Die Qual der Wahl

Immer einmal öfter aufstehen als man hinfällt: Erin Densham und Olympiasiegerin Emma Snowsill leben dieses Motto, das so simpel klingt und doch so schwer umzusetzen ist. Im Kampf um ein Olympiaticket sind die beiden Australierinnen nun Konkurrentinnen - und Densham aktuell obenauf, während Snowsill vor dem Rennen in San Diego am Boden liegt. Beide wissen, wie schnell sich das ändern kann.

Von > | 8. Mai 2012 | Aus: SZENE

Frauensiegerin Erin Densham

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Nachdem Erin Densham am 27. Juni 2009, beim Hy-Vee-Triathlon in Des Moines, aus dem Wasser gerettet werden musste, realisierte sie, dass es wichtigeres im Leben gibt als Triathlon. Seit ihrem zwölften Lebensjahr hatte die Australierin, U23-Weltmeisterin 2006, Olympionikin 2008, mit Attacken von Herzrasen zu kämpfen. "Doch so häufig, wie es 2009 passierte, kamen die Attacken vorher nie", sagt Densham heute. Bis zu 270 Mal pro Minute schlug ihr Herz an jenem Junitag. In Des Moines musste sie deshalb aus dem Wasser gefischt werden. Densham testete ihr Herz noch ein paar Mal in Wettkämpfen, dann ordnete sie ihre Karrierepläne endlich der Gesundheit unter und stellte sich der nötigen Operation, pausierte und kam erfolgreich zurück. Musste das Laufen wegen einer Oberschenkelverletzung für vier Monate einstellen, arbeitete sich wieder ran - und beendete die Saison 2011 wegen einer Stressreaktion ihres Schienbeins erneut vorzeitig. Nun ist Erin Densham, mittlerweile 27, wieder da, wo sie vor einigen Jahren abgetreten war. Mit Siegen beim Weltcup in Mooloolaba und beim WM-Serienrennen in Sydney hat sie sich eindrucksvoll zurückgemeldet. "Weil ich die letzte Saison früher abbrechen musste, konnte ich auch die Basisarbeit früher wieder aufnehmen", sagt sie. Nicht weniger als WM- und Olympiagold gibt sie nach dem gelungenen Saisoneinstand als Ziele aus - und bringt damit nicht nur die nationale Konkurrenz, sondern auch die Sportverbände in Bedrängnis.

Denn bisher wurde nur einer von drei Olympia-Startplätzen im australischen Team an Emma Moffatt vergeben. Die übrigen zwei Athleten sollten unmittelbar nach dem WM-Rennen in Sydney nominiert werden - hieß es, als noch alles darauf hindeutete, dass die Emmas Jackson und Snowsill das Team Australia zum Team Emma machen würden. Nun, nach Denshams Comeback, wurde die Entscheidung vertagt, weil sich der australische Triathlonverband und das nationale Olympische Komitee nicht über die Nominierungen einigen konnten. Streitpunkt, so berichten australische Medien, sei die Personalie Emma Snowsill. Denn die Olympiasiegerin konnte, nach ihrem Olympiasieg 2008 wie Densham immer wieder von Verletzungen und Krankheiten zurückgeworfen, zuletzt nur selten positiv hervorstechen: Mit einem beeindruckenden Sololauf gewann sie das WM-Finale in Budapest 2010 - doch danach gelangen ihr nur zwei weitere Top-Ten-Platzierungen in der Serie. Reicht das, um sie Comebackerin Densham vorzuziehen? Oder reicht es, damit die junge Emma Jackson, beste Australierin 2011, leer ausgeht? Die Offiziellen sind noch unschlüssig - und wollen bei den Rennen in San Diego und Madrid weitere Eindrücke sammeln, halten den Druck auf die Sportlerinnen weiter hoch. Sie müssen nur hoffen, dass nicht auch noch die junge Ashleigh Gentle, in Sydney Zehnte, beginnt, Rennen zu gewinnen - und sich die Lage weiter verkompliziert.

Anne Haug bremst die Erwartungen

Luxusprobleme, die man in anderen Nationen gern hätte - sicher ist den Australierinnen der Sieg in San Diego (Freitag, 23 Uhr MESZ) deshalb trotzdem noch lange nicht. Neben den Emmas Moffatt, Snowsill, Jackson, Erin Densham und Ashleigh Gentle kämpfen auch die britische Weltmeisterin Helen Jenkins, die Schweizerin Melanie Annaheim und zwei der Senkrechtstarterinnen des Jahres 2011, Sarah Groff und Gwen Jorgensen (USA), wieder um vordere Platzierungen. Für Überraschungen sind auch Kiwi Nicky Samuels, die Kanadierin Kathy Tremblay, die Niederländerin Rachel Klamer, die erfahrenen Laura Bennett (USA) und Jessica Harrison (FRA) gut. Auch die Schweizerin Daniela Ryf kehrt in San Diego zurück. Kathrin Müller und Svenja Bazlen, die in der Olympia-Punkteliste vor Ryf bleiben wollen, damit Deutschland drei Frauen zum Olympia-Triathlon schicken darf, setzen dagegen bis zum Olympiaqualifikationsrennen in Madrid in zwei Wochen aus. Nur zwei deutsche Damen haben die Reise nach San Diego überhaupt angetreten: Nachwuchshoffnung Sarah Fladung - und Anne Haug.

Mit dem starken siebten Platz hatte die beim WM-Auftakt in Sydney bewiesen, wozu sie in der Lage ist, wenn sie beim Schwimmen nicht zu viel Zeit auf die Spitze verliert - und das, obwohl auch ihr Fokus klar auf dem Qualifikationsrennen der Deutschen in Madrid liegt. Die vergangenen drei Wochen hat Anne Haug deshalb im Höhentrainingslager in Sedona (Arizona, USA) verbracht und ist Mitte der Woche nach San Diego weitergeflogen. "Normalerweise gelingen mir direkt aus der Höhe keine so guten Rennen", bremst Haug gegenüber tri-mag.de die Erwartungen. "Ich werde den Wettkampf als letzten großen Test nutzen, in der Renneinteilung beim Schwimmen ein paar neue Sachen ausprobieren." Offen ist noch, ob, wie in Sydney, mit Neoprenanzug geschwommen wird. "Das wird ganz knapp", meint Haug. "Aber ich nehme es, wie es kommt. Ich schwimme sogar lieber ohne Neoprenanzug, weil ich dann einfach ein besseres Wassergefühl habe - auch wenn ich natürlich nicht abstreiten kann, dass ich mit Anzug schneller bin, weil ich einfach keine Schwimmerin bin." Trotzdem, sagt Haug, hoffe sie auch in San Diego wieder auf ein gutes, mindestens solides Ergebnis. "Über die Platzierung mache ich mir aber keine Gedanken. Die kann ich eh nicht beeinflussen", sagt sie. So war sie auch das Rennen in Sydney angegangen- und hatte das Feld auf der zweiten Hälfte der Laufstrecke dann von hinten bis auf den siebten Platz aufgerollt.