Sophia Saller: "Ich hatte nichts zu verlieren"

27 Stunden vor ihrer ersten Triathlon-EM in der Elite steckte Sophia Saller noch in einer Mathematikprüfung am Elite-College im englischen Oxford. Seit zwei Tagen ist die 20-jährige gebürtige Münchnerin Vize-Europameisterin. Im Interview mit tri-mag.de erzählt sie, wie sie ihre erste olympische Distanz erlebt hat und welche Rolle das miserable Wetter im Rennen ihres Lebens spielte.

Von > | 22. Juni 2014 | Aus: SZENE

SophiaSaller | Sophia Saller

Sophia Saller

Foto >Jan Sägert / spomedis

Sophia Saller, herzlichen Glückwunsch zur Silbermedaille! Wie viele Nachrichten und Anrufe haben Sie nach dem Rennen bekommen?
Ziemlich viele. Von allen möglichen Leuten, das war echt cool. Auch von welchen, mit denen ich länger nicht mehr in engerem Kontakt stand. Eine Freundin von mir, mit der ich zusammen in einer Klasse war, hat es sogar im Videotext gelesen.

Unmittelbar nach dem Zieleinlauf wirkten Sie sehr entspannt und gefasst. Haben Sie selbst schon realisiert, was Ihnen da gelungen ist?
Als ich durchs Ziel gelaufen bin, war ich schon den Tränen nah und habe auch ein bisschen geweint. Auch jetzt ist das alles noch nicht so richtig angekommen.

Apropos. Sie sind am Vorabend des Rennens ziemlich spät in Kitzbühel angekommen.
Das stimmt. Ich war erst gegen neun Uhr abends da, weil ich Donnerstagmittag noch eine Prüfung in Oxford hatte. Danach habe ich mich umgezogen, schnell Mittag gegessen und bin zum Flughafen, wo meine Mutter schon mit dem Radkoffer auf mich gewartet hat. Danach ging alles ganz schnell, sodass ich kaum Zeit hatte, darüber nachzudenken, was gerade passiert. Unmittelbar vor dem Rennen war ich extrem ruhig. Erstens weil ich nichts zu verlieren hatte und zweitens, weil ich noch gar nicht richtig angekommen war.

Im Rennen selbst haben Sie sich dann aber ziemlich schnell zurechtgefunden, obwohl Sie das erste Mal über eine olympische Distanz gestartet sind.
Ich wusste schon, dass das Schwimmen doppelt so lang ist – konnte das aber nicht so richtig einschätzen und bis erst mal einfach losgeschwommen. Am Anfang musste ich dann einige Schläge einstecken, die mir ein paar blaue Flecke an der Hand eingebracht haben. In der zweiten Runde hatten dann aber alle ihre Plätze gefunden und es hat echt Spaß gemacht. Ich  glaube, dass ich am Ende auch noch ein bisschen nach vorn geschwommen bin.

Plötzlich saßen Sie sogar in der ersten Radgruppe…
Genau. Noch in der ersten Runde haben wir dann Rachel Klamer eingesammelt, die danach mit Nicola Spirig mehrmals versucht hat, auszureißen. Erst als es dann richtig angefangen hat zu regnen, wurde es in der Gruppe ruhiger, weil alle mit dem Wetter gekämpft haben und sicher vom Rad runter kommen wollten. Mir war die ganze Zeit richtig kalt. So sehr, dass ich teilweise auf dem Rad gezittert habe.

Der zweite Wechsel lief dann – sagen wir mal – suboptimal.
Mein Trainer Roland Knoll hat gefilmt, wie ich versucht habe, in meine Laufschuhe zu kommen. Der rechte ging noch ganz gut, beim linken habe ich dann mehrere Anläufe gebraucht. Meine Finger waren kalt, die Füße habe ich auch nicht wirklich gespürt. Durch das Stehen hat es dann auch noch im Oberschenkel angefangen zu krampfen. Dazu waren die Schuhe nass. Das hat es nochmal schwerer gemacht. Irgendwann habe ich es dann aber geschafft.

Dabei sind einige Plätze verloren gegangen. Mit welchen Gedanken sind Sie ins Lauffinale gestartet?
Zuerst hab ich mich mal gefreut, dass ich endlich vom Rad runter war und, dass es langsam ein bisschen wärmer wurde. Ich bin erst einmal zehn Kilometer in einem Wettkampf gelaufen. Das hatte sich sehr lang angefühlt. Ich bin einfach mal losgelaufen und habe die Britin Lois Rosindale zunächst ziehen lassen, weil ich dachte, dass ich ihr Tempo nicht durchhalten kann. Deshalb war ich auf den ersten 2,5 Kilometern erst mal vorsichtig. Die Beine standen sowieso komplett quer. Irgendwann bin ich dann reingekommen und es fühlte sich auch wie Laufen an. Ab dem Moment hat es dann angefangen, richtig Spaß zu machen. Groß nachgedacht, habe ich eigentlich nicht.

Nach fünf Kilometern lagen Sie plötzlich auf Platz zwei. War Ihnen das in diesem Moment klar?
Ich wusste, dass Hanna (Philippin) und die Italienerin Mazzetti auf zwei und drei lagen. Als ich aufgelaufen war, habe ich aber versucht, das ein bisschen auszublenden. Als ich die beiden überholt hatte, war mir schon bewusst, dass ich an Position zwei laufe. Nach dem letzten Wendepunkt sah ich die Italienerin ein Stück hinter mir. Da wusste ich, dass es wirklich klappen könnte mit der Silbermedaille.

Hat Ihnen das englische Wetter ein bisschen geholfen?
Ich glaube es hat mir mehr in die Karten gespielt, als wenn 30 Grad gewesen wären. Wenn man in England lebt, kommt man mit Regen vielleicht etwas besser klar, als mit großer Hitze. Als mir auf dem Rad so richtig kalt war, musste ich an ein Training denken, dass ich im Frühjahr mit meinem Freund in Yorkshire gemacht habe. Da waren wir drei Stunden Radfahren bei zwei Grad und Nieselregen. Da war mir so kalt, dass ich nicht mal mehr schalten konnte. Danach musste ich mich in warme Dusche setzen, weil es mich im Stehen wahrscheinlich umgehauen hätte. So kalt war es im Rennen jetzt nicht, trotzdem haben die Gedanken an dieses Training vielleicht ein bisschen dabei geholfen, dass ich mich durchgebissen habe.