"Wir müssen nicht alle Olympia-Startplätze nutzen"

In 99 Tagen wird in Rio de Janeiro das Olympia-Rennen der Männer gestartet. Die deutschen Triathleten befinden sich aber in einer Krise: Den dritten Olympiastartplatz haben sie verloren. Und ob die restlichen beiden durch die zuständigen Verbände auch wirklich vergeben werden, sei längst nicht sicher, sagt Cheftrainer Ralf Ebli.

Von > | 11. Mai 2016 | Aus: SZENE

DTU-Team | Angeschlagen, aber noch nicht gefallen: Justus Nieschlag, Steffen Justus und Gregor Buchholz (v. l. n. r.)

Angeschlagen, aber noch nicht gefallen: Justus Nieschlag, Steffen Justus und Gregor Buchholz (v. l. n. r.)

Foto >Janos Schmidt / triathlon.org

Der Cheftrainer der Deutschen Triathlon Union (DTU), Ralf Ebli, hat die Hoffnung, drei Deutsche ins Olympia-Männerrennen schicken zu können, aufgegeben. "Es müsste ein Wunder geschehen, damit wir diesen Startplatz noch zurückbekommen", sagt Ebli im Gespräch mit tri-mag.de: Mehrere Nationen sind den Deutschen in den vergangenen Rennen weit davongezogen. Justus Nieschlag, der den Deutschen über eine Punkteliste den dritten Startplatz noch zurückholen könnte, müsste dafür am Wochenende beim letzten in die Wertung zählenden WM-Serienrennen in Yokohama rund 600 Punkte auf Miguel Arraiolos (POR) gutmachen. Dafür bedürfte es einer Top-Fünf-Platzierung Nieschlags - und ein solches Ergebnis scheint unrealistisch. "Das ist einerseits sehr schade für die Jungs", sagt Ebli. "Andererseits haben wir bislang ja noch nicht einmal einen einzigen Männer-Startplatz auf normalem Wege vergeben."

Nominierungsrunde am grünen Tisch?

Denn die Männer der Deutschen Triathlon Union befinden sich in einer Krise. Drei Chancen zur Olympiaqualifikation hatten ihnen die Deutsche Triathlon Union und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bereits eingeräumt: Sowohl beim Olympia-Testevent in Rio de Janeiro vergangenen August, als auch bei den diesjährigen WM-Rennen in Abu Dhabi und Australien hätten die Deutschen mit Top-Acht-Platzierungen ihre Tickets nach Rio de Janeiro buchen können. Geschafft hat es keiner. In Yokohama bietet sich am Wochenende die letzte Chance - und erneut ist eine Top-Acht-Platzierung gefordert. Ob die ein Deutscher erreicht, scheint fraglich. Dass es gleich zweien von ihnen gelingt und somit beide Olympia-Startplätze der Männer auf normalem Wege vergeben werden, sehr unwahrscheinlich.

"Bei den Frauen sieht es gut aus, aber im Männerbereich ist die Situation sehr schwierig", sagt auch Ralf Ebli gegenüber tri-mag.de. Mittlerweile kann sich der Cheftrainer der Deutschen Triathlon Union nicht einmal mehr sicher sein, dass die beiden verbleibenden Olympiastartplätze auch wirklich genutzt werden: "Zunächst einmal hoffen wir, dass beide Startplätze in Yokohama noch über unsere sportlichen Kriterien vergeben werden. Das Potenzial ist ja grundsätzlich da", sagt Ebli. Sollte das aber nicht klappen, wird sich in der Woche nach dem Rennen der Leistungssportausschuss der DTU zusammensetzen und beraten. "Wir werden in Ruhe und mit aller Objektivität die Ergebnisse und Entwicklungen unserer Athleten sachlich analysieren und die Umstände untersuchen, die vielleicht zu manchem verkorksten Rennen beigetragen haben", sagt Ebli. Aus diesen Analysen würden eventuell Nominierungsvorschläge entwachsen, die dann mit dem DOSB besprochen werden müssen. Denn der entscheidet letztlich, welche Deutschen bei Olympia starten dürfen. Ob der Verband den Empfehlungen und Argumentationen der DTU folgt, kann Ebli nicht abschätzen. "Dass es ein weiteres Qualifikations- oder ein Ausscheidungsrennen geben wird, ist sehr unwahrscheinlich", sagt Ebli aber. Die Entscheidung, ob und wer letztlich nach Rio fliegen darf, könne sich bis Mitte oder gar Ende Juni hinziehen.

DTU-Kader in Bitburg 2015 - 28 | Cheftrainer Ralf Ebli (Mitte) und Elite-Bundetrainer Dan Lorang (links)

Cheftrainer Ralf Ebli (Mitte) und Elite-Bundetrainer Dan Lorang (links)

Foto >Bitburger/funkbild

Schwierige Nachwuchssuche

Überhaupt plant der DTU-Cheftrainer längst über die Spiele in Rio hinaus. Doch Ebli erwartet auch für die kommenden Jahre keine rosige sportliche Situation im Männerteam. "Was sich durchzieht, in unserer Elite wie auch in der Jugend, sind die Defizite im Wasser", sagt Ebli. Zwar habe man bei der DTU längst eine Schwimmoffensive gestartet, doch die durchbrechenden Erfolge lassen noch auf sich warten. "Wir versuchen deshalb schon seit Amtsantritt nach den vergangenen Olympischen Spielen, strukturell ganz viel auf die Beine zu stellen, um das Problem in den Griff zu bekommen." Zwar gäbe es einige hoffnungsvolle Nachwuchsathleten wie Jonas Breinlinger oder Lasse Lührs, die der World Triathlon Series näher rücken und denen der Cheftrainer den Sprung in die WM-Serie mittelfristig zutraut. "Aber diese absoluten Überflieger finden sich nicht so leicht", sagt Ebli. "Wir haben sportlich zwar einige Lichtblicke, aber insgesamt eher ein Problem. Vor allem, wenn man die Leistungsdichte betrachtet."

Auch am Modell der Franzosen, die gezielt bei Schwimmern nach Triathlon-Nachwuchs suchen, versucht sich die Deutsche Triathlon Union mit bislang geringem Erfolg. "Da brauchen wir ja Leute, die richtig gut, aber nicht gut genug für die absolute Spitze sind", sagt Ebli. "Und dann müssen die auch noch die Belastungsverträglichkeit für das Laufen mitbringen. Das ist ein sehr spezieller Typus, den wir da suchen." Auch bei der Leichtathletik könne man nur selten Talente abgreifen, laufen die Triathleten mittlerweile doch häufig schon ähnlich schnell wie die Spezialisten. "Überhaupt ist die Talentsituation in Deutschland nicht so gewaltig. Um die jungen Leute, die aktiv sind und mit Bewegungstalent auffallen, buhlen bereits alle Sportverbände", sagt Ebli.