„Wenn du Großartiges vollbringen willst, musst du Grenzen durchbrechen!“

Vor einem Jahr lernten sich Faris Al-Sultan und Patrick Lange im Trainingslager auf Lanzarote kennen. Sie trainierten zusammen, verstanden sich gut und blieben in Kontakt. Al-Sultans Karriereende im Mai 2015 und Langes Plan, 2016 auf die Langdistanz zu wechseln, mündeten in einer Zusammenarbeit.

Von > | 23. Juni 2016 | Aus: TRAINING

Patrick Lange und Coach Faris Al-Sultan | Ein bisschen Spaß muss sein: Patrick Lange und Faris Al-Sultan im Trainingslager auf Fuerteventura.

Ein bisschen Spaß muss sein: Patrick Lange und Faris Al-Sultan im Trainingslager auf Fuerteventura.

Foto >Laura-Sophie Usinger

Aus dem bayerisch-hessischen Trainingsgespann wurde in kurzer Zeit ein Trainer-Athleten-Duo. Und ein besonders erfolgreiches zugleich. Vor wenigen Wochen gewann Lange souverän sein Langdistanz-Debüt in Texas. Dort, wo Al-Sultan im Vorjahr seine Karriere beendete. Wir haben die beiden getroffen und ihre früchtetragende Zusammenarbeit unter die Lupe genommen. 

Faris Al-Sultan, warum trainieren Sie Patrick Lange? Was macht ihn als Athleten aus?

Faris Al-Sultan: Patrick hat einen sehr großen Willen. Er hat die Sehnsucht und das Verlangen, etwas zu erreichen. Als Athlet muss man bereit sein, das tägliche Training zu absolvieren – Zeit, Energie und Kraft zu investieren. Für viele ist das nicht einfach, so konsequent zu sein. Patrick kann das. Er besitzt die Stärke, das Training konsequent durchzuziehen. Seine Trainingserfüllung liegt bei nahezu 100 %.

Sind Charaktereigenschaften wie Wille und Verlangen wichtiger als physische Stärke in einzelnen Disziplinen?

Faris Al-Sultan: Wir Menschen haben eine Sehnsucht nach Ästhetik. Wir wollen, dass etwas schön aussieht. Und im Umkehrschluss werten wir etwas ab, wenn es nicht so ästhetisch aussieht. Das ist völliger Quatsch, darum geht es bei vielen Dingen nicht. Schönheit in der Bewegung ist toll, aber davon kann ich mir nichts kaufen, wenn sie langsam ist. Von dieser Bewegungsästhetik hat Patrick mit Sicherheit weniger als so manch anderer Athlet. Aber im Triathlon braucht man Durchhaltevermögen, Robustheit und Wille. Darauf kommt es an, das bringt Patrick mit. Das ist ein unschätzbarer Vorteil.

Patrick, was hat sich in Ihrem Training geändert, seit Faris Sie trainiert?

Patrick Lange: Das kontinuierliche Training – tagein, tagaus, ohne krank oder verletzt zu sein – ist wegweisend gewesen. Vermutlich klappt das, weil ich besser auf meinen Körper höre, wenn es die Umstände verlangen. Wir passen die Planung an, wenn ich mich mal nicht so gut fühle, anstatt in eine Erkältung, ins offene Messer zu laufen. Mit Faris habe ich jemanden an der Seite, der sagt: „Wenn du dich nicht fühlst, dann leg dich ins Bett!“ Den Mut zu haben, auch mal eine Pause zu machen, die Signale des Körpers ernst zu nehmen, das hat sich geändert. Ansonsten haben mich Koppelläufe, lange Läufe und intensives Krafttraining geprägt.

Faris, war Ihnen schon immer klar, dass ihr Weg nach der aktiven Karriere als Trainer im Triathlon weitergeht?

Faris Al-Sultan: Ich wollte gerne als Trainer arbeiten. Aber nicht im Altersklassenbereich, da ich mit Leuten arbeiten möchte, die dem Sport alles unterordnen können, die sich 100 % auf den Sport konzentrieren können. Ich hätte auch gerne etwas mit Jugendlichen gemacht, aber das fordert eine ständige Anwesenheit. Da musst du immer da sein, sonst kannst du das nicht vernünftig machen. Und nachdem ich immer noch das Interesse habe, so viel zu reisen, und Sponsorenaufgaben verfolgen möchte, bin ich für diese Tätigkeit einfach zu viel unterwegs.

Was sind Faris‘ Stärken als Trainer?

Patrick Lange: Die unglaubliche Erfahrung von 14 Hawaii-Teilnahmen! Das Wissen, das er davon mitgenommen hat, kann man nirgendwo lernen. Man kann sich nicht in die Uni setzen und theoretisch lernen, was Faris jahrelang am eigenen Körper erlebt hat. Er weiß, wie man sich in gewissen Phasen fühlt, wann man sich auch mal scheiße fühlen muss. Aber auch, wann der Punkt gekommen ist, an dem man sich wieder gut fühlen muss. Das kann er so viel besser bewerten als jemand, der das nur theoretisch weiß. Und mich motiviert sein Erfolgsfaktor. Die angesprochenen 100 % Trainingserfüllung bringt man nicht, wenn man nicht hinter dem Training stehen kann. Ich brauche einen Plan mit Hand und Fuß. Den gibt mir Faris. Ich habe das Gefühl, dass dieser Weg schon mal zu einem großen Erfolg geführt hat, und mir tut es offensichtlich auch sehr gut.

Sehen Sie auch irgendwo noch Potenzial?

Patrick Lange: Ich kann mir vorstellen, dass man manchmal noch etwas wissenschaftlicher mit Daten umgehen könnte. Zahlen sind nicht so sein Ding. Die Auswertungen von Datensätzen interessieren ihn nicht so sehr.

Faris, inwiefern braucht man Zahlen und Datenanalysen im Triathlon?

Faris Al-Sultan: Der Weltklassetrainer Brett Sutton hat mal gesagt, dass die Athleten heutzutage vor lauter GPS, Herzfrequenzmessung, Geschwindigkeitsanalysen, Laktat- und Urinkontrollen vergessen, worum es eigentlich geht – nämlich darum, Sport zu machen! Die ganzen Hilfsmittel sind wichtig, aber natürlich sind sie nicht alles. Wenn du Großartiges vollbringen willst, musst du irgendwann mal die Grenzen durchbrechen. Wenn man immer nur in der Bahn bleibt, haut das nicht hin. Dann macht man das, was alle immer schon gemacht haben, und kommt dahin, wo alle anderen schon waren.

Patrick Lange und Coach Faris Al-Sultan | Saisonplanung am PC: Nach dem Erfolg beim Ironman Texas wird der weitere Fahrplan für Patrick Lange nach Kona besprochen.

Saisonplanung am PC: Nach dem Erfolg beim Ironman Texas wird der weitere Fahrplan für Patrick Lange nach Kona besprochen.

Foto >Laura-Sophie Usinger

Und wie durchbricht man Grenzen?

Faris Al-Sultan: Das muss man individuell rausfinden. Das ist das Schöne am Sport. Auf der einen Seite soll es wissenschaftlich sein und mit Hirn, aber es bleibt immer ein emotionsbehafteter Rest. Dagegen kommt man nicht mit Logik an. Ab einem gewissen Punkt muss man mal das machen, was kein anderer je gemacht hat. Dinge, die auf den ersten Blick unlogisch oder wissenschaftlich falsch sind, um eben diese nächste Stufe zu erreichen.

Sie haben sich immer selbst trainiert. Rückblickend hat Ihnen das Recht gegeben. Brauchte es zu Beginn Mut, ohne Erfahrung das gesamte Training selbst zu koordinieren?

Faris Al-Sultan: Mut war es am Anfang eigentlich nicht. Zu Beginn meines Sportlerlebens gab es nicht viele Leute, die über so viel Erfahrung verfügten, wie ich sie heute habe. Man wusste sehr wenig. Und diejenigen, die es wussten, zum Beispiel Mark Allen oder Dave Scott, waren für mich nicht greifbar. Deswegen war es für mich die logische Konsequenz, mein Training selbst zu gestalten und viel auszuprobieren. Gegen Ende meiner Karriere hätte ich eher Mut gebraucht. Ich hätte mir einen Trainer suchen müssen, um festgefahrene Linien aufzubrechen.

Patrick, Sie wohnen in Darmstadt, Faris lebt in München. Zwischen Ihnen liegen ein paar Kilometer, wie managen Sie die Distanz? Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Patrick Lange: Wir haben in den letzten Monaten viel Zeit im Trainingslager zusammen verbracht. Die wichtigen Trainingseinheiten haben wir in den Emiraten und auf Fuerteventura zusammen absolviert. Ansonsten halten wir täglich Kontakt über WhatsApp und Telefon. Faris tauscht sich außerdem mit meinem Schwimmtrainer in Darmstadt, Benjamin Knoblauch, direkt aus. Nach einer Schwimmeinheit warten dann auch mal schöne Überraschungen auf mich. Wenn die anderen gehen, durfte ich schon 200er „all out“ schwimmen. Trotz der Distanz finde ich nicht, dass es an etwas fehlt.

Faris, in welcher Rolle sehen Sie sich in den nächsten Jahren?

Faris Al-Sultan: Ich bleibe dem Sport verbunden, weil es das ist, was mich geprägt hat und was ich gerne mache. Die Athletenzeit ist vorbei, als Rennveranstalter sehe ich mich nicht, als Pressemensch auch nicht, also bin ich der Trainer.

Wo sehen Sie Patrick in den nächsten Jahren?

Faris Al-Sultan: Auf der Strecke! Patrick ist noch keine 30. Bei vernünftigem Einsatz der Kräfte sollte er seine guten Jahre jetzt vor sich haben. Er wird Erfolge feiern, aber auch Niederlagen erleben. So wie in jeder Sportlerkarriere.