingsstunden dieser Woche. Und in diesen 16 Stunden ging es rund. Zum Beispiel vorgestern, beim Rennen gegen den Sonnenuntergang, 100 Kilometer auf dem Rad, an deren Ende eine vom Winde verwehte Durchschnittsgeschwindigkeit von 32,7 km/h stand. Oder gestern, als der Wecker um 5 Uhr klingelte, damit ich vor dem Wecken meiner Kinder noch 100 intensive Minuten auf der Rolle absolvieren konnte.

Alles nur ein Missverständnis

16 Stunden also, die es in sich hatten. Dabei beruht das alles doch auf einem Missverständnis. Als ich zum ersten Mal mit den STAPS-Trainern gesprochen hatte, was denn meine Ziele für den Ironman Hamburg sind, war das alles noch ein bisschen vage. "Reden wir über eine Zeit von über zwölf Stunden oder reden wir über Sport?", fragte mich STAPS-Chef Björn Geesmann damals. Wir reden über Sport, so viel war damals schon klar. Die Kameras, die ich sonst gelegentlich bei meinen sportlichen Abenteuern montiere, bleiben am 13. August zu Hause.

Aber zurück zum Missverständnis: "Ich habe im Schnitt acht Stunden in der Woche Zeit zum Trainieren", sagte ich Björn und meinem werdenden Coach Marc damals. "Also müssen wir über die Intensitäten gehen." Das mit den Intensitäten haben sich die Coaches gemerkt, der Teil mit der verfügbaren Trainingszeit ist irgendwie in Vergessenheit geraten. Und so wuchs der Trainingsumfang langsam auf das heutige Niveau. Wir sind inzwischen bei 16 intensiven Wochenstunden, die ich bisher sehr gut vertrage. Man wächst ja schließlich mit seinen Aufgaben.

Fitte Vierziger

Doch nicht nur meine Belastungsverträglichkeit und meine Leistungsfähigkeit, auch die Antwort auf die Frage nach dem Warum hat sich weiterentwickelt. Am Anfang ging es mir ganz einfach darum, in meine publizistische Zielgruppe einzutauchen, mal wieder zu spüren, wie es sich anfühlt, vor einer der größten sportlichen Herausforderungen zu stehen, die es in unserer modernen Gesellschaft gibt. Heute bekenne ich mich dazu: Ich will mehr. Ich will an diesem 13. August zu den fittesten Vierzigjährigen im Lande gehören. Ich will sehen, wie weit sich das Verschieben meiner Grenzen, das ich seit November jeden Tag zelebriere, noch ausbauen lässt. Ich will dieses Gefühl, dass die Hosen am Bund weiter und an den Waden enger werden, genießen. Ich will zeigen, dass der Wille stärker ist als die Zweifel, die auch mich immer wieder begleiten. Denn wenn ich etwas will, dann richtig. Ohne diesen Willen hätte es nie einen spomedis-Verlag gegeben, würde die Website, auf der diese Zeilen stehen, nicht existieren. 

Und, ja: Am Nachmittag jenes näher rückenden 13. August 2017 soll schwarz auf weiß eine Leistung stehen, von der ich selbst sagen möchte: Das alles, dieses ganze Jahr der Vorbereitung, der Entbehrungen, des Egoismus und des gerade auf mein Gesicht einpeitschenden Hagels, das alles hat sich gelohnt. Ich habe an diesem Tag X das Maximum aus einem Körper herausgeholt, der vor einem Jahr noch über zehn Kilogramm schwerer, unförmig und lahm war. Ich will zeigen, was man innerhalb eines Jahres erreichen kann, wenn man es nur will. Ich will mit Stolz und Dankbarkeit auf den Weg, die Erlebnisse und die Erfahrungen zurückblicken, die mich durch dieses intensive Jahr begleitet haben. Das ist meine aktuelle Antwort auf die Frage, warum ich hier gerade durch dieses Mistwetter laufe und mich trotz allem gut dabei fühle. 

Die Frage nach dem Warum wird mich, wie alle Triathleten, auch weiterhin begleiten. Noch 111 Tage lang werde ich Antworten darauf geben, die weiterhin einer Evolution unterworfen sind. Denn diese Frage ist die eigentlich spannende, auch wenn mich andere Sportler häufiger nach Zeiten fragen. Heute reden wir über das "Warum?". Über das "Wie schnell?" können wir im August noch ausführlich genug reden.