Vor dem Heimrennen: Der Brownlee-Nimbus wackelt

Zum zweiten Mal nach den Olympischen Spielen im August 2012 kehrt die World Triathlon Series am Wochenende nach London zurück. Erneut sind alle drei Medaillengewinner des Männerrennens - Alistair Brownlee, Javier Gómez und Jonathan Brownlee - am Start. Trotzdem geben sich die Topstars im Vorfeld so leise wie selten.

Von > | 29. Mai 2014 | Aus: SZENE

Brownlees - Bein Ab | Erstmals beide nicht auf dem Treppchen: Alistair und Jonathan Brownlee in Yokohama.

Erstmals beide nicht auf dem Treppchen: Alistair und Jonathan Brownlee in Yokohama.

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Gregor Buchholz brachte nach dem WM-Rennen in Yokohama auf seiner Facebook-Fanseite vor zwei Wochen das kollektive Gefühl eines Großteils der Szene auf den Punkt: "Richard Murray und Mario Mola haben endlich das durchgezogen, was sich schon so lange angedeutet hat", schrieb er dort, nachdem die beiden Trainingspartner aus Spanien und Südafrika in Japan nur Javier Gómez den Vortritt lassen mussten - die Überflieger Alistair und Jonathan Brownlee aber erstmals beide vom Podest stießen. "Die Brownlee-Dominanz ist zum ersten Mal gebrochen", schrieb Buchholz. Genau das scheint das britische Brüderpaar, das nun die Commonwealth-Games als Hauptziel für die Saison 2014 ausgerufen hat, nach jenem Rennen in Yokohama am meisten zu wurmen. Mehr noch, als das Ende der beeindruckenden Serie von Jonathan Brownlee, der in Yokohama nach eigenen Angaben zum ersten Mal nach 50 Triathlon-Rennen in vier Jahren nicht auf dem Podest stand.

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit wackelt

Denn die Brüder haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass zu ihrem Erfolgsrezept mehr gehört als nur Schwimmen, Radfahren und Laufen auf allerhöchstem Niveau: Mit ihrer jahrelangen Dominanz, und indem sie fast nie auch nur den Hauch einer Schwäche zeigten, haben sich Jonathan und Alistair Brownlee auch einen Nimbus der Unbesiegbarkeit erarbeitet - der nun wackelt. "Wenn die anderen uns zum Pontoon laufen sehen, müssen sie denken: Ach nee, die schon wieder. Da haben wir doch keine Chance", sagte Alistair Brownlee einmal. Und nun kommt das Heimrennen, auf olympischem Boden - aber auch jenem Boden, auf dem Alistair Brownlee 2010 auf dem Schlussteil der Laufstrecke kollabierte. Und bei den Konkurrenten sitzt in den Hinterköpfen der Gedanke, dass die Brownlees auch nur Menschen sind - was sie über so lange Zeit erfolgreich verborgen haben. Quellen Websiten und Zeitungen in den Tagen vor dem Londoner WM-Serienrennen sonst über mit Interviews und Berichten über die Brownlee-Brüder, ist es 2014 bislang auffällig still auf den britischen Sportseiten. Es ist ein großer Druck, der vor heimischem Publikum auf Alistair und Jonathan Brownlee lastet. Einer, der die Brüder schweigsam werden lässt.

Es gilt für die Brownlees, in London wieder ganz vorn anzugreifen - und sich dazu auch auf der Radstrecke wieder aktiver zu zeigen. Dort hatten sich die Brownlees in Yokohama mehr zurückgehalten als üblicherweise, was den Verfolgern, angeführt vom Kiwi Tom Davison, den Zusammenschluss ermöglichte - und Mario Mola und Richard Murray überhaupt erst in die Position brachte, die Brownlee-Brüder auf der Laufstrecke anzugreifen. Insofern dürfte den Brownlees das Londoner Rennen aber wieder mehr in die Karten spielen: Weil das Rennen 2014 nur über die Sprintdistanz ausgetragen wird, der Kurs technisch wenig anspruchsvoll ist - und, weil die Verfolger ihre Nachführarbeit nach dem Schwimmen diesmal ohne Tom Davison organisieren werden müssen. Denn der hat für den Wettkampf im Hyde Park nicht gemeldet.

Nieschlag ergänzt erfahrenes DTU-Trio

So werden die starken Läufer um Mario Mola, Richard Murray und auch die Deutschen Steffen Justus, Franz Löschke und Gregor Buchholz auf der Radstrecke selbst die Initiative ergreifen müssen, sollte ihnen beim Schwimmen nicht doch der Sprung in die Führungsgruppe um Javier Gómez gelingen. Justus und Löschke haben Japan ausgelassen, um sich besser auf die übrigen WM-Rennen vorbereiten zu können - und Buchholz gab in Yokohama beim Laufen auf, weil ihm die nötige Frische für ein gutes Ergebnis fehlte und er die mit einem vorzeitigen Ausstieg in Japan bis zum Rennen in London wiedererlangen wollte. "Wir hoffen auf ein bis zwei Top-Ten-Platzierungen", meint DTU-Cheftrainer Ralf Ebli, der dabei vor allem auf Steffen Justus - dem Ebli sogar den Sprung in die erste Radgruppe zutraut - und Gregor Buchholz setzt, wogegen sich Löschke wegen Krankheit und Studiumsstress nicht optimal habe vorbereiten können. "Das Sprintformat und die einfache Strecke in London kommen uns aber nicht entgegen", sagt Ebli.

Zudem muss sich das deutsche Trio um Buchholz, Löschke und Justus, das in dieser Saison bereits zum zweiten Mal von Nachwuchsathlet Justus Nieschlag ergänzt wird, im Kampf um Top-Ten-Platzierungen nicht nur mit Gómez, den Brownlees, Mola und Murray, sondern auch noch mit einigen weiteren Topathleten auseinandersetzen: Auch die guten Schwimmer Aaron Royle, Ryan Bailie (beide AUS), der Brite Aaron Harris, Fernando Alarza (ESP), Dmitry Polyanskiy (RUS), Davide Uccellari (ITA), Joao Silva (POR) und Henri Schoeman (RSA) sind für Topplatzierungen gut.

Das Rennen der Männer startet am Samstag um 15:30 Uhr deutscher Zeit. Einen Rennbericht gibt es wie gewohnt kurz nach dem Rennen auf tri-mag.de.