Christian Kramer: Hinein in den Krawall

Der Leipziger Christian Kramer ist sich sicher: Der Ironman Hawaii 2015 wird deutsch. Während der 32-Jährige auf ein schwarz-rot-goldenes Podium tippt, hofft er selbst darauf, dort zu sein, wo es weh tut: im Kampf um die Top 10.

Von > | 6. Oktober 2015 | Aus: SZENE

Ironman Hawaii 2015 - Hoala Swim - 18

Foto >Nis Sienknecht / spomedis

Ein gutes Dutzend Ironman-Rennen hat Christian Kramer in seiner Karriere absolviert. Vor seinem vierten Start auf Hawaii wirkt er entspannt und zugleich fokussiert. Der 32-jährige Leipziger weiß, dass dieses Rennen eine neue Dimension bedeuten könnte. Im Vorjahr musste er das Rennen beim Laufen vorzeitig beenden, 2013 erreichte er mit Platz 14 seine bisher beste Platzierung. Aber da sollte noch etwas mehr drin sein, wie er im Interview erzählt.

Christian Kramer, Sie wirken ziemlich entspannt und gut akklimatisiert. Seit wann sind Sie bereits in Kona?

Ich bin am 1. Oktober angekommen, nachdem ich vorher dreieinhalb Wochen lang in Houston gewesen bin. Da hat sowohl die zeitliche als auch die klimatische Umstellung recht wenig ausgemacht. In Texas war es zeitweise auch heiß und feucht, und mit den nur fünf Stunden Zeitunterschied ging es auch. Ich bin hier angekommen, und es hat sich genauso angefühlt wie in den Wochen vorher.

Ihre Trainingsgruppe mit Nils Frommhold hatte in Houston teils auch noch extremere Hitze?

Es gab Tage, da war es wirklich knallig heiß. Da lagen die Temperaturen bei knapp 40 Grad, die Luftfeuchtigkeit war extrem. Da konntest du mittags maximal schwimmen gehen oder ganz vorsichtig Rad fahren. Die langen Läufe haben wir ganz früh morgens gemacht, aber selbst da hatten wir einen Morgen dabei mit 25 Grad und Nebel. Du bist 100 Meter gelaufen und warst klatschnass.

Ironman Hawaii 2015 - Christian Kramer | Christian Kramer ist guter Dinge vor seinem vierten Start in Kailua-Kona. Gerade läuferisch hat er seit Platz zwei beim Ironman Lanzarote noch einmal deutlich zulegen können. Er will in die Top 10.

Christian Kramer ist guter Dinge vor seinem vierten Start in Kailua-Kona. Gerade läuferisch hat er seit Platz zwei beim Ironman Lanzarote noch einmal deutlich zulegen können. Er will in die Top 10.

Foto >Volker Boch / spomedis

Es ist ihr vierter Hawaii-Start, Sie wohnen mit Ihrer Familie ein wenig abseits des großen Trubels am Ende des Alii Drive. Wie empfinden Sie die Atmosphäre?

Man merkt einfach, dass immer mehr Leute ankommen, es wird jeden Tag ein bisschen mehr. Es wird voller, die Spannung nimmt zu. Im Großen und Ganzen ist das aber so, wie es in den vergangenen Jahren auch gewesen ist.

Sie haben mit Platz vier beim Ironman Melbourne bereits im März einen Ironman absolviert. Stand zu Jahresbeginn fest, dass Sie auf Hawaii starten wollen?

Nach dem Nicht-Ins-Ziel-Kommen im letzten Jahr war dies auf jeden Fall meine Zielstellung. Es ist allein sponsorentechnisch unheimlich wichtig, das Ziel Kona anzupeilen und möglichst eine richtig gute Platzierung zu erreichen. Im Langdistanztriathlon nützt es dir nichts, wenn du irgendwo mal eine Langdistanz gut finisht, es steht und fällt mit Kona. Das ist der Ort, wo die Welt hinschaut. Außerdem ist es mein sportlicher Anspruch. Nach dem Ausstieg im letzten Jahr bin ich mit null Punkten im Kona Pro Ranking in das neue Jahr gestartet. Daher kam die Überlegung auf, wie im Vorjahr in Melbourne zu starten. Nach dem Rennen habe ich mit relativ kurzem Abstand zehn Wochen danach den Ironman Lanzarote und dort Platz zwei gemacht. Ich denke, das hat sich ausgezahlt, da ich Ende Mai mit der Qualifikation für Hawaii durch war.

Der kurze Abstand zwischen Melbourne und Lanzarote war eine ziemlich harte Belastung. Wie haben Sie dieses Doppelpack verkraftet?

Es war für mich wirklich das erste Mal mit einem so kurzen Abstand, wobei manche Athleten ja inzwischen Ironman-Rennen im Zwei-Wochen-Rhythmus absolvieren. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob es eine gute Planung ist. Ich war nach Lanzarote auch ziemlich kaputt, wobei ich nicht sagen kann, ob es nur an dem Abstand von zehn Wochen lag oder daran, dass Lanzarote dieses Jahr von den Bedingungen her sehr extrem war. Von daher war es gut, dass ich nicht gezwungen war, im Sommer mindestens noch Ironman-70.3-Rennen zu machen für die Hawaii-Qualifikation. So konnte ich es mir ab Juni aussuchen, welche Rennen ich starte und ob ich mal etwas ausprobiere.

Haben Sie denn mit Blick auf Hawaii etwas ausprobiert?

Schon, aber das ist in Wiesbaden und am Walchsee nicht so ganz aufgegangen. In Walchsee habe ich meine Gelflasche schon nach vier Kilometern auf dem Rad auf einem Bergabstück verloren und bin dann so lange gefahren und gelaufen, wie es ging. Es wurde sukzessive langsamer, aber so etwas gehört eben auch dazu. Es sind dann technische Sachen, die man überlegt, ändert und abstellt, beispielsweise nehme ich jetzt eine Aeroflasche, die noch fester in der Halterung drin sitzt. Hier auf Hawaii bin ich mit neuen Tubeless-Reifen am Start, um ein paar Watt einzusparen. Die anderen Jungs lassen auch nichts aus, was ein paar Watt Ersparnis auf dem Rad bringt.

Sie haben den Ironman Lanzarote über Stunden bestimmt, wurden aber kurz vor Schluss vom Italiener Alessandro Degasperi im Marathon überlaufen. Macht einen so eine Erfahrung mit Blick auf Hawaii noch einmal etwas härter?

Vom Kopf her wird man da vielleicht schon noch mal härter, wenn man drei Kilometer vor dem Ziel abgefangen wird, nachdem man das Ganze sechseinhalb, sieben Stunden lang angeführt hat. Das ist wirklich unschön. Ich war megafrustriert nach dem Rennen, weil es eine bescheidene Erfahrung war, die ich da gemacht habe. Ich hatte mir im April die Ferse angeschlagen und musste beim Laufen etwas wegstreichen im Training. Aber ich bin trotzdem nicht schlecht gelaufen, ich hatte noch die viertbeste Laufzeit. Was das Thema Wind angeht, war das Rennen im Nachhinein für Hawaii vielleicht gar nicht schlecht. Es war an diesem Tag so extrem, dass ich nicht wüsste, was hier am Samstag noch passieren soll, damit mich das noch schockt. Was da auf Lanzarote passiert ist, das war stellenweise nicht mehr feierlich. 

Es gab auf Lanzarote Athleten, die massive Probleme hatten, das Vorderrad in der Spur zu halten. Haben Sie für Hawaii in dieser Hinsicht am Material noch etwas gefeilt?

Ich bin da guter Dinge. Ich werde mit dem 2016er-Modell von Ceepo unterwegs sein, und das ist fühlt sich auch so an, wie man es sich erhofft. Ich habe das Gefühl, mit dem Rad noch einmal schneller unterwegs zu sein und mich wohler zu fühlen. Was das Thema Material angeht, bin ich zuversichtlich, dass alles passt.

Im Vorfeld des Rennens wird extrem viel über die Deutschen gesprochen, es geht ständig um Jan Frodeno und Sebastian Kienle und den möglichen nächsten deutschen Sieg. Die anderen Deutschen fallen dabei häufiger etwas hinten herunter. Ärgert Sie das oder ist es vielleicht sogar gut, weil man dadurch mehr Ruhe hat?

Ich denke, es gehört einfach dazu. Der eine ist dieses Jahr Europameister mit einer Riesenzeit geworden, der andere ist der Titelverteidiger – wenn Barcelona gegen Bayern spielt, dürfen sich die anderen auch nicht aufregen, dass dann weniger über sie gesprochen wird. Das ist ja auch zurecht der Fall, das ist verdient. Da kann man nur probieren, etwas in dem Sog mitzuschwimmen. Als Underdog den einen oder anderen Experten zu überraschen, der einen nicht so auf der Rechnung hat, das muss auch nicht schlecht sein. Es ist ja auch gar nicht so unwahrscheinlich, dass man hier Achter wird und damit fünfter Deutscher ist. Ich persönlich tippe auf ein rein deutsches Podium.

Und wer steht dann wo auf dem Treppchen?

Nach den Leistungen dieser Saison sind Frodo und Nils Frommhold die ganz großen Favoriten, und den Sebastian darf man in diesem Rennen sowieso nicht abschreiben. Den Rest muss man dann einfach gucken. Auch ein Andi Böcherer wird hier ordentlich Krawall machen. Ich hoffe logischerweise auch, dass ich eine Top-10-Platzierung erreichen kann.

Im Krawall auf den ersten 50, 60 Radkilometern sind Sie normalerweise nach dem Schwimmen mittendrin als einer der besten Schwimmer?

Ich hoffe doch sehr, dass ich da mitten drin bin. Den Vorteil sollte man sich nicht nehmen lassen. Natürlich sollte man dann ein bisschen mit Köpfchen fahren und sich nicht auf den ersten 50 Kilometern komplett zerschießen. Du kommst hier aber gar nicht drum herum, ein gewisses Risiko einzugehen. Im Grunde musst du bis zum Anstieg nach Hawi so gut wie möglich dabei bleiben, und dann fängt es an, dass jeder sein Rennen macht. Ich glaube auch nicht, dass Frodo, Böcherer, Nils oder auch ich auf den Sebi warten werden und dann versuchen, mitzufahren. Man muss sein Rennen hier einfach machen. Den Ben Hoffman hat hier voriges Jahr keiner auf der Rechnung gehabt, und er ist mit einem ganz klugen Rennen Zweiter geworden.

Fahren Sie mit Wattmessgerät?

Ja. Seit letztem Jahr Klagenfurt fahre ich mit Wattmessung, und da hat es gleich sehr gut funktioniert. Ich werde hier knallhart nach Watt fahren. Auch im Training halte ich mich daran. Du kriegst ja stellenweise beim trainieren auf dem Highway Angst, wenn die Agegrouper an dir vorbeiballern. Du fährst 220, 230 Watt, und die zimmern richtig an dir vorbei.

Wenn alles richtig gut läuft, wo landen Sie?

Top 10 habe ich mir als Ziel gestellt. Das habe ich zwar auch letztes Jahr schon gesagt, aber das muss das Ziel sein.