"Ich möchte nicht nur bei Kirmesrennen im Vorbeigehen abräumen"

Im bärenstarken Profifeld der Challenge Dubai ist Patrick Lange nur ein Name von vielen. Doch der Griesheimer hat sich nach seinem kapitalen Sturz in Mont-Tremblant aufgerappelt und geht optimistisch in den Vergleich mit den "großen Jungs". Wie viel ihm noch zur Weltspitze fehlt und an welchen Stellschrauben er im Winter gedreht hat, verrät der 28-Jährige im Interview.

Von > | 25. Februar 2015 | Aus: SZENE

Patrick Lange beim Heidelbergman 2014 | Patrick Lange gewinnt zum zweiten Mal den Heidelbergman.

Patrick Lange gewinnt zum zweiten Mal den Heidelbergman.

Foto >Marcel Hilger

Ihr 2014er Saisonhighlight endete vor etwa fünf Monaten in Mont-Tremblant unfreiwillig und unverschuldet auf dem Hosenboden bzw. dem Asphalt. Was ist genau passiert und wie haben Sie das WM-Aus mental weggesteckt?
Ja, das ist leider richtig. Ich war topfit und nach meinem ebenfalls unverschuldeten Malheur in Viernheim war ich sehr motiviert, zu zeigen was ich kann. Aber das Rennen in Kanada war von Beginn an irgendwie nicht meins. Ich musste beim Schwimmen, mehr als ich es auf der 70.3-Strecke je erlebt habe, die Ellbogen auszufahren. Es wurde so geprügelt, dass ich mich etwas an die internationalen Kurzdistanzrennen erinnert fühlte. Naja, ich kam trotzdem passabel aus dem Wasser und fand mich in einer kleinen Gruppe um Tim van Berkel und James Cunnama wieder. Ich wollte gerade meine Aufholjagd starten und fuhr am Südafrikaner vorbei, als der bei 60 km/h einen Kettenrutscher hatte und es ihm das Rad verschlug. Er fiel vor mir hin, das Rad rutschte vor mein Vorderrad, ich hatte keine Sekunde zu reagieren, dann eine Flugphase, dann wurde es schwarz und ich kam im Graben liegend mit Schmerzen wieder zu mir. Diagnose: angerissenes Kreuzband und viele Prellungen und Schürfwunden. Mittlerweile bin ich aber wieder fit und freue mich, wieder viel zu trainieren und schmerzfrei laufen zu können. Mental war es natürlich keine leichte Aufgabe. Im Endeffekt denke ich aber, dass ich aus den acht Wochen Totalpause viele positive Dinge mitnehmen konnte. Mein Leben hat sich dadurch eher verbessert als verschlechtert - nicht nur sportlich.

Patrick Lange | Gemeinsam mit Faris Al-Sultan und seinem \"pewag racing team\" hat sich Patrick Lange auf Lanzarote auf die Saison vorbereitet.

Gemeinsam mit Faris Al-Sultan und seinem "pewag racing team" hat sich Patrick Lange auf Lanzarote auf die Saison vorbereitet.

Foto >Werner Leitner

National haben Sie 2014 fast alles gewonnen, was Sie in Angriff genommen haben. International steht bisher nur der 2. Platz vom Ironman 70.3 Luxemburg zu Buche. Was fehlt Ihnen noch zum internationalen Durchbruch – ist es nur das Quäntchen Glück?
Was mir national einen großen Vorteil bringt ist, dass ich die Rennen kenne, die Athleten kenne und viel Erfahrung zu Wettkämpfen wie dem Rhein Neckar Cup mitbringe. Die fehlt mir international auf den 70.3-Strecken noch - genau wie das richtige Taktikgespür beim Radfahren. Ich habe in Kanada erst meinen sechsten Mitteldistanztriathlon gemacht. Dazu habe ich mir bislang immer Wettkämpfe ausgesucht, bei denen man über mangelnde Konkurrenz nicht klagen konnte. Ich möchte nicht auf ein Kirmesrennen gehen und im Vorbeigehen abräumen. Ich will nach ganz vorn und mich mit den großen Jungs messen. Dass ich hier in den ersten Jahren auch mal auf die Mütze bekomme, ist mir klar. Beim Schwimmen und Laufen bin ich dran. Jetzt ist es noch ein Quäntchen, dass auf dem Rad fehlt. Aber ich denke ich bin auf einem sehr guten Weg.

Wie weit ist die Weltspitze noch entfernt?
Nicht sehr weit. Wobei auch hier durch Jungs wie Gómez und Frodeno das Niveau vor allem im Schwimmen und Laufen enorm nach oben gegangen ist. Trotzdem gehe ich davon aus, dass ich nicht so weit weg bin, um einmal für Aufsehen zu sorgen.

Worauf haben Sie sich im Wintertraining konzentriert, um den - wie Sie sagen - nicht mehr allzu großen Abstand zu den Besten weiter zu verringern?
Vor allem auf mentale Fähigkeiten und das Radfahren. Von meinem Trainer Manuel Wyss bekomme ich viel neuen Input und wir versuchen konsequent, an den kleinen Schräubchen zu drehen, damit vor allem beim Radfahren der Knoten platzt. Außerdem habe ich weiter an meiner Sitzposition und der Lauftechnik gefeilt.

Am Freitag steht die Challenge Dubai an. Wie schätzen Sie Ihre aktuelle Form so kurz vor dem ersten ernsthaften Vergleich mit der Weltelite ein?
Ich denke, dass ich an einem guten Tag vorn aus dem Wasser steigen, beim Radfahren mit der vorderen Gruppe mithalten und beim Laufen alle meine Stärken ausspielen kann.

Sie treffen dort auf das „Who is Who“ der Profiszene. Wie gefällt Ihnen die Schlagzeile: „Podium! Lange überrascht in Dubai“ – und wie realistisch ist dieses Szenario?
Die Schlagzeile bereitet mir ein breites Grinsen! Ich hoffe sehr, dass es so kommt. Wie realistisch es ist, wird man sehen. Ich glaube mit meinem besten Tag und hier und da etwas Glück könnte es im Bereich des Möglichen liegen. Ansonsten hoffe ich auf ein solides Rennen, dass ich in den Top 10 beende.

Mit der 70.3-WM haben Sie noch eine Rechnung offen. Welche Highlights stehen 2015 außerdem noch in Ihrem Rennkalender?
Natürlich werde ich versuchen, die Quali für Zell am See zu packen, will mir dafür aber kein Bein ausreißen. Ich will die erste Saisonhälfte mit einer gewissen Lockerheit angehen und abwarten was passiert. Momentan plane ich vier europäische 70.3-Rennen - darunter Mallorca und Haugesund. Außerdem die Challenge Triple Crown. Dazu werde ich wieder beim Rhein Neckar Cup starten.