Jorgensen testet für Rio, Deutsche robben sich ran

Rechtzeitig vor dem Olympia-Qualifikationsrennen in Rio de Janeiro scheinen die deutschen Triathletinnen der Weltspitze wieder näher zu rücken. Ganz vorne zieht allerdings weiterhin Weltmeisterin Jorgensen einsam ihre Kreise. Auch in Hamburg ist sie die große Favoritin.

Von > | 17. Juli 2015 | Aus: SZENE

Anne Haug - London 2014 | Anne Haug fällt nach dem London-Sturz länger aus als erhofft.

Anne Haug fällt nach dem London-Sturz länger aus als erhofft.

Foto >DTU/ Petko Beier

Wie sich die Bilder ändern: Vor dem Hamburger Triathlon 2011 zitterten die deutschen Triathlon-Damen noch um ihren dritten Olympia-Startplatz, der Anschluss an die Weltspitze schien - außer für Anne Haug, der wenig später der Durchbruch glückte - weit entfernt. Nur Svenja Bazlen gelang in Hamburg der Sprung unter die besten 25. Gleichzeitig räumten die deutschen Männer um Jan Frodeno, Maik Petzold, Sebastian Rank, Christian Prochnow und Steffen Justus in der World Triathlon Series Top-Ten-Platzierungen "en masse" ab. Nur einen Olympiazyklus später hat sich alles um 180 Grad gedreht: Von der einstigen ersten Reihe der Männer ist nur Steffen Justus geblieben, die ehemalige "B-Reihe" kämpft weiter um den Durchbruch - der dritte Olympiastartplatz wackelt. Während die deutschen Frauen dank des starken Nachwuchses nach und nach beginnen, sich um und in den Top Ten zu etablieren.

Haug in Tippelschritten zurück

Anja Knapp, Rebecca Robisch, Anne Haug, Sophia Saller, Laura Lindemann und Hanna Philippin sind derzeit die sechs Hoffnungsträgerinnen, die die Deutsche Triathlon Union am Samstag ins Rennen schickt - während in den Talentschmieden der Landeskader zuletzt immer wieder weitere motivierte junge Damen auf sich aufmerksam machten. Nur Haug war aus diesem Sextett auch 2011 schon in Hamburg am Start und wurde beim Dreifach-Erfolg der australischen Emmas Moffatt, Jackson und Snowsill nur 33.. In der Zwischenzeit war die 32-Jährige unter anderem Vize-Weltmeisterin - und hat sich die Rückkehr an die Weltspitze nach einem unverschuldeten und folgenschweren Sturz beim WM-Rennen in London im vergangenen Jahr auf die Fahne geschrieben.

Ein Knochenmarködem warf Haug nach London monatelang aus dem Training, weshalb sich die Erlangerin seit diesem Frühjahr nur in kleinen Schritten wieder in Richtung alter Stärke zurückarbeitet. Eine Top-Acht-Platzierung als beste Deutsche in Rio de Janeiro Anfang August hat Haug sich dabei schon zu Jahresbeginn fest vorgenommen, um das Olympiaticket in diesem Jahr bereits zu lösen - und bekommt in Hamburg nun die Chance für einen letzten ernstzunehmenden Formtest. Denn beim Sprintrennen an der Alster haben mit Ausnahme der Schweizerin Nicola Spirig, die laut Schweizer Medien derzeit bewusst versucht, der amerikanischen Weltmeisterin Gwen Jorgensen im Rennen aus dem Weg zu gehen, alle Frauen gemeldet, die derzeit das Geschehen im Kurzdistanz-Zirkus mitbestimmen.

Starkes US-Scouting und viele Comebacks

Die kommen in dieser Saison vor allem aus den USA, wo über das College-System gezielt Athletinnen mit schwimmerischen Wurzeln und läuferischem Talent gescouted und zu Triathletinnen ausgebildet werden. So wurde auch Gwen Jorgensen zur amtierenden Weltmeisterin geformt - und wirkt im Moment, auch in Hamburg, unter normalen Umständen kaum schlagbar, weil die Amerikanerin keine Schwäche mehr hat. Mit fünf Saisonsiegen ist das Rennen für sie eine Art "Ehrenrunde" und Formtest vor dem Olympiaqualifikationsrennen in Rio de Janeiro: Die Maximal-Punktzahl von 4.000 Zählern vor dem Finale in Chicago im September hat sie ohnehin sicher. Hinter ihr postieren sich bereits ihre Landsfrauen Katie Hursey und Sarah True (ehemals Groff) - vor allem starke Schwimmerinnen -, die im Ranking nur durch die Neuseeländerin Andrea Hewitt getrennt werden. In Renee Tomlin, Kirsten Kasper und Kaitlin Donner entsendet der US-Verband außerdem noch drei weitere talentierte Damen, denen ein Durchbruch in naher Zukunft zuzutrauen ist.

Auch die Britinnen wollen in Hamburg wieder einen Schritt zurück zu alter Stärke schaffen: Mit Non Stanford und Jodie Stimpson stehen erstmals wieder gleichzeitig die beiden Frauen auf der Meldeliste, die noch im Jahr 2013 gemeinsam mit Jorgensen und Haug die Weltspitze dominierten und die ebenfalls zuletzt Verletzungsprobleme hatten. Auch Vicky Holland (GBR) ist wieder zurück auf dem Weg an die Weltspitze, an der sie vor wenigen Jahren bereits einmal kratzte, und ergänzt das britische Team in Hamburg. Die Australierinnen entsenden mit Erin Densham und Emma Jackson ebenfalls zwei Damen, die zuletzt nach der Form rund um die Olympischen Spiele von 2012 suchten, außerdem kämpft für die Australierinnen die starke Läuferin Ashleigh Gentle um eine Podestplatzierung. Auch die durch zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten immer wieder gesundheitlich geplagte Kanadierin Kirsten Sweetland, die Tschechin Vendula Frintova, Maaike Calaers, Rachel Klamer (beide NED) und Andrea Hewitt sind in Hamburg Anwärterinnen auf Top-Platzierungen.

Deutsche mit unterschiedlichen Hoffnungen

Die Deutschen haben sich für das Frauenrennen derweil ambitionierte Ziele gesetzt: Eine Top-Sechs- und eine weitere Top-Ten-Platzierung will Cheftrainer Ralf Ebli im Einzelrennen am Samstag (15:45 Uhr) sehen. Vieles hängt für die Deutschen, von denen ein großer Teil des Aufgebots zuletzt ein Höhentrainingslager in St. Moritz absolvierte, von ihrer Schwimmleistung ab: Haug, Robisch, Saller und Philippin fehlte dort auf dem höchstem Kurzdistanz-Niveau in den letzten Rennen noch die Konstanz, sich regelmäßig an der Spitze festzusetzen und es so auf dem Rad in die Spitzengruppe zu schaffen. Im Falle einer Laufentscheidung haben alle gute Chancen auf vordere Platzierungen. Ihren beiden Teamkolleginnen Anja Knapp und der Deutschen Meisterin Laura Lindemann aus Potsdam, beide sehr gute Schwimmerinnen, würden schnelle erste 750 Meter mit Chance auf eine kleine Spitzengruppe auf dem Rad dagegen in die Karten spielen.

Das Frauenrennen wird am Samstag um 15:45 Uhr an der Alster gestartet. tri-mag.de berichtet wie gewohnt zeitnah von der Entscheidung.