Stanford gewinnt Chaos-Weltmeisterschaft - Haug WM-Dritte

Die neue Kurzdistanz-Weltmeisterin kommt aus Großbritannien und heißt Non Stanford. Die ehemalige U23-Weltmeisterin hielt sich in einem chaotischen Rennen zwar nicht schadlos - doch Anne Haug und Gwen Jorgensen erwischte es noch schlimmer. Die US-Amerikanerin stieg aus, Haug rettete die Bronzemedaille.

Von > | 14. September 2013 | Aus: SZENE

Jodie Stimpson, Non Stanford und Anne Haug | Das Podium der World Triathlon Series 2013: Jodie Stimpson, Non Stanford und Anne Haug

Das Podium der World Triathlon Series 2013: Jodie Stimpson, Non Stanford und Anne Haug

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Zeitstrafen können im Triathlon Träume zerstören. Wirft man einmal, wie Non Stanford an diesem Samstagmorgen, den Neoprenanzug ein kleines Stück an der dafür vorgesehenen Box vorbei - schon gibt es eine 15-Sekunden-Strafe, die auf der Laufstrecke abzusitzen ist. 15 Sekunden: Welten angesichts der läuferischen Fähigkeiten Anne Haugs und Gwen Jorgensens. Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass man am Ende sagen darf: Ich habe "nur" eine Zeitstrafe erhalten. Non Stanford durfte es im Ziel des Weltmeisterschafts-Finals des Jahres 2013 sagen. Und dabei lachen.

Anne Haug geht ins Brustschwimmen über

Was der Britin passierte, war noch das geringste Übel dessen, was den drei Favoritinnen auf den WM-Titel an diesem Samstag im Londonder Hyde Park zustieß. Denn bereits auf den ersten Metern des Schwimmens war es um die Weltmeisterschafts-Träume Anne Haugs so gut wie geschehen. "Ich kann mir auch nicht erklären, was passiert ist", erzählte die Deutsche im Ziel. "Ich habe eine Panikattacke bekommen" - weswegen die Wahl-Saarbrückerin vorübergehend vom Kraul- in den Bruststil wechselte und das Feld passieren ließ. Als Letzte verlor sie so binnen der 1,5 Kilometer über zwei Minuten auf die Spitze. Ein Rückstand, doppelt so groß, wie ihn Haug sonst in der Auftaktdisziplin kassiert. Hilfe: Vorerst nicht in Sicht. Und alle ihrer Konkurrentinnen um den WM-Titel hatten den Sprung in die rund 25 Frauen große Spitzengruppe geschafft.

Aufstecken wollte Haug trotzdem nicht. "Man muss immer weiterkämpfen, egal wie es aussieht", sagte die Deutsche. "Das Rennen ist erst am Zielstrich vorbei." Prompt ließ sich Anja Knapp fallen und wartete auf die Deutsche - fast eine ganze Fünf-Kilometer-Runde lang ließ sie sich einfach nur rollen, bis ihre Teamkollegin endlich zu ihr aufgeschlossen hatte. "Ich bin schon nervös geworden und dachte, Anne kommt gar nicht mehr", meinte Knapp im Ziel. "Riesen-Respekt, Anja. Diese Ruhe zu haben, da zu warten - das hätte ich nicht gekonnt", bekannte Jan Frodeno, der das Rennen vor Ort als Zuschauer verfolgte.

Jorgensen stürzt und steckt auf

Doch auch zu zweit konnten die Deutschen keine Zeit auf die Spitzengruppe gutmachen, in der auch die Deutsche Rebecca Robisch mitrollte, aber keine Führungsarbeit übernahm. Zwar kämpften die beiden mit vollem Einsatz und gefletschten Zähnen. Aber der Rückstand wuchs schnell auf mehr als drei Minuten - und blieb bis zum Ende der zweiten Disziplin in diesem Bereich. Es schien, als seien nicht nur die Träume vom Weltmeistertitel, sondern auch die vom Weltmeisterschafts-Podest begraben. Doch nicht in diesem verrückten Rennen.

Denn als die Britinnen vorn richtig aufs Tempo drückten, um Gwen Jorgensen - angesichts der ausstehenden Zeitstrafe Stanfords - abzuschütteln, leistete  sich die US-Amerikanerin den entscheidenden Fehler: Noch binnen der ersten Hälfte des Radkurses rutschte sie in einer Kurve auf nasser Straße weg, stürzte - und hatte dabei offensichtlich ihr Rad beschädigt. Zwar fuhr sie wieder los, rollte von da an aber nur noch mit halber Kraft über den Parcours. "Als wir zu ihr aufgeschlossen haben, haben Anne und ich uns nur angeguckt: Vollgas - damit sie gar nicht erst auf die Idee kommt, mitzufahren", erzählte Anja Knapp. Jorgensen rollte aus und musste das Rennen beenden, als sie vom Feld überrundet wurde. Die beiden Deutschen aber hatten nicht aufgegeben. Und wie zur Belohnung dafür war das Rennen, zumindest das um die Bronzemedaille, plötzlich wieder eröffnet. Es bahnte sich ein Fern-Dreikampf mit Andrea Hewitt (NZL) und Emma Moffatt (AUS) um den dritten Podestplatz hinter Stimpson und Stanford an.

Plötzlich wird es laut

Zuerst aber musste der Kampf um den WM-Titel zwischen der U23-Weltmeisterin des Vorjahres, Stanford, und Landsfrau Stimpson entschieden werden. Einen Sieg brauchte Stimpson dafür - während Stanford gleichzeitig höchstens Dritte werden durfte. Die kannte diese Ausgangslage. Und ging in die Offensive. "Ich hatte immer diese Zeitstrafe im Kopf und bin so hart angelaufen, wie es nur ging", erzählte die junge Britin im Ziel. "Ich hatte Glück, dass ich mich sofort absetzen konnte, der Vorsprung schnell auf 20 Sekunden wuchs und ich ihn dann in diesem Bereich halten konnte", meinte sie. Vor der letzten der drei zu laufenden Runden hielt sie schließlich an, trippelte die Strafe konzentriert ab, die Augen auf den Boden fixiert. Es wurde still im Londoner Hyde Park. Und plötzlich tosend laut.

Denn Stanfords Polster hatte gereicht. Als die 15 Sekunden vorbei waren, rannte sie unter dem Jubel der britischen Zuschauer als Führende wieder los - und hatte noch immer ein komfortables Polster von mehreren Metern auf die schnellsten Verfolgerinnen. Die konzentrierten sich von da an auf den Kampf um den zweiten Rang, während Stanford auf der letzten Runde vor heimischem Publikum den sicheren Titelgewinn genoss. Hinter ihr tobte der Kampf um den zweiten Rang - und um den dritten im Gesamtklassement. Und es sah gut aus für Haug. Andrea Hewitt, läuferisch offenbar in Problemen, fiel auf den achten Rang zurück - und im Zielsprint um die Silbermedaille setzte sich Haugs ehemalige Trainingskollegin Aileen Reid (IRL) gegen die zweite Konkurrentin, Moffatt, durch. Weil auch Haug sich mit einem beherzten Lauf vom 45. immerhin noch auf den 35. Rang nach vorne arbeitete, reichte es am Ende noch zur Bronzemedaille in der Weltmeisterschafts-Wertung. "Das ist etwas, womit ich zufrieden sein muss und kann", sagte die Deutsche mit Tränen in ihren Augen. "Im Sport wird es immer Tage geben, an denen es nicht läuft. Aber ich habe nicht aufgegeben." Haugs Edelhelferin Anja Knapp beendete das Rennen schließlich auf dem 46. Rang, Rebecca Robisch belegte den 21. Platz.

ITU Grand Final | Frauen

  1. September 2013, London (Großbritannien)

Name

Nation

Gesamt

1,5 km Swim

40 km Bike

10 km Run

1

Non Stanford

GBR

2:01:32

19:00

1:08:08

33:12

2

Aileen Reid

IRL

2:01:57

18:55

1:08:04

33:31

3

Emma Moffatt

AUS

2:02:00

18:43

1:08:24

33:37

4

Jodie Stimpson

GBR

2:02:06

18:56

1:08:15

33:40

5

Alice Betto

ITA

2:02:09

18:49

1:08:18

33:43

6

Emma Jackson

AUS

2:02:11

19:02

1:08:10

33:45

7

Sarah Groff

USA

2:02:16

18:45

1:08:23

33:52

8

Andrea Hewitt

NZL

2:02:56

18:53

1:08:16

34:33

9

Ashleigh Gentle

AUS

2:03:06

19:02

1:08:13

34:41

10

Ainhoa Murua

ESP

2:03:26

18:53

1:08:17

34:58

21

Rebecca Robisch

GER

2:04:53

19:15

1:07:55

36:28

35

Anne Haug

GER

2:06:28

20:50

1:09:34

34:42

46

Anja Knapp

GER

2:11:32

18:51

1:11:37

39:46

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ITU World Triathlon Series 2013

Endstand

Name

Nation

Punkte

1

Non Stanford

GBR

4220

2

Jodie Stimpson

GBR

3805

3

Anne Haug

GER

3110

4

Gwen Jorgensen

USA

3033

5

Andrea Hewitt

NZL

3004

25

Anja Knapp

GER

1269

36

Rebecca Robisch

GER

1042

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