Anja Beranek: Vom „Plan B“ zum „Plan K“

Nach ihrem Sieg beim Ironman Switzerland träumt Anja Beranek vom nächsten großen Ziel. Sie möchte am 12. Oktober beim Ironman Hawaii an den Start gehen. Doch der Weg bis dahin ist noch weit. Im Interview spricht sie nach dem ersten Ironman-Sieg ihrer Karriere über ihr nächstes „Harakiri-Projekt“.

Von > | 29. Juli 2013 | Aus: SZENE

Ironman Frankfurt 2013 - Pressekonferenz - 23 | Anja Beranek

Anja Beranek

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Die Gesichtsausdrücke von Anja Beranek hätten unterschiedlicher nicht sein können. Mit traurigem und schmerzverzerrtem Blick musste die Fürtherin Anfang Juli die Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt vorzeitig aufgeben. Drei Wochen nach ihrem Aus wegen Magenproblemen im Marathon von Frankfurt hat die 28-Jährige den Ironman Switzerland gewonnen. Der Jubel kannte nach ihrem Erfolg in Zürich kaum Grenzen. Ihr „Plan B“ war aufgegangen. Nun arbeitet sie am „Plan K“, der sie über Kanada nach Kona bringen soll, zum Ironman Hawaii.

Anja Beranek, herzlichen Glückwunsch zum ersten Ironman-Sieg Ihrer Karriere. Eigentlich hatten Sie bereits drei Wochen vor dem Rennen in Zürich in Frankfurt einen großen Erfolg geplant. Wie fühlt sich der erste Platz nun an?
Super, es ist für mich viel mehr als ein Trostpflaster. Ich war nach Frankfurt ziemlich traurig und wusste auch nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe mich dann dafür entschieden, nach vorn zu gucken statt immer nur nach hinten, was mir aber sehr schwer gefallen ist. Da lag der Ironman Switzerland für mich ganz praktisch, da ich wusste, dass ich drei Wochen nach Frankfurt noch die Form dafür habe.

Die Entscheidung, nach dem Aus in Frankfurt in Zürich an den Start zu gehen, ist aber recht schnell gefallen?
Genau, ich musste Plan B schmieden. Daher war es extrem wichtig, schnell wieder nach vorne zu gucken.

Wie viel Neuland bedeutete der Wettkampf in Zürich für Sie?
Ich kannte das Rennen schon, ich bin ja schon 2011 hier an den Start gegangen. Damals war ich auf der Radstrecke Dritte, dann ist mein Motorradfahrer in der zweiten Runde falsch gefahren. Ich bin mit ihm abgebogen und dadurch zehn Kilometer zu wenig gefahren. Ich habe mich damals selbst beim Referee angezeigt, und die wussten nicht so recht, was sie mit mir machen sollen. Sie sagten, dass ich weitermachen kann, aber vermutlich später disqualifiziert werde. Da habe ich damals entschieden, mich selbst zu disqualifizieren und bin aus dem Rennen rausgegangen.

Also ist Ihnen gleich eine doppelte Revanche geglückt?
Stimmt. Ich bin so ein Typ, der immer alles wieder gutmachen muss und einen Haken dahinter setzen muss. Das kann ich jetzt hier in Zürich gut machen.

Der Kurs scheint auch wie für Sie gemacht zu sein, er ist zugeschnitten auf sehr gute Radfahrinnen wie Anja Beranek.
Definitiv, es ist ein sehr schöner Mix aus flachen Abschnitten, bergigen Passagen und schnellen Abfahrten, in denen man es auch mal ordentlich rollen lassen kann. Natürlich kam mir das Schwimmen ohne Neoprenanzug auch entgegen, wobei ich da leider etwas langsamer unterwegs gewesen bin. Ehrlich gesagt, bin ich sogar sehr schlecht geschwommen. Als ich aus dem Wasser kam und fast sechs Minuten Rückstand auf die Führende hatte, war ich schon etwas panisch. So etwas ist mir bis jetzt auch noch nicht passiert. Aber dann hieß es für mich, dass ich alles auf dem Rad machen muss.

Sie sind von Beginn an sehr hart gefahren, um die Lücke zur enteilten Schweizerin Celiné Schärer schnell zu schließen.
Also, Männer habe ich auf jeden Fall keine getroffen. In diesem Rennen entscheidet sich schon viel auf den ersten 30 flachen Kilometern am See entlang. Wenn man da merkt, dass niemand näher kommt, dann kann es funktionieren. Sonst kann es schon sein, dass die anderen mit den vielen schnellen Leuten, die auf der Strecke sind, schnell mit herankommen. Da wollte ich einfach nichts anbrennen lassen.

Auf so einem Flachstück bilden sich auch rasch einmal Fahrgemeinschaften, die selbst bei regelkonformen Abständen ein Vorteil sein können.
Absolut. Ich bin komplett allein gefahren, alles andere kommt für mich auch nicht infrage. Aber ich habe da draußen schon einige Gruppen gesehen. Ich habe es auch lautstark kundgetan, dass ein Ironman ein Non-Drafting-Rennen ist. Ich bin schon stolz darauf, dass ich heute komplett allein unterwegs war.

Sie sind in 4:56:23 Stunden drei Minuten schneller gefahren als Emma Pooley, die immerhin frühere Weltmeisterin und Olympiazweite im Zeitfahren ist. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich glaube, dass ich das schnellere Rad hatte. Mein Rad ist das schnellste auf dem Markt, von daher waren das sicher die drei Minuten. Aber im Ernst, ich konnte unterwegs nur schlecht abschätzen, wie schnell die anderen fahren und hatte auch nicht allzu viele Informationen auf der Strecke. Deshalb bin ich lieber mal einen Tick schneller gefahren.

Der Marathon wirkte von außen betrachtet dann bei allen Topathleten ziemlich zäh.
Ich hatte auch etwas Angst, als ich vom Rad gestiegen bin, weil es schon beim Radfahren richtig warm wurde. Ich wusste nicht, was hinten heraus im Marathon passiert und habe mich deshalb dazu entschieden, die erste Hälfte sehr defensiv und kontrolliert anzugehen. Das hat mich erst einmal viele Minuten gekostet, und ich habe gesehen, dass die anderen deutlich herankommen. Das ist schon eine mentale Belastung, aber ich habe mich darauf konzentriert, mein Tempo weiter zu marschieren. Und auf der zweiten Hälfte habe ich dann gemerkt, dass sie nicht mehr näher an mich heran laufen. Das war ein gewisses Risiko, aber in so einem Rennen mit Hitze kann auch jedem etwas passieren unterwegs. Ich habe richtig viel gekühlt beim Laufen und viele Gels genommen. Ich muss den Organisatoren ein großes Dankeschön sagen, sie haben sich hervorragend auf die heißen Bedingungen vorbereitet, gerade beim Eis gab es überall genügend. Das war sehr gut organisiert, dafür ein großes Kompliment.

Zürich war ihr erstes großes Hitzerennen des Jahres. Im Oktober könnte ein zweites in Kona folgen?
Das ist mein Plan, aber die Punkte im Kona Pro Ranking reichen noch lange nicht. Da ich Frankfurt versiebt habe, turne ich im Ranking bei 2.600 Punkten herum, und das ist natürlich viel, viel zu wenig.

In Wiesbaden könnten Sie Ihr Konto mit einer gelungenen Titelverteidigung als Europameisterin im Ironman 70.3 zumindest etwas aufbessern.
Ich könnte auch beim Ironman in Kanada Punkte sammeln. Der ist Mitte August in Mont-Tremblant und als Nordamerika-Meisterschaft mit 4.000 Punkten ausgeschrieben. Das Rennen ist aber bereits in drei Wochen. Es anzugehen, ist zwar ein ziemlicher Harakiri-Plan, aber ich mache gern solche harten Sachen.

Also keine Titelverteidigung in Wiesbaden?
Nein, ich habe das Rennen erst einmal abgesagt. Ich will in dieser Woche sehen, wie es mir geht, und dann gern Kanada angehen. Das ist ein bisschen geisteskrank, aber für solche verrückten Sachen bin ich eigentlich immer gut. Jetzt genieße ich Zürich ein bisschen, lege die Beine etwas hoch und schaue, wie ich wieder ins Training komme. Ich mag so harte Sachen, wenn es gut geht, ist es prima, und wenn es nicht sein soll mit der Qualifikation für Kona, dann ist es eben so.