Frodeno, Kienle, Frommhold: Die Favoriten sprechen Deutsch

Die internationale Ironman-Spitze darf sich zu Recht fürchten vor den deutschen Profis. In diesem Jahr sind die Herren um Titel­verteidiger Sebastian Kienle nämlich so gut aufgestellt wie selten zuvor.

Von > | 8. Oktober 2015 | Aus: SZENE

Jan Frodeno Training

Foto >Felix Rüdiger

Der kleine Bruder des Ironman ­Hawaii konnte der Konkurrenz schon einmal ziemlich Angst bereiten. Zwei Deutsche standen bei der Ironman-70.3-WM in Zell am See oben auf dem Podest, vier der ersten Sechs repräsentierten Schwarz-Rot-Gold nach einem Rennen, das durch und durch deutsch eingefärbt war. Wer diese Weltmeisterschaft als Nichtdeutscher verfolgte, dürfte froh darüber sein, dass in Kona am 10. Oktober „nur“ acht Deutsche unter den 56 ­Profimännern am Start sind. Dieser Deutschland-Achter könnte es allerdings mächtig in sich haben. Vieles spricht dafür, dass der Kona-Triumph von Sebastian Kienle im Vorjahr alles andere als eine weitere deutsche Momentaufnahme in der Geschichte des Ironman Hawaii gewesen ist.

Triple möglich

Noch nie waren die Chancen auf eine deutsche Titelverteidigung auf Hawaii so groß und so breit gefächert wie in diesem Herbst. Der monströse Auftritt von Jan Frodeno bei seinem Parforceritt zum Ironman-Europameistertitel in Frankfurt hat manchen Konkurrenten schaudern lassen, die Fans umso mehr begeistert. Entsprechend schwer lastet auf dem 34-Jährigen, nach dem Sieg bei der EM in Frankfurt und dem Gewinn der Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Zell am See nun in Kona das einzigartige Triple zu komplettieren. Gelingt es dem Wahlspanier, ist der Schritt bis zur Triathlonlegende nur noch minimal. Wer ­Frodeno in den vergangenen Monaten ein wenig auf seinem Weg durchs Jahr verfolgt hat, konnte vor allem immer wieder beobachten, mit welch akribischer Professionalität er seinen Beruf betreibt. Bei seinem jüngsten großen Auftritt in Zell am See war er vor dem Start derjenige Profiathlet, der mit Abstand die längste Zeit in der Wechselzone verbrachte, um jedes Detail zu checken, das für seinen Weg zum Erfolg von Bedeutung ist. Das ­Nesteln an Schuhen, Helm, Startnummernband und allerlei Dingen half sicher auch, die eigene Nervosität wegzuarbeiten, vor allem aber zeugte es von Frodenos Blick auf die Kleinigkeiten, die das große Ganze ergeben. Genauso gestaltet er dann auch seine Rennen.

Siegarbeiter Frodeno

Bis zum Beginn des Jahres 2015 hatten viele Beobachter gedacht, ein Läufertyp wie Jan Frodeno sei vor allem in der Schlussdisziplin gefährlich. Das Laufen galt als die Kür seiner Auftritte, nach der vermeintlich lästigen Pflicht, dem Radfahren. Diese Saison hat jedoch das Gegenteil bewiesen: Auf seinem neuen Rad fährt Frodeno so hart und akribisch, dass das Laufen fast zu einer schmerzvollen Pflicht wird. In Frankfurt hing er beim Marathon mit dem Kopf zur Abkühlung in der Wassertonne, in Zell am See wirkte der Lauf des Triumphators nur auf dem ersten Streckendrittel elegant. Je länger das Rennen andauerte und seine aggressive Radtaktik nachwirkte, desto kürzer wurde der Schritt, desto stoischer der Blick. Wer Frodeno bis dato für einen Athleten gehalten hatte, der beim Laufen aufgrund der ihm eigenen spielerischen Stärke alles wegräumt, hat einen neuen ­Typen kennengelernt. Den Siegarbeiter.

Schneller als die Schnellsten

Mit den hart erwirkten Glanzleistungen von Frankfurt und Zell am See als Vorschuss reist Jan Frodeno als Topfavorit nach Hawaii. Aber spätestens seit Zell am See ist auch Sebastian Kienle in einer glänzenden Ausgangsposition für Kona. Natürlich, als Titelverteidiger steht er im Mittelpunkt des Interesses während der Rennwoche. Aber tief in ihm drin hat ihm die WM in Zell am See die Ruhe gebracht, die ihn durch die intensive Woche bringen wird: Nach dem Gefühl von Frankfurt, als Zweiter hinter Frodeno nur Gast im Rennen des Kollegen gewesen zu sein, hat sich der 31-Jährige in Österreich mit einem grandiosen Wettkampf viel Selbstvertrauen zurückgeholt. Schwimmerisch war es die wohl beste Leistung seiner Karriere, auf dem Rad setzte Kienle auf eine kluge ­Taktik und fuhr stark, aber eben nicht über dem Limit. Im Laufen schneller zu sein als ­Frodeno und Javier Gómez brachte ihn im Matchplan für Kona erneut ganz weit nach vorn.
So viel zum Vorspiel. Es ist zu vermuten, dass es am 10. Oktober kurz nach Sonnenaufgang auf den ersten 400 Metern der Schwimmstrecke furchtbar wird. Und dass die folgenden rund 225,8 Kilometer keine Linderung bringen. Angenommen, der US-Amerikaner Andy Potts kommt wieder als Erster aus dem Wasser, dann haben die Deutschen – vielleicht gerade An­dreas ­Böcherer – auf den ersten 3,86 Kilometern sicher ein Interesse daran, das Rennen erbarmungslos zu gestalten und ein paar Mitschwimmer am Streckenrand zu parken. Es wird wohl wieder einmal so sein, dass auf den ersten 60 Radkilometern ein Feuerwehrkommando gestartet wird, als müsste jeder in Windeseile nach Hawi, um dort einen Großbrand zu löschen.

Ironman Hawaii 2014 - Radfahren - 31

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Vielleicht ist Sebastian Kienle dankbar dafür, dass Maik Twelsiek erneut im Rennen ist und auf dem Rad ein deutsches Doppel bilden könnte, das wie ein Jahr zuvor die Grundlage für das spätere Solo Kienles gelegt hat. Vielleicht fährt sogar Böcherer drei Jahre nach seinem letzten Kona-Start frühzeitig allein weg? Angesichts seiner läuferischen Stärke und der Gefahr, bei zu hohem Risiko auf dem Rad beim Laufen der Hitze Tribut zollen zu müssen, könnte es unterdessen gut sein, dass Jan Frodeno in Kona nicht so aggressiv fährt wie in Frankfurt. Vielleicht versucht er vielmehr, dann, wenn Radraketen wie der wiedererstarkte Belgier ­Marino ­Vanhoenacker, der Kanadier ­Lionel ­Sanders, Luke ­McKenzie (­Australien) oder auch der belgische 2013-Champion ­Frederik van Lierde nahe Hawi seinen Weg kreuzen, mitzugehen und Kräfte zu sparen. In diesem Umfeld dürfte auch Roth-Sieger Nils Frommhold aufzufinden sein und ebenso Andreas Raelert, der mit diesem Rennen noch mehr als eine Rechnung offen hat. Dass Leute wie der überraschende Vorjahreszweite Ben ­Hoffmann und seine amerikanischen Landsleute Andy Potts und Tim O’Donnell genauso wie die ­Spanier Ivan Rana und ­Eneko Llanos, Ronnie Schildknecht und Jan van Berkel aus der Schweiz sowie auch der Leipziger ­Christian Kramer ein Interesse daran haben, Tuchfühlung zur ersten größeren Gruppe zu haben, versteht sich von selbst.

Expressfahrt

Auch wenn der dreimalige Hawaii-Sieger Craig Alexander in diesem Rennen nicht mehr dabei sein wird, für eine große Laufbattle sind ausreichend Vorzeichen gegeben. Im Vorjahr haben die ganz schnellen Laufzeiten im Kampf um den Sieg gefehlt, weil viele Körner auf dem Rad sprichwörtlich in den Wind geschossen worden waren. Je nach Rennverlauf könnte dies auch in diesem Jahr der Fall sein, möglicherweise, wenn es wie in Frankfurt und in Zell am See zuvor eine schwarz-rot-goldene Expressfahrt gibt. Eventuell könnte auch der auf dem Rad zuletzt extrem starke Ironman-70.3-Europameister Boris Stein nach schwächerem Schwimmen einen späten Sitzplatz in diesem Zug finden. Alles ist offen und voller Spannung. Fest steht nur: Auf Zell am See könnte eine weitere deutsche WM folgen.