"Irrer" Brownlee schlägt eiskalt zu

Mit der wahrscheinlich besten Leistung seiner Karriere hat Jonathan Brownlee das dritte Rennen der World Triathlon Series 2015 in Gold Coast vor den Spaniern Mario Mola, Javier Gómez und Vicente Hernandez für sich entschieden. Eine kleine Schwäche seiner Konkurrenten zu Rennbeginn nutzte Brownlee sofort eiskalt aus. Das DTU-Team enttäuschte.

Von > | 11. April 2015 | Aus: SZENE

Jonathan Brownlee | Nicht einfach nur ein Sieg, sondern ein dickes Ausrufezeichen: Jonathan Brownlee dominiert in Gold Coast

Nicht einfach nur ein Sieg, sondern ein dickes Ausrufezeichen: Jonathan Brownlee dominiert in Gold Coast

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Falls es nach seinem Sieg in Auckland noch Zweifel an seiner Form gegeben haben sollte, hat er sie spätestens jetzt, zwei Wochen später, vollständig ausgeräumt: Jonathan Brownlee ist zurück - und wahrscheinlich stärker denn je zuvor in seiner noch jungen, aber dennoch höchst erfolgreichen Karriere. Beim dritten WM-Serienrennen des Jahres bewies er, dass er seinen älteren Bruder Alistair nicht zwingend benötigt, um in Sekundenbruchteilen richtige Entscheidungen zu treffen. Und, um die Konkurrenz mit einem riesigen Kraftaufwand auch für die kleinsten Unachtsamkeiten umgehend zu bestrafen.

"Aggressive Leader" Brownlee gnadenlos

Diese kleine Unachtsamkeit nämlich war Javier Gómez beim Schwimmen in Gold Coast passiert: Wieder einmal setzte sich dort der Slowake Richard Varga an die Spitze und zog das Feld, dicht gefolgt von Jonathan Brownlee und den Russen Igor und Dmitry Polyanskiy, in die Länge. Bereits zum ersten Zwischenausstieg nach 750 Metern entstand so eine kleine Lücke hinter dem Spitzenquartett - doch waren es da zunächst nur rund drei Sekunden, die die Führenden von Javier Gómez trennten. Auf der zweiten Hälfte der Schwimmstrecke allerdings verlor der noch neun weitere Sekunden - und bemerkte das erst auf dem Weg in die Wechselzone. "Ich hatte mich einfach an die Füße von Pierre Le Corre gesetzt. Dass dort eine Lücke zu den vier Leuten an der Spitze entstanden war, habe ich gar nicht gesehen", gab Gómez später zu. Und als er es dann sah, war es bereits zu spät. "Da wusste ich, dass das heute verdammt hart wird."

Denn Brownlee hatte die Situation und seinen rund zehnsekündigen Vorsprung prompt erkannt - und wollte die Konkurrenz für diese minimale Unachtsamkeit eiskalt bestrafen. In typischer Manier rannte er mit seinem Rad auf die Strecke, brüllte seinen drei Begleitern schon beim Aufspringen Anweisungen entgegen - und brachte die Gruppe mit den beiden Polyanskiys und seinem Freund Varga sofort ins Laufen. Über 30 Sekunden erarbeiteten sie sich, immer wieder lautstark angetrieben von Brownlee, binnen kürzester Zeit auf eine fünf Mann kleine Verfolgergruppe, in der aber nur Javier Gómez den Ausreißern entschlossen nachsetzte. So wurde Gómez' Gruppe bald vom eine Minute hinter Brownlee zurückliegenden großen Hauptfeld mit fast allen schnellen Läufern um Mario Mola (ESP) und Richard Murray (RSA) geschluckt, wogegen die DTU-Starter Gregor Buchholz und Christopher Hettich den Sprung dorthin beim Schwimmen deutlich, Franz Löschke nur um wenige Sekunden verpasste.

WTS Gold Coast | Auf der Flucht: Perfekte Teamarbeit des britisch-slowakisch-russischen Trios

Auf der Flucht: Perfekte Teamarbeit des britisch-slowakisch-russischen Trios

Foto >Delly Carr / triathlon.org

"Er ist gerannt wie ein Irrer"

Doch aufgegeben hatte Gómez noch lange nicht: Runde um Runde arbeitete er sich mit dem großen Feld jeweils um wenige Sekunden näher an die vier beherzt kämpfenden Ausreißer heran - und plötzlich verloren die sogar noch deutlicher an Zeit. Nach 25 Kilometern rutschte Igor Polyanskiy in einer Kurve vorn fahrend weg, sein Rad schlitterte in Brownlees Hinterrad, drückte ihn beinahe in die Bande - der aber schaffte es irgendwie, sich in den Pedalen zu halten und setzte das Rennen fort, ohne anzuhalten. Während Polyanskiy, wütend gegen sein Rad tretend, das Rennen beenden musste, sahen die Verfolger ihre Chance zum Aufschließen nun gekommen und drückten noch stärker auf das Tempo. Aber auch zu dritt wehrten sich die Ausreißer weiterhin mit aller Kraft und retten 20 Sekunden zum zweiten Wechsel. "Das war, auch weil der Wind heute eine Rolle gespielt hat, ganz harte Arbeit und eine unbeschreibliche Leistung vor allem von Richard Varga", schwärmte Brownlee später über seine Fluchthelfer, die das Rennen als 13. (Polyanskiy) und 15. (Varga) beendeten.

Auf der Laufstrecke setzte Brownlee dann sofort alles auf eine Karte. Wie in Auckland sprintete er aus der Wechselzone, um bei seinen Konkurrenten erst gar keine Hoffnungen auf den Sieg aufkommen zu lassen. Und obwohl die Verfolger um Mola, Murray, Gómez, Le Corre und Hernandez sich gegenseitig antrieben, schon bald Varga und Polyanskiy schluckten, kamen sie nicht näher an Brownlee heran - sondern fielen auf den ersten zwei Kilometern sogar noch zehn Sekunden weiter zurück. "Ich wollte ihnen auf der ersten 2,5-Kilometer-Runde möglichst viel Zeit abnehmen und danach konstant bleiben", erklärte Brownlee seine Taktik für den abschließenden Lauf. Und die ging auf. Nach einem Zehn-Kilometer-Lauf über 29:49 Minuten sprang er, das Zielbanner in seiner typischen Art mit einer Faust nach oben schlagend, als Sieger über die Ziellinie - und sackte dahinter sofort erschöpft zusammen. "Er ist gerannt wie ein Irrer. Das war eine wahnsinnige Leistung", erkannte auch der Zweitplatzierte Mario Mola an, der sich die Silbermedaille mit einer Tempoverschärfung nach fünf Kilometern sicherte. Javier Gómez setzte sich knapp einen Kilometer vor dem Ziel in einem Duell um Bronze gegen seinen Landsmann Vicente Hernandez durch. Bester Deutscher in Gold Coast wurde Franz Löschke auf dem 28. Rang. Justus Nieschlag hatte wegen Magen-Darm-Problemen kurzfristig von einem Start absehen müssen.

WTS Gold Coast | Die Verfolger geben alles, doch Brownlee leistet sich keinen schwachen Moment

Die Verfolger geben alles, doch Brownlee leistet sich keinen schwachen Moment

Foto >Delly Carr / triathlon.org

ITU World Triathlon Gold Coast 2015

  1. April 2015, Gold Coast (AUS)

Name

Nation

Gesamt

1,5 km Swim

40 km Bike

10 km Run

1

Jonathan Brownlee

GBR

1:46:53

17:11

59:06

29:49

2

Mario Mola

ESP

1:47:11

18:19

58:22

29:44

3

Javier Gomez

ESP

1:47:21

17:27

59:15

29:54

4

Vicente Hernandez

ESP

1:47:26

18:15

58:25

29:55

5

Richard Murray

RSA

1:47:45

18:21

58:22

30:16

6

Pierre Le Corre

FRA

1:47:55

17:26

59:14

30:28

7

Fernando Alarza

ESP

1:48:18

18:14

58:26

30:45

8

Joao Pereira

POR

1:48:19

18:19

58:26

30:48

9

Ryan Bailie

AUS

1:48:23

17:55

58:47

30:54

10

Courtney Atkinson

AUS

1:48:30

18:21

58:23

31:00

28

Franz Löschke

GER

1:50:17

18:32

58:59

31:59

50

Christopher Hettich

GER

1:55:32

18:46

1:01:20

34:30

DNF

Gregor Buchholz

GER

19:20

1:03:07

Swipe me