Daniela Sämmler: "Der Kater ist noch nicht verjagt"

Daniela Sämmlers Sieg beim Ironman Mallorca war erst der dritte einer Deutschen in dieser Saison. Vor allem für die 27-jährige Darmstädterin selbst war der erste Ironmantitel ein ganz besonderer. Welche Taktik zum Erfolg geführt hat und was sich während des Rennens in ihrem Kopf abspielte, erzählt sie im Interview.

Von > | 30. September 2015 | Aus: SZENE

Daniela Sämmler - Ironman Mallorca 2015 | Überwältigt: Daniela Sämmler im Moment des bisher größten Siegs ihrer Profikarriere

Überwältigt: Daniela Sämmler im Moment des bisher größten Siegs ihrer Profikarriere

Foto >Getty Images for Ironman

Ausgerechnet auf der sogenannten "Insel der Deutschen" war Daniela Sämmler reif für ihren ersten Ironmansieg. Kontrolliert und konzentriert, spulte die 27-Jährige die 226 Kilometer im Norden Mallorcas ab. Dass sie sich von niemandem aus der Ruhe bringen ließ und fast neuneinhalb Stunden "ihr Ding gemacht hat", war ohne Zweifel ihr Schlüssel zum Erfolg. Wir haben vier Tage nach dem Rennen mit der Darmstädterin über ihren Coup in Alcúdia gesprochen.

Daniela Sämmler, vermutlich konnten Sie sich nach Ihrem Sieg vor Mails und SMS kaum retten. Wer hat sich alles mit Ihnen gefreut und konnten Sie schon alle Glückwünsche beantworten?
Ich habe es tatsächlich noch nicht geschafft, alle Glückwünsche zu beantworten. Ich war wirklich überrascht, wer es alles mitbekommen hat und bin total überwältigt von der großen Resonanz, denn so richtig angekommen ist es bei mir selbst noch immer nicht. Familie, Freunde und auch ganz viele Nachrichten von Menschen, zu denen ich schon länger keinen Kontakt hatte und gar nicht damit gerechnet hätte, dass sie mich überhaupt „verfolgen“. Ich werde aber jede Mail und SMS noch beantworten!

Sie haben schon im Juli in Roth angedeutet, dass der Abstand zu den Topstars deutlich kleiner geworden ist. Mit welcher Taktik sind Sie in das Rennen auf Mallorca gegangen. Hand aufs Herz: Spukten Gedanken an den ersten Ironmansieg durch den Kopf?
Ja, der Gedanke daran, Rennen zu gewinnen ist ein großer Motivator für mein Training und spukt bei mir daher häufiger durch den Kopf. Dass ich auf Mallorca an einem guten Tag Chancen haben würde, auf dem Treppchen zu landen, habe ich vorher Dank einer sehr guten Vorbereitung auch gespürt. Meine Taktik war daher, einfach mein Ding zu machen und mich genau darauf zu verlassen, denn ich wusste, ich habe meine Hausaufgaben gemacht.

Challenge Roth 2015 | Schon bei der Challenge Roth im Juli blitzte die Klasse von Daniela Sämmler auf.

Schon bei der Challenge Roth im Juli blitzte die Klasse von Daniela Sämmler auf.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Sie kommen vom Schwimmen, lagen nach dem Auftakt trotzdem zwei Minuten hinter der guten, aber auch nicht überragenden Schwimmerin Emma-Kate Lidbury zurück. Hat Sie das beunruhigt?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe nach dem Start auch nur kurz versucht, das Tempo mitzugehen, bin dann aber direkt meinen eigenen Rhythmus geschwommen. Bei einer Mitteldistanz hätten mich zwei Minuten beunruhigt, aber es war ja eine Langdistanz. Das Rennen hatte also gerade erst begonnen und der Tag würde noch lang werden...

Welche Devise hatte Ihr Coach Utz Brenner fürs Radfahren ausgegeben – und wie konnten Sie das auf den ersten Kilometern umsetzen?
Die Devise war, mich nicht an den anderen zu orientieren, sondern mich auf mein Gefühl zu verlassen und gleichzeitig die Wattwerte im Blick zu behalten. Seine Vorhersage war, dass ich spätestens am Beginn des Anstiegs zum Kloster Lluc die Führung übernommen haben würde, um dann, wie bei der Challenge Roth, auf der zweiten Hälfte der Radstrecke meine Stärke ausspielen zu können. Es lief von Anfang an perfekt, ich konnte die Wattwerte exakt einhalten und mich schon nach 50 Kilometern an die Spitze setzen.

Bei Kilometer 80 wurden Sie in Führung liegend von einer großen Gruppe – darunter auch Profifrauen – „überrollt“, was Sie sicher hocherfreut hat...
Da ich erst kurz vorher die Info erhalten hatte, ich würde meine Führung ausbauen und sei sehr gut unterwegs, war ich darüber tatsächlich sehr überrascht. Da das Rennen aber sowieso erst am Anstieg zu Kloster Lluc richtig losging und es darauf ankam, die letzten 50 Kilometer noch Druck auf’s Pedal bringen zu können, konnte ich meine Konzentration zum Glück schnell wieder auf das Wesentliche lenken.

Hat Sie diese unschöne Szene vielleicht sogar noch extra motiviert?
Ich habe mich darauf verlassen, dass ich nach dem Berg noch gute Beine haben und vor allem noch frisch für den Marathon sein würde, daher habe ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Meine Teamkollegin Julia Gajer hat mir schon vor meiner ersten Langdistanz eingetrichtert, dass das Rennen ist erst am Zielstrich zu Ende ist. Das klingt sehr simpel, war aber mehr als neun Stunden in meinem Kopf präsent... In den letzten vier Minuten habe ich es dann endlich gewusst!

Ironman Mallorca 2015 | Das Podium des Ironman Mallorca 2015: Emma-Kate Lidbury (GBR), Daniela Sämmler und Alexandra Tondeur (BEL)

Das Podium des Ironman Mallorca 2015: Emma-Kate Lidbury (GBR), Daniela Sämmler und Alexandra Tondeur (BEL)

Foto >Getty Images for Ironman

Beim Laufen sah es aus, als hätten Sie sich und Ihre Konkurrentinnen jederzeit unter Kontrolle. War dem so?
Die vielen Wendepunkte haben das Laufen zwar nicht gerade einfacher gemacht, waren aber auch sehr hilfreich, um immer genau zu sehen, wie die anderen unterwegs sind. Auch von außen habe ich ständig Informationen bekommen, sodass ich den Marathon sehr defensiv angehen und kontrolliert laufen konnte.

Sie haben vor allem privat stressige Wochen und Monate hinter sich. Welche Rolle hat der Triathlon für Sie in dieser Zeit gespielt. War der Sieg so etwas wie ein Befreiungsschlag?
Ja, "Befreiungsschlag" trifft es sehr gut. Nicht erst seit der Sport auch mein Beruf ist, bestimmt er mein Leben und spielt eine sehr wichtige Rolle für mich. Aber jeder Sportler wird das kennen: Wenn es einem nicht gut geht, ist es schwer, an seine Leistungsgrenzen zu gehen. Da ist der Sport oft eher ein Ventil.  Wenn der Kopf nicht hundertprozentig dabei ist, kann man keine großen Rennen gewinnen. Dass er hundertprozentig dabei ist, kann man aber nicht erzwingen und es gibt Dinge, die brauchen länger, ziehen Energie und kosten viel Kraft. Aber nach Regen scheint ja auch immer irgendwann wieder die Sonne!

Vermutlich haben Sie nach dem Sieg einige Nächte durchgefeiert. Wie geht es für Sie weiter, wenn der Kater verjagt ist?
Der Kater ist noch nicht verjagt ;-) Vor dem Rennen stand noch ein möglicher Start bei der Challenge Paguera im Raum, wir haben uns nun aber doch für die Saisonpause entschieden, um danach einen konzentrierten Formaufbau starten zu können. Meine grundsätzlichen Rahmenbedingungen und Trainingsmöglichkeiten sind in diesem Jahr bedeutend besser. Ich muss viel weniger Kompromisse eingehen und werde mich deshalb im Winter voll auf den Sport konzentrieren können – nicht zuletzt auch Dank meiner Sponsoren. Also erstmal Pause und dann geht’s weiter.