Die Wissenschaft vom Triathlon

Man kann wegen der 226 Kilometer langen Distanz einer Triathlon-Langstrecke für verrückt erklärt werden. Oder wegen einer Küchenwaage. Im aktuellen Blog von Frank Wechsel wird es biografisch.

Von > | 8. Juni 2017 | Aus: TRAINING

Abreise nach Rapperswil: Das Rad ist gefittet, die Ernährung ausgewogen. Ist auch der Athlet am Sonntag fit?

Abreise nach Rapperswil: Das Rad ist gefittet, die Ernährung ausgewogen. Ist auch der Athlet am Sonntag fit?

„Jetzt bist du verrückt geworden!“ Mein langjähriger Freund Mikael konnte nicht glauben, was ich ihn gerade gefragt hatte. Am Sonntag stehen wir zusammen an der Startlinie des Ironman 70.3 Rapperswil. Es wird seine erste Mitteldistanz (schon seinen ersten Triathlon und Marathon hatten wir zusammen gefinisht), für mich wird es eine wichtige Standortbestimmung auf meinem Weg zum Ironman Hamburg, der heute in 66 Tagen seine Premiere erleben wird. „Du spinnst doch!“ Dabei hatte ich ihn doch nur gefragt, ob er zum Rennen eine handelsübliche digitale Küchenwaage mitbringen kann. 

Aber der Reihe nach. Ich bin in einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater hatte nach dem Ingenieursstudium eine pädagogische Laufbahn eingeschlagen, an der Schule Mathe und Physik unterrichtet (und vertretungsweise Sport, was ich mir schon damals nur schwer vorstellen konnte). Ausflüge führten in die naturwissenschaftlichen Museen in Osnabrück und Münster, mein liebstes Kinderspielzeug war: Fischertechnik. Zu einer Zeit, als alle anderen dem Mainstream des Commodore C64 folgten, nannte ich einen Atari 800 XL mein eigen. Bei den Softwaretauschbörsen auf dem Schulhof war ich damit außen vor, aber so lernte ich, mich selbst mit der Technik und dem Programmieren zu beschäftigen und die Dinge zu hinterfragen.

Unter Nerds

Auch in der Schule liebte ich die Naturwissenschaften. Meine eigenwillige Leistungskurskombination bestand aus den Fächern Deutsch und Physik, zwei völlig verschiedene Welten. Nerds auf der einen Seite, Schöngeister auf der anderen – dazwischen lag die Biologie, die sich zu meinem eigentlichen Lieblingsfach entwickeln sollte. Wobei Lieblingsfach relativ ist, denn viele meiner Leidenschaften spielten sich außerschulisch ab. Zum Beispiel im Schwimmverein. Auch hier hinterfragte ich immer wieder die Dinge, beschäftige mich intensiv mit den Sportwissenschaften. Von meinem Lehrer in Sporttheorie, einem weiteren Prüfungsfach im Abitur, wurde ich bald mit „Herr Professor“ angeredet. Ich war ein Zahlenfreak, nur einmal nahm ich es nicht so genau: 1991 verschrieb ich mich als 17-Jähriger irgendwie bei der Jahreszahl in meinem Geburtsdatum, so dass ich in Frankfurt meinen ersten Marathon laufen und nach 3:18 Stunden finishen konnte.

Diverse Eignungstests

Nach der Schulzeit stand ich dann vor der entscheidenden Phase: Was nun? Im letzten Schuljahr war ich in mehreren Eignungstests für Sportstudiengänge grandios gescheitert und sah schnell ein, dass Eignungstests eine sinnvolle Sache sind: So musste ich mich nicht weiter durch Disziplinen kämpfen, für die ich völlig untalentiert war wie Turnen und alles, was mit runden Sportgeräten zu tun hat (was Kugelstoßkugeln und Fußbälle ausdrücklich mit einschließt). Für ein Medizinstudium war meine Abiturnote von 2,1 zu schlecht, aber es gab damals ja noch den Medizinertest, der Dinge wie logisches Denken, textliche Auffassungsgabe und räumliches Vorstellungsvermögen erfassen sollte. Ohne große Vorbereitung nahm ich an der Prüfung teil, „finishte“ in den obersten drei Prozent meines Jahrgangs und durfte doch sofort Medizin studieren. Schon damals ohne die feste Ambition, Arzt zu werden – mich interessierte hier auch mehr die Theorie hinter den Dingen. Ich hatte sehr viel Spaß an den vorklinischen Fächern, finishte im Oktober 1996 nach der Qualifikation in Roth den Ironman auf Hawaii mit 63 Kilogramm Körpergewicht, um vier Monate später mit knapp 80 Kilogramm mein Physikum zu bewältigen. Ich liebte die Extreme – zunächst mit Iso auf dem Rad, dann mit Schoko am Schreibtisch. Das Gewicht hielt ich dann aber auch 15 Jahre lang.

Prävention als ärztliche Disziplin

Der Rest der Geschichte ist kurz erzählt: Die Aussichten auf Lebensqualität junger Ärzte waren Ende der 90er-Jahre denkbar schlecht, mit Krankenhaushierarchien (und den damit verbundene Profilneurosen) konnte ich mich nie anfreunden und schon während des Studiums lernte ich, mir meinen Lebensunterhalt durch journalistische Tätigkeiten selbst zu finanzieren. Außerdem erkannte ich, dass die Patienten, die ich in den Kliniken sah, oft nur deshalb dort waren, weil in ihrem Leben etwas schief gelaufen war. Und ich wusste: Ich muss dazu beitragen, die Menschen gesund zu halten – durch die Motivation zum gesunden, sportlichen Leben. Im Vertrauen darauf, dass ich die wissenschaftliche Grundlagen und das publizistische Talent dafür mitbringe, gründete ich im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Ein halbes Jahr später verabschiedete ich mich mit dem 3. Staatsexamen in der Hand aus dem Klinikalltag, inzwischen bin ich approbierter Arzt ohne ärztliche Tätigkeit, aber mit einer Mission.

Wissenschaftliche Leidenschaft

Aus der damaligen Zeit, wir absolvierten beide unser "Praktisches Jahr" am Klinikum Offenburg, kenne ich Mikael, heute einer der führenden Hepatologen der Schweiz. „Du bist verrückt geworden“ war also seine Antwort auf die Frage, ob er zum Triathlon am Sonntag eine digitale Küchenwaage mitbringen könnte. Denn nachdem ich mich in den letzten Jahren eher mit publizistischen und wirtschaftlichen Fragestellungen auseinandergesetzt habe, ist seit meiner Anmeldung zum Ironman Hamburg meine wissenschaftliche Leidenschaft wieder entfacht worden. An jedem Tag meines Ironman-Trainings habe ich neue Dinge dazu gelernt. Wie funktioniert die Leistungsmessung beim Radfahren? Was ist die FTP? Warum sollten Sportler ihren Vitamin-D-Spiegel im Auge behalten? Welche Metriken bilden die neuen Laufdiagnosetools ab – und wie valide sind sie? Welchen cDA-Wert habe ich und wie, verdammt noch mal, kann ich ihn weiter verbessern? Und zuletzt: Mit welcher Ernährungsstrategie komme ich am besten durchs Training und am schnellsten durch den Wettkampf?

Von kontraktilen und nutritiven Reizen

Für diese letzte Fragestellung habe ich eine Expertin gefunden, die in vielen Dingen genauso tickt wie ich: Caroline Rauscher, die Inhaberin der Firma Nutritional Finetuning, überlässt bei ihren Athleten nichts dem Zufall. Als studierte Pharmazeutin ist sie Naturwissenschaftlerin wie ich, weiß, wie Magen, Darm und Muskel funktionieren. Das Thema Ernährung ist wohl eine der Disziplinen, wo Esoterik und Wissenschaft am heftigsten aufeinanderprallen. Caroline Raucher vertritt die Seite der Wissenschaften mit Herzblut, kennt alle Studien, ohne zu vernachlässigen, dass jeder Sportler ein Individuum ist und vor allem: ein Sportler. Einen zentraler Satz aus unserem ersten Telefonat, bei dem wir festgestellt haben, dass wir auf der gleichen Wellenlänge funken, wird mir lange in Erinnerung bleiben: „Der nutritive Reiz folgt dem kontraktilen.“ Das Training, bei dem ich mit den ebenso wissenschaftlich denkenden Experten von STAPS zusammenarbeite, ist die eine Sache. Die bestmögliche Ernährung, um die Trainingsreize in einen Leistungsfortschritt umzusetzen, ist die andere. Die Vernetzung dieser beiden Wissenschaften ist eine spannende interdisziplinäre Aufgabe. 

Mein persönliches Racefuel

Am Sonntag, wenn ich um 9:12 Uhr beim Ironman 70.3 Rapperswil ins Rennen gehe, hat die Trainingswissenschaft Pause. Die Reize sind gesetzt, jetzt geht es um das perfekte Pacing über die 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer laufen. In den Radflaschen und Trikottaschen wird meine persönliche Mischung Racefuel sein – das Energiegetränk, das wir in den letzten Wochen als optimale Versorgung ermittelt haben, in einer Dosierung, die genau abgewogen ist. Dafür also die Küchenwaage. Und dazu ein andernmal mehr.