Brownlee und Gómez: Neuer Kontinent, altes Bild?

Es sollte der erste große Dreikampf des übermächtigen Kurzdistanz-Trios werden - doch weil Alistair Brownlee seinen Start beim ersten südafrikanischen WM-Rennen kurzfristig absagte, kommt es in Kapstadt erneut nur zum Duell zwischen seinem Bruder Jonathan und Javier Gómez. Das DTU-Team hofft beim zweiten Serienrennen auf zwei Top-Ten-Ergebnisse.

Von > | 25. April 2014 | Aus: SZENE

WTS Madrid Männer_09 | Das spanisch-britische Duo macht auch auf der Radstrecke viel Druck. Zu viel.

Das spanisch-britische Duo macht auch auf der Radstrecke viel Druck. Zu viel.

Foto >Janos Schmidt / triathlon.org

Afrika - vielleicht ist es ja das, was für ein wenig Spannung sorgen kann: Ein neuer Kontinent, ein noch unbeflecktes Stück Triathlon-Land für die Kurzdistanzstars - zumindest eine kleine Unbekannte also in einer Rennserie, die seit ihrer Einführung im Jahre 2009 ansonsten vor allem drei Konstanten kennt: Dass das Radfahren auf das Schwimmen folgt. Dass zum Abschluss gelaufen wird. Und vor allem, dass der Sieger Brownlee oder Gómez heißt.

Titelrennen für Alistair Brownlee fast schon vorbei

Sechs der acht WM-Rennen im vergangenen Jahr wurden von einem der britischen Brüder Alistair oder Jonathan Brownlee gewonnen, die beiden übrigen entschied der Spanier Javier Gómez für sich - genau wie das erste Rennen des Jahres 2014 in Auckland Anfang des Monats. Insgesamt haben die drei Überflieger 30 der 41 bislang ausgetragenen Rennen in der WM-Serie gewonnen, obwohl bei nur 36 davon überhaupt einer von ihnen am Start stand. Und sogar nur ein einziges Mal - nämlich in Kitzbühel im Jahr 2010 - hieß der Sieger nicht Brownlee oder Gómez, wenn mindestens zwei aus dem dominanten Trio tatsächlich am Start standen: Stuart Hayes (GBR) gelang es dort, mit einer Attacke auf dem Rad Gómez und Alistair Brownlee den Sieg zu entreißen. Ein Malheur, das den Brownlees und  Gómez heute kaum mehr passieren würde: Schon deshalb nicht, weil sie auf der Radstrecke selbst mittlerweile regelmäßig Fluchtgruppen bilden und Attacken starten.

Es scheint also, als gäbe es nur einen wirklich ebenbürtigen Herausforderer für die drei Überflieger: den eigenen Körper. Der nämlich ist es, der Alistair Brownlee schon im April einen Strich durch die Weltmeisterschafts-Rechnungen für das gesamte Jahr zu machen scheint: "Ich bin noch nicht bereit für dieses Rennen und will nicht antreten, wenn ich nicht mein Bestes geben kann", gab der frustrierte Olympiasieger bekannt, als er Mitte der Woche seinen geplanten WM-Einstand 2014 absagte. Damit müsste Brownlee alle fünf verbleibenden Rennen der diesjährigen WM-Serie bestreiten, um mit Titelchancen zum Finale nach Edmonton (CAN) zu reisen. So deutet schon früh viel auf eine Titel-Entscheidung zwischen Jonathan Brownlee und Javier Gómez hin, wie es sie bereits im September 2013 in London gab.

Zwei Südafrikaner für alle Fälle

Es sei denn, es schafft nach fünf Jahren beinahe durchgehender Dominanz doch ein Athlet, die spanisch-britische Vorherrschaft zu brechen. Als Anlass dafür könnte tatsächlich der erste Besuch der WM-Serie auf dem afrikanischen Kontinent dienen: nach den Entwicklungsfortschritten von Gómez' Landsmann Mario Mola könnte der Spanier es bereits auf ein direktes Aufeinandertreffen mit seinem Vorbild Gómez und Jonathan Brownlee anlegen, wenn er beim Schwimmen einen guten Tag erwischt. Das gilt auch für den Südafrikaner und Molas Trainingskollegen Richard Murray, der sich vor heimischem Publikum viel vorgenommen hat, nachdem er den Wettkampf in Kapstadt - bisher meist als Kontinentalcup ausgetragen - in den vergangenen Jahren dominierte. "Das Rennen ist wichtig für die Medien und die Sponsoren bei uns", schreibt er vor dem Rennen auf seiner Website - deshalb hat der 25-Jährige sein Training auch darauf ausgelegt, an diesem Tag eine Topleistung abrufen zu können.

Für konstante Spitzenergebnisse in der WM-Serie fehlte es ihm - wie auch Mola - zuletzt allerdings noch an Durchsetzungskraft beim Schwimmen. Bei den afrikanischen Meisterschaften Mitte des Monats verlor er dort sogar satte drei Minuten auf seinen Landsmann und Gómez' Trainingskollegen, Henri Schoeman - was Murray im Anschluss allerdings vor allem auf die ungewohnte Höhe von 2.100 Metern in Simbabwe zurückführte. So aber ist zumindest das stärker werdende südafrikanische Team für alle denkbaren Rennverläufe gewappnet: Während der starke Schwimmer Schoeman, der im Winter wegen einer Verletzung zwischenzeitlich mit dem Lauftraining aussetzen musste und in der Abschlussdisziplin deshalb noch nicht in Topform ist, auf eine kleine Spitzengruppe hoffen wird, dürfte Murray vor heimischem Publikum auf eine Laufentscheidung setzen. Die würde auch Joao Silva, einem weiteren Athleten aus der starken Trainingsgruppe um Mola und Murray, in die Karten spielen, nachdem der Portugiese in Auckland aufgegeben hatte. Knapp zwei Jahre nach einem schweren Radunfall, nach dem seine Ärzte gar bezweifelten, dass er jemals wieder werde Laufen können, feiert auch der junge US-Amerikaner Lukas Verzbicas sein Comeback in der WM-Serie - um Spitzenplatzierungen wird der 21-Jährige allerdings noch nicht kämpfen können.

DTU: Ein Neuling, vier Starter, zwei Top-Ten-Platzierungen?

In diesen Kampf könnten dagegen, ähnlich wie in Auckland, die jungen Australier Aaron Royle und Ryan Bailie, der Russe Dmitry Polyanskiy und die Franzosen Vincent Luis, Aurelien Raphael und Vincent Le Corre eingreifen. Auch die Deutschen haben sich nach Gregor Buchholz' neuntem Rang in Auckland ambitionierte Ziele gesetzt: Gleich zwei Top-Ten-Platzierungen sollen die vier DTU-Männer aus Südafrika mitbringen. Die größten Hoffnungen setzt Bundestrainer Dan Lorang dabei auf den "Routinier" im Team, Steffen Justus, der - hält er im Schwimmen den Anschluss - "das Potenzial für eine Platzierung unter den besten Acht" hat, sagt Lorang. Ob in Kapstadt überhaupt - oder vielleicht nur verkürzt - geschwommen wird, ist aber unsicher: Die Auftaktdisziplin steht bei einer Wassertemperatur von 12,5 Grad Celsius (Stand Freitagmorgen) auf der Kippe.

Auch Buchholz traut der Bundestrainer erneut eine Top-Ten-Platzierung zu - sofern er nach dem Radfahren in Schlagdistanz zur Spitze liegt, was angesichts Buchholz' Probleme in der Auftaktdisziplin und dem flachen, schnellen Radkurs aber schwierig werden könnte. Ähnliches gelte auch für den Potsdamer Franz Löschke, der kurz vor dem Studienabschluss steht und im Training deshalb zuletzt etwas zurückstecken musste. Der vierte Deutsche, Justus Nieschlag, feiert in Südafrika seinen Einstand auf der großen Bühne der World Triathlon Series und soll daher zunächst vor allem Erfahrungen und einige WM-Punkte sammeln. Auch zwei "ehemalige" DTU-Athleten gehen in Südafrika an den Start: Im Trikot des österreichischen Teams möchte sich Thomas Springer weiter in der WM-Serie etablieren und Punkte für Olympia in Rio holen. Zunächst noch im neutralen ITU-Trikot startet die frühere DTU-Hoffnung Jonas Schomburg erstmals bei einem Rennen der World Triathlon Series: Der Niedersachse steht vor einem Wechsel in das Triathlon-Team der Türkei.