Hannes Blaschke: "Die Emotionen bleiben für immer"

Der Ironman Hawaii ist einzigartig. 1978 wie auch 35 Jahre später. Zwischen Gordon Haller als Sieger der Erstauflage und dem Gewinner des kommenden Samstags liegen dreieinhalb Stunden Differenz und eine kommerzielle Entwicklung, die im Ausdauersport ihresgleichen sucht. In unserer Serie zeigen wir Ihnen die Legenden eines legendären Rennens - heute im Interview mit Hannes Blaschke.

Von > | 9. Oktober 2013 | Aus: SZENE

Hannes Blaschke | Macht nach wie vor eine richtig gute Figur auf Hawaii: Hannes Blaschke taucht bei einer Schnorcheltour in der Rennwoche kurz ab aus dem Trubel rund um den Pier.

Macht nach wie vor eine richtig gute Figur auf Hawaii: Hannes Blaschke taucht bei einer Schnorcheltour in der Rennwoche kurz ab aus dem Trubel rund um den Pier.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Hannes Blaschke ist einer der Kenner des Ironman Hawaii. Seit 30 Jahren ist der 53 Jahre alte Allgäuer mit diesem Rennen tief verbunden – er strahlt die Leidenschaft für diesen Wettkampf, dieses Lebenserlebnis, durch und durch aus. Als Athlet, als Triathlon-Enthusiast und Gründer von Hannes Hawaii Tours. 1984 ging er als einer der ersten Deutschen in Kona an den Start, ein Jahr darauf belegte er auf dem Alii Drive den vierten Platz. Bevor er 2003 in Kanada seinen letzten Ironman bestritt, stand er fünf Mal an der Startlinie. Im Interview spricht er aber nicht nur über das, was in den vergangenen drei Jahrzehnten auf Hawaii passiert ist. 

Hannes Blascke, wenn Sie heute auf die vergangenen 30 Jahre zurück schauen, was ist am stärksten in Erinnerung geblieben?

Natürlich sind da auch bei mir ganz viele emotionale Momente in den Rennen gewesen. Der Mensch neigt ja dazu, dass nur das Positive bleibt – obwohl zu diesem Rennen auch viel Leiden gehört, erinnere ich daran gar nicht mehr so. Wenn du hier mal Vierter geworden bist und auf Hawaii den besten Wettkampf deines Lebens abgezogen hast, dann ist das auch nach so vielen Jahren bei dieser Veranstaltung emotional immer noch tief mit dabei. Ich komme ja dieses Jahr zum 30. Mal in Folge hierher zum Ironman – ich muss das einfach erleben.

Welche Athleten haben Sie in den drei Jahrzehnten am meisten beeindruckt?

Für mich Dave Scott der große Motivator überhaupt Triathlon zu machen. Ich war einer der Deutschen, die damals im Winter 1982/1983 diesen ABC-Bericht "worldwide of sports" gesehen hat, das wurde in der ARD oder im zweiten Programm übertragen. Dave Scott und die Topleute zu sehen, das hat mich wahnsinnig beflügelt. Dave Scott, Scott Tinley und auch die Big Four haben einen schon geprägt. Mich haben aber am meisten die Leute beeindruckt, die hier voll ihre Emotionen rauslassen. Für viele Sportler ist das nicht nur - wie für manche Profis - ein Wettkampf, es ist Hawaii, es ist etwas Besonderes, ein richtiger Lebensabschnitt. Ich erlebe das bei vielen unserer Gäste, die sich diesen Traum erarbeitet haben, in das Rennen überhaupt einmal reinzukommen. Und dann sagen sie hier: Das ist etwas, was ich immer wollte, und wenn ich das geschafft habe, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Wir haben in diesem Jahr in unserer Gruppe einen dabei, der hier zum Abschluss den Ironman Hawaii macht und sich danach um seine Enkelkinder kümmern will. Und ein anderer hat den Slot in der Lotterie gewonnen, am Tag nachdem er erfahren hatte, dass er Vater wird. Er hat gesagt, dass er das als Zeichen nimmt, dass er das Rennen machen soll und danach einfach nur noch Papa ist.

Sind diese schönen Emotionen jedes Jahr wieder neu da?

Absolut, jedes Jahr. Hawaii ist für mich immer noch ein Wettkampf. Das klingt jetzt zwar bescheuert, aber 500 Leute mit meinem Team hierher zubringen, das ist ein Wettkampf. Ich mache das Rennen zwar selbst nicht mehr mit, aber Hawaii ist immer noch meine Herausforderung. Mein Rennen hört nur erst auf, wenn die Leute im Flieger sitzen oder gut zuhause angekommen sind. Dann habe ich ein ähnliches Gefühl wie damals, als ich hier über die Ziellinie gegangen bin. Danach sacken wir genauso in uns zusammen, und die ganze Energie ist raus.

Wie sehr hat sich das Rennen in den vergangenen Jahren entwickelt, gerade auch unter kommerziellen Aspekten?

Es war ja noch nie eine Verbands-, sondern eine private Veranstaltung. Dadurch war das Rennen immer etwas Besonderes; die Qualität war eine andere, weil sich Leute privat um die Entwicklung bemüht haben. Ich möchte dem Verband nichts absprechen, aber auf der Langdistanz hat die ITU noch nicht so ein Kaliber abgeliefert wie Hawaii. Es ist die Topveranstaltung im Triathlon, und dass das Ding Gewinn abwerfen muss, ist doch klar. Auch wir betreiben unseren Aufwand hier nicht zum Spaß, man arbeitet das ganze Jahr dafür, da muss auch etwas hängen bleiben, sonst brauche ich gar nicht anzufangen. Von der betriebswirtschaftlichen Seite her habe ich Verständnis dafür, dass man einen Betrag verlangt für eine Leistung – gerade wenn es genügend Leute gibt, die ihn bezahlen. Aber es gibt auch einen Punkt, an dem man eine Verantwortung für den Sport hat, an dem man sich fragen muss, ob man hier nur noch einen Wettkampf für eine finanzielle Elite veranstalten will. Es geht um die Frage, ob man will, dass die Basis eine Chance hat, hier zu starten – oder ob man in der Agegroup 18 bis 24 nur noch Millionärssöhne dabei haben möchte. Da ist die WTC eigentlich gefordert, irgendwie ein Programm zu entwickeln, dass es vielleicht Stipendien gibt, dass vielleicht manche ohne Startgeld oder mit einem verminderten Startgeld teilnehmen können. Dieser soziale Aspekt fehlt mir komplett. Am liebsten wäre es mir, wenn das Unternehmen irgendein reicher durchgeknallter Triathlet kaufen und dann sagen würde: Hey, es ist mir egal, ob das Ding Profit abwirft oder nicht, ich möchte einfach, dass der Athlet im Mittelpunkt steht.

Wir haben über die Athleten gesprochen, die Sie selbst als Sportler inspiriert haben. Wen sehen Sie in dieser Beziehung in der Gegenwart unter den Profis als prägend an?

Da bin ich mit dem Sebastian (Kienle) natürlich ein bisschen vorbelastet, ich mache ja die Verträge für ihn und finde ihn einen super Typen, von der ganzen Einstellung, von der Emotion. Ich sehe in ihm einfach die Zukunft im Sport. Es gibt in diesem Sport im Moment aber eine ganze Reihe Profis, die nicht abgehoben oder arrogant sind. Unser Sport ist so schwer und mit so viel Schweiß und Arbeit verbunden, dass die meisten die Bodenhaftung einfach behalten haben. Ich denke, dass das in der nahen Zukunft auch so bleiben wird, da kommen im Moment richtig gute Athleten nach.

Für diesen Schweiß ist der Zieleinlauf auf dem Alii Drive die ultimative Belohnung?

Jeder, der schon einmal einen Ironman ins Ziel gebracht hat, kann sich an diese Momente erinnern. Es sind einfach prägende Augenblicke, die für immer bleiben. In zehn Jahren denkt man dann auch nicht mehr an das teure Startgeld zurück, sondern an die tiefen Emotionen an diesem einen Tag.