Einmal Hawi und zurück

Einmal im Jahr fallen knapp 2.000 Triathleten im beschaulichen Hawi ein. Wäre am einzigen Zebrastreifen im Ort nicht der Wendepunkt des Ironman Hawaii - wahrscheinlich hätte nie jemand Notiz von der 1.000-Seelen-Gemeinde im Nordosten Big Islands genommen. Wir haben einen Bus voller Hawaii-Rookies auf ihrem Trainingsausflug nach Hawi begleitet.

Von > | 9. Oktober 2012 | Aus: SZENE

IMG_6158 | Mit deutschen Agegroupern auf der Radstrecke des Ironman Hawaii

Mit deutschen Agegroupern auf der Radstrecke des Ironman Hawaii

Foto >Jan Sägert /spomedis

Touristen, die sich einen Urlaub auf Big Island leisten können, buchen Touren zum Vulkan Mauna Kea, in die Insel-Hauptstadt Hilo oder einen Bootsausflug zu einem der zahlreichen Schnorchel-Spots vor der Küste Big Islands. Triathleten, die sich für die Ironman-WM qualifiziert haben, fahren lieber nach Hawi. Und zwar bevorzugt mit dem Rad. Seit Tagen jagen Hunderte bis aufs letzte Gramm austrainierte Agegrouper (und Profis) auf ihren sündhaft teuren Rennboliden über die Wellen des Queen-K-Highway, vorbei am schicken Waikoloa bis zum Abzweig nach Hawi. Einige haben auch dort noch nicht genug und machen sich auf den Weg in das verschlafene Örtchen im Nordwesten Big Islands, das auch auf den zweiten Blick sehr an die Kulisse eines amerikanischen Westerns erinnert.

"Flach ist das hier nicht"

Johannes Brünink, Jens Riedl und Franz Eckl nehmen heute mal den Bus nach Hawi - die Rennmaschinen werden in einem Truck transportiert, zurück soll es dann per Rad gehen. Das Trio aus Deutschland ist zum ersten Mal auf Hawaii. Die Chance, die Strecke einmal aus einer anderen Perspektive zu analysieren, wollen sie sich nicht entgehen lassen. Stilecht amerikanisch, im gelben "School Bus" des Allgäuer Reiseveranstalters "Hannes Hawaii Tours", brechen sie mit einem Dutzend anderer Agegrouper auf ins 90 Kilometer entfernte Hawi. "Flach ist das ja hier nicht", bemerkt Franz Eckl - kaum, dass der Bus mit einer sonnenbebrillten Hawaiianerin am Steuer den Flughafen von Kona passiert hat. Der Amberger startet in der AK 45 und hat sich beim Ironman Germany in Frankfurt auf Anhieb für die Ironman-Weltmeisterschaft qualifiziert. "Eigentlich wollte ich nie nach Hawaii", erzählt er. Sein Job als Kinderarzt lasse das eigentlich nicht zu. Und überhaupt sei das Ganze hier eigentlich lebensmüde.

Ein kleiner Lebenskünstler ist Johannes Brünink (M40). Der Münsteraner hat sich von seinem Arbeitgeber ein ganzes Jahr lang freistellen lassen - unbezahlt. Seit August reist er mit seiner Frau Miriam und dem Rad im Gepäck um die Welt. Kanada und Teile der USA haben sie schon bereist, Neuseeland, Kambodscha und Südafrika stehen noch auf dem Reiseplan. Das Ticket nach Kona hatte sich Brünink schon im September 2011 beim Ironman Wales gesichert. Die Radstrecke auf der Grünen Insel hat mehr als doppelt so viele Höhenmeter wie das Rennen auf Big Island. Doch nicht nur deshalb macht das Streckenprofil dem Bauingenieur weniger Sorgen, als sich der Bus nach knapp 40 rumpeligen Meilen dem Abzweig nach Hawi nähert. "Ich hoffe, der Randstreifen wird vor dem Rennen noch mal gefegt", sagt er. Wirklich daran glauben kann er aber selbst nicht. "Ich mache drei Kreuze, wenn ich am Samstag ohne Platten nach Hause komme", kündigt der Weltenbummler vom TVE Greven an.

Jens Riedl ist ebenfalls an Bord des gelben Busses. Er kommt aus dem pfälzischen Höhfröschen. Den Startplatz für seinen ersten Ironman, 2010 in Frankfurt, habe ihm seine Frau zum Geburtstag geschenkt, erzählt er - und dass er 2007 überhaupt erst mit Triathlon angefangen hat. "Irgendwann hat mich dann mal jemand gefragt, ob ich nicht endlich mal einen richtigen Triathlon machen will", erinnert sich Riedl, während es am Straßenrand langsam grüner wird und der Himmel über Big Island trüber. Seine beiden Rookie-Kollegen schmunzeln. Am Wörthersee - beim Ironman Austria - hat sich Riedl den Slot für die Ironman World Championship gesichert. Vom Profil des Radkurses auf Big Island ist er, wie die meisten anderen im Bus, schon etwas überrascht. So viele langezogene Wellen und endlose Geradeauspassagen hatten die Rookies nicht erwartet.

Ein Zebrastreifen als Wendepunkt

Nach etwas mehr als einer Stunde rollt der Bus durch Hawi. Und hätte das nicht einer der Mitfahrer laut gesagt - viele hätten es wohl gar nicht mitbekommen. Ein profaner Zebrastreifen markiert den Wendepunkt des wichtigsten Triathlonrennens der Welt - wenige Meter weiter ist Hawi auch schon zuende. Ein Schweizer Hawaii-Rookie schüttelt beim Ausladen der Räder etwas enttäuscht den Kopf. "Irgendwie hatte ich mir das hier alles ein bisschen größer vorgestellt", sagt er. Nach einer kurzen Einweisung der Crew von "Hannes Hawaii Tours" rollen der junge Eidgenosse, Johannes Brünink, Jens Riedl, Franz Eckl und die anderen retour in Richtung Kona. Dieses Mal auf zwei Rädern. Drei Stunden und viele Liter Wasser später ist der Tagesausflug beendet. Am Samstag werden sie die Strecke wieder fahren. Und dann dürften sie den Wendepunkt in Hawi ohne Probleme finden: Am Tag des Ironman Hawaii putzt sich das 1.000-Seelen-Dorf für die fast 2.000 lebensmüden Triathleten heraus, die mit ihrem Rad an jenem überhaupt nicht heiligen Zebrastreifen wenden und wenige Sekunden später auch schon wieder verschwunden sind.