Al-Sultan und die neue Zeitrechnung

Im Jahr eins nach der Ära Vanhoenacker wird es heiß am Wörthersee. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die erwarteten hochsommerlichen Temperaturen dürften beim 15. Ironman Austria vor allem Faris Al-Sultan in die Karten spielen. Bei seiner Klagenfurt-Premiere trifft der Münchner auf die deutschen Profikollegen Michael Göhner und Markus Fachbach sowie zwei alte Bekannte vom Ironman Hawaii.

Von > | 28. Juni 2012 | Aus: SZENE

Faris Al-Sultan | Faris Al-Sultan

Faris Al-Sultan

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Sechs Siege am Stück - das macht Marino Vanhoenacker so schnell keiner nach. Seit 2006 war der Belgier Stammgast beim Ironman Austria, blickte sich kurz nach der häufig nur mittelklassigen Konkurrenz um und siegte - meist mit riesigem Vorsprung. Um hochkarätig besetzte Rennen wie das in Frankfurt machte Vanhoenacker bisher immer einen Bogen, scheute den Vergleich mit Raelert, Al-Sultan oder McCormack. Kam es dann einmal zum Aufeinandertreffen mit den Topstars - beispielsweise auf Hawaii - scheiterte der 35-Jährige an seinen Beinen oder den Nerven. Nur einmal, beim Ironman Hawaii 2010, zeigte er seine Extra-Klasse auch im direkten Duell, wurde nach einem starken Rennen hinter Chris McCormack und Andreas Raelert WM-Dritter. Nun scheint die erfolgreiche Ära Vanhoenacker beim Ironman Austria zu Ende zu sein - vielleicht auch weil er im Kopf einen Schalter umgelegt hat. Seine Weltbestzeit (7:45:58 Stunden) aus dem Vorjahr hatte zwar nur eine Woche Bestand, doch sie war der krönende Höhepunkt seiner Siegesserie am Wörthersee. Und getreu dem Motto, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist, kehrt Vanhoenacker 2012 seinem "Wohnzimmer" den Rücken und stellt sich am 8. Juli beim Ironman Germany zum ersten Mal der deutschen Ironmanspitze um Andreas Raelert und Sebastian Kienle.

Tausche Frankfurt gegen Klagenfurt

Genau dort endete im vergangenen Jahr auch für Faris Al-Sultan eine Ära - allerdings eine mit Enttäuschungen und schmerzhaften Niederlagen. Und auch für den Münchner war der langersehnte EM-Titel der Höhepunkt und richtige Moment, um sich - wenn auch nur vorübergehend - vom Römerberg zu verabschieden. Beim Ironman Austria übernimmt er am kommenden Sonntag die Startnummer 1 seines Vorgängers - und die Vorzeichen stehen nicht schlecht, dass er die ihm zugedachte Rolle des neuen Champions auch ausfüllen kann. Während der Sommer in Deutschland noch gesucht wird, erwarten die Meteorologen für den Renntag in Kärnten bis zu 35 Grad. Wie gemalt für Klagenfurt-Debütant Al-Sultan, der sich im Winter wie gewohnt in der Wüste Abu Dhabis auf die Saison vorbereitet hat. Weil es in Klagenfurt schon seit Tagen hochsommerlich ist, könnte es am Sonntag womöglich noch eine weitere Premiere geben: ein Neoprenverbot.

Mit oder ohne Neopren?

Knapp 23 Grad ergaben die letzten Messungen der Wassertemperatur im Wörthersee - ab 24,5 Grad kann der Veranstalter nach dem Reglement der World Triathlon Corporation (WTC) aus Sicherheitsgründen das Tragen von Neoprenanzügen untersagen. Eine Entscheidung dazu werde man nach weiteren Messungen und erst am Tag vor dem Rennen treffen, erklärte Stefan Jäger, Pressesprecher der WTC Europe, gegenüber tri-mag.de. Diese Entscheidung interessiert ganz sicher auch Michael Göhner - denn ein Auftakt ohne Neoprenanzug dürfte die Siegchancen des Reutlingers erheblich schmälern. Mit Al-Sultan, dem Italiener Daniel Fontana und dem ungestümen Briten-Youngster Philip Graves sind gleich drei Weltklasseschwimmer im Feld, die ihn schon vor dem Radfahren ernsthaft in Zugzwang bringen könnten. Und auch Markus Fachbach dürfte an einem guten Tag einige Minuten vor Göhner aus dem Lendkanal klettern. Genau den erwischte der Kadenbacher zuletzt allerdings nicht. Beim Ironman 70.3 im italienischen Pescara zwangen ihn Probleme mit der Hüfte zur Aufgabe. "Die Ursache war eine Blockade im Rücken", so Fachbach. Die sei inzwischen aber gelöst und sollte keine Probleme mehr machen, gibt sich der Sieger des Ironman Regensburg 2011 gegenüber tri-mag.de optimistisch. Etwas holprig sei die Vorbereitung zwar gewesen, im Wesentlichen habe er aber wie geplant trainieren können.

Die 15. Auflage des Ironman Austria ist aber keinesfalls nur eine deutsche Meisterschaft auf österreichischem Boden, sondern auch ein kleines Wiedersehen von drei Hawaiistartern des vergangenen Jahres. Nur vier Minuten lagen im Oktober 2011 zwischen dem Zehnten, Faris Al-Sultan, dem Briten Tom Lowe auf Platz elf und Daniel Fontana aus Italien, der bei seinem ersten Hawaiistart Zwölfter wurde. Dieses Trio hat beste Chancen auch am 13. Oktober wieder in Kona starten zu dürfen. Al-Sultan und Fontana liegen im Kona Pro Ranking derzeit auf den Plätzen 34 und 35 und könnten mit einer Top3-Platzierung in Klagenfurt eine Schleife um ihr Ticket machen. Für Lowe, den Lebensgefährten der pausierenden Chrissie Wellington, wird es auf Platz 55 zwar eng, doch auch er sollte mit einem Podiumsplatz die nötigen Punkte einfahren. Für Michael Göhner steht die Ironman-WM in diesem Jahr nicht zur Diskussion - und auch Fachbach wird den Sprung unter die besten 40 Ironmanprofis der Saison wohl nicht mehr schaffen.

Ein Cowgirl am Wörthersee

Nach dem Rekord-Sieg von Mary Beth Ellis im vergangenen Jahr riecht es bei den Frauen auch 2012 wieder nach einem US-amerikanischen Triumph. Zum ersten Mal überhaupt wagt sich Linsey Corbin - Markenzeichen: Cowboyhut - an eine europäische Ironman-Startlinie. Doch mit zwei zweiten Plätzen beim Ironman 70.3 San Juan und dem Wildflower Triathlon sowie ihrem Sieg beim Ironman 70.3 Hawaii bringt sie die mit Abstand besten Vorergebnisse mit nach Kärnten. Möglicherweise hat ihre Landsfrau Ellis sogar noch einige Tipps mit auf den Weg gegeben. Corbin, die so gut wie sicher für die Ironman-WM qualifiziert ist, bekommt es am Sonntag mit der Vorjahres-Zweiten Erika Csomor aus Ungarn, der zweifachen Ostseeman-Siegerin Nicole Woysch sowie den Österreicherinnen Michaela Rudolf und Monika Stadlmann zu tun. Chrissie Wellington wird übrigens auch mit von der Partie sein - allerdings nicht auf, sondern am Ende der Strecke. Womöglich überreicht die Britin im Ziel sogar die Medaillen an einige Finisher.

tri-mag.de ist für Sie in Klagenfurt und berichtet am Sonntag aktuell über den Ironman Austria 2012.