Nervenspiele mit Happy End

Die schmalen Schultern und die Psyche von Alistair Brownlee haben dem immensen Druck standgehalten. Der 24-Jährige hatte das Rennen rund um den Hyde Park jederzeit im Griff und holt verdient olympisches Gold. Der Spanier Javier Gómez gewinnt Silber und schließt endlich Frieden mit Olympia. Die Deutschen bleiben ohne Medaille.

Von > | 7. August 2012 | Aus: SZENE

London 2012 - Triathlon Männer - 58 | Olympia-Triathlon Männer 2012

Olympia-Triathlon Männer 2012

Foto >Silke Insel / spomedis

Was wurde vor dem vierten olympischen Triathlonrennen nach Sydney, Athen und Peking nicht alles über sie geschrieben. Auf eine Stufe mit Sir Chris Hoy, dem sechsfachen Bahnrad-Olympiasieger, hatte man Alistair und Jonathan Brownlee in den Wochen und Monaten vor ihrem olympischen Heimspiel empor gehoben. Welch riesige Belastung muss das für die beiden 22- und 24-jährigen Schlakse aus Leeds, im Nordosten des Vereinigten Königreichs, gewesen sein. Sie könnten sich nur selbst schlagen, behaupteten die einen, es sei an der Zeit, sie endlich zu schlagen, witterten andere. Dazu die nicht enden wollenden Querelen um die undurchsichtige und bisweilen chaotische Nominierungspolitik des Verbands, an denen die beiden offenbar nicht ganz unbeteiligt waren. Doch all das war Makulatur, als sich die beiden Top-Favoriten heute Mittag am Ostufer des Lake Serpentine im Londoner Hyde Park gemeinsam mit 53 bis in die Zehenspitzen motivierten Kontrahenten auf dem Pontoon aufstellen.

Wasserschlacht: 62 Sekunden pro 100 Meter

Dann geht sie los - die Jagd nach den Brownlees. Den hinter vorgehaltener Hand als Helfer der Briten gehandelten Richard Varga müssen die nicht fürchten. Im Gegenteil: Der schwimmstarke Slowake soll - anders als die unerfahrene Lucy Hall am vergangenen Samstag im Rennen der Frauen - Alistair und Jonathan auf den 1.500 Metern ins Schlepptau nehmen und zugleich einige der schwächeren Schwimmer in Bedrängnis bringen. Der Plan geht auf. Binnen weniger hundert Meter reißt das Feld gleich an mehreren Stellen auseinander. Allein Dauerrivale Javier Gómez, der Italiener Alessandro Fabian, Ivan Vasiliev können abgesehen von den Brownlees folgen. Dahinter klaffen Lücken. Jan Frodeno und Maik Petzold beißen sich in der ersten Verfolgergruppe fest, für Steffen Justus wird es schon bei Halbzeit eng. 62 Sekunden pro 100 Meter - das ist zu schnell für den hoch gehandelten 30-Jährigen. Nach 16:56 Minuten führt Varga ein Quintett aus dem 19 Grad warmen See im Herzen Londons. Frodeno wechselt als Neunter, Petzold nur wenige Sekunden dahinter. Ein klasse Ausgangsposition für die beiden Deutschen. Steffen Justus ist nur 35., mehr als eine Minute zurück. Die Gruppe mit seinen Teamkollegen ist weg als er sich aufs Rad schwingt.

Frodeno fängt die Brownlees

Viel besser hätte es für die Brownlees im Wasser gar nicht laufen können. Und genau das wollen sie jetzt für sich nutzen. Mit mehr als 50 Kilometern pro Stunden jagen sie durch den Wellington Arch und zum ersten Mal am Buckingham Palace und den Zuschauermassen am Straßenrand vorbei. 21 Sekunden Vorsprung stoppen die Zeitmesser nach der ersten von sieben Runden. Weiter kommen sie nicht weg. Das ist auch der Verdienst von Frodeno, der sich immer wieder vor die 17-köpfige Verfolgergruppe spannt. Nach der schwierigen Vorbereitung scheint der 30-Jährige gerade noch rechtzeitig, zurück zu alter Stärke gefunden zu haben. In der dritten Runde sind die prominenten Ausreißer gestellt. Für Jonathan Brownlee kommt es danach noch dicker. Er soll beim ersten Wechsel zu früh aufs Rad gesprungen sein und kassiert eine 15-sekündige Zeitstrafe. Eine weitere Prüfung für das Nervenkostüm des 22-Jährigen - und das ausgerechnet im olympischen Triathlon. Erst in der vierten von sieben Runden kommt wieder Bewegung ins Feld. Der Russe Ivan Vasiliev und Kris Gemmell haben offenbar keine Lust, mit den Brownlees auf die Laufstrecke zu gehen. Wer will es ihnen verdenken? Doch der Vorstoß verpufft. Die drei Briten ersticken ihn - wie alle anderen Versuche - schon im Keim. Doch auch ihre eigenen Attacken sitzen nicht richtig. Javier Gómez zuckt nur mit den Achseln, als Jonathan ihn wenige Kilometer vor dem zweiten Wechsel auch mal in die Führung locken will. Nach 1.500 Metern Schwimmen und den 43 Radkilometern zwischen Hyde Park und Buckingham Palace fällt die Entscheidung wie so oft auf der Laufstrecke.

Hart, härter, Brownlee

Noch immer eine komfortable Rennsituation für die beiden frenetisch angefeuerten Brownlee-Brüder. "Wir versuchen jedes unserer Rennen so hart wie möglich zu gestalten", erklärt Alistair später ihre zwar bekannte - deshalb aber nicht weniger imponierende Taktik. Im Wasser und auf dem Rad hatten sie die schon lehrbuchreif durchgezogen und damit unter anderem den Deutschen Meister Steffen Justus, Hamburg-Sieger Richard Murray und den Australier Brad Kahlefeldt aus dem Rennen um die Medaillen genommen. Dann geht alles ganz schnell. Beim Wechsel in die Laufschuhe profitieren der Portugiese Silva und Vincent Luis aus dem starken französischen Team von ihrem Platz eingangs der Wechselzone. Mit dem Javier Gómez im Nacken kommen sie einmal in den Genuss das olympische Rennen anführen zu dürfen. Dann zünden die Bronwlees den Turbo und nur Gómez kann das Tempo der beiden Ausnahmeläufer aufnehmen. Die Medaillen scheinen schon nach einem Kilometer vergeben: Luis fällt noch auf Platz elf zurück, Silva wird guter Neunter. Die Franzosen Vidal und Hauss, Alexander Brukhankov, der Schweizer Sven Riederer und Jan Frodeno kämpfen neun Kilometer lang um die Plätze vier bis acht. Das mag frustrierend klingen, zumal für die fünf am Ende überragende Laufzeiten knapp unter (Hauss) bzw. knapp über der 30-Minuten-Marke gestoppt werden. Selbst die 15-Sekunden-Strafe, die den sichtbar angeschlagenen Jonathan Brownlee vor der vierten und letzten Laufrunde noch etwas mehr aus dem Rhythmus bringt, können die Verfolger nicht nutzen.

Olympiasieger Brownlee: "Jede Sekunde ausgekostet"

Als der jüngere Brownlee seine Strafe abbüßt, ist auch der Kampf um den Olympiasieg entschieden. Sein Bruder zieht das ohnehin schwindelerregend hohe Tempo noch einmal an - dann ist auch Gómez geschlagen. Wenn man das überhaupt so nennen kann. Denn nur sehr selten hat der Spanier dem Weltmeister von 2009 und 2011 in den vergangenen Jahren so lange Paroli bieten können. Ein überragendes und taktisch fehlerfreies Rennen des Galiziers, der mit Silber das Maximum aus dem wahrscheinlich schnellsten Kurzdistanzrennen der Geschichte herausholt. Olympiagold geht an Alistair Brownlee. Zum ersten Mal seit der olympischen Triathlonpremiere vor zwölf Jahren setzt sich der haushohe Favorit durch. Für den Nachfolger von Jan Frodeno steht am Ende eine unfassbare Zeit von 29:07 Minuten im Ergebnisprotokoll. Er habe jede einzelne Sekunde auf der Zielgerade ausgekostet, erklärt der 24-Jährige nach dem Rennen auf der offiziellen Pressekonferenz. "Leider waren es nicht so viele, denn ich war wahnsinnig müde und Javier lag ja auch nicht so weit hinter mir", bedauerte Brownlee. Bruder Jonathan macht 18 Sekunden vor David Hauss das doppelte Medaillenglück der Familie perfekt.

Höhen und Tiefen im DTU-Team

Nicht ganz perfekt läuft der Tag für die drei deutschen Olympioniken. Vor allem Maik Petzold ist im Ziel alles andere als zufrieden. "Wir haben im Team eine Faustregel: Einer macht ein Super-Rennen, einer geht durch und einer kackt richtig ab." Letztere Rolle fällt dieses Mal dem Bautzener zu. Als 31., Hand in Hand mit seinem australischen Kumpel Brad Kahlefeldt, trabt enttäuscht Petzold über den Zielstrich. Nicht viel besser läuft es für Steffen Justus. Der gebürtige Thüringer verspielt seine vielleicht einmalige Medaillenchance schon in den ersten 20 Minuten des Rennen. Danach habe er alles versucht, aber es sei von A bis Z ein brutales Rennen gewesen, das er nun erstmal sacken lassen müsse, so Justus mit ein bisschen Abstand. Das von Maik Petzold erwähnte Super-Rennen erlebt auch Jan Frodeno nicht. Dennoch ist er an diesem Tag der stärkste der DTU-Truppe - angesichts der problematischen Vorbereitung des gebürtigen Kölners hatten damit wohl die wenigsten gerechnet. Auch Frodeno bemüht nach dem Rennen das Alphabet. Er habe von A bis Z alles gegeben, wirklich alles aus sich herausgeholt. Belohnt wird er mit dem sechsten Platz. Kaufen kann er sich dafür nichts - das weiß der Olympiasieger von Peking. Doch seinen Kritikern hat er mit der kämpferischen Vorstellung in London viel Wind aus den Segeln genommen. Nur bei den Sport-Redakteuren vom Kölner Express muss er noch etwas Überzeugungsarbeit leisten. Die titelten unmittelbar nach dem Rennen unqualifiziert: "Nur Platz 6 - Jan Frodeno verpasst Medaille".

Olympische Spiele 2012 | Männer

  1. August 2012, London (GBR)

Name

Nation

Gesamt

1,5 km Swim

40 km Bike

10 km Run

1

Alistair Brownlee

GBR

1:46:25

17:43

59:08

29:07

2

Javier Gómez

ESP

1:46:36

17:36

59:16

29:16

3

Jonathan Brownlee

GBR

1:46:56

17:40

59:11

29:37

4

David Hauss

FRA

1:47:14

18:02

58:50

29:53

5

Laurent Vidal

FRA

1:47:21

18:10

58:42

30:01

6

Jan Frodeno

GER

1:47:26

18:06

58:46

30:06

7

Alexander Brukhankov

RUS

1:47:35

18:02

58:51

30:10

8

Sven Riederer

SUI

1:47:46

18:01

58:52

30:23

9

Joao Silva

POR

1:47:51

17:58

58:54

30:33

10

Alessandro Fabian

ITA

1:48:03

17:42

59:10

30:43

11

Vincent Luis

FRA

1:48:18

17:58

58:53

31:00

12

Bevan Docherty

NZL

1:48:35

18:03

58:51

31:12

13

Ivan Vasiliev

RUS

1:48:43

17:49

59:04

31:22

14

Hunter Kemper

USA

1:48:46

18:09

58:44

31:20

15

Kris Gemmell

NZL

1:48:52

18:03

58:48

31:31

16

Steffen Justus

GER

1:49:12

18:49

59:36

30:16

17

Richard Murray

RSA

1:49:15

18:46

59:38

30:25

18

Courtney Atkinson

AUS

1:49:19

18:05

58:48

31:58

19

Mario Mola

ESP

1:49:23

18:47

59:40

30:27

20

Hirokatsu Tayama

JAP

1:49:24

18:08

58:45

31:57

21

Dmitry Polyansky

RUS

1:49:24

17:52

1:00:35

30:28

22

Richard Varga

SVK

1:49:25

17:37

59:15

32:03

23

Gavin Noble

IRL

1:49:47

18:01

58:50

32:26

24

Jose Miguel Perez

ESP

1:49:53

18:47

59:40

30:57

25

Kyle Jones

CAN

1:49:58

19:09

59:17

31:03

26

Simon De Cuyper

BEL

1:50:00

18:40

59:45

31:10

27

Brent McMahon

CAN

1:50:03

18:44

59:40

31:09

28

Crisanto Grajales

MEX

1:50:08

18:48

59:36

31:11

29

Davide Uccellari

ITA

1:50:09

19:10

59:16

31:13

30

Jan Celustka

CZE

1:50:17

18:05

58:49

32:54

31

Maik Petzold

GER

1:50:23

18:05

58:47

33:00

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