Ist Daniela Ryf auf Hawaii zu knacken?

Wie viel Vorsprung braucht Ryf nach dem Radfahren? Kann Carfrae ihren Marathon-Streckenrekord brechen? Wer kann welchen Rückstand nach dem Schwimmen gutmachen? Das Frauenrennen auf Hawaii verspricht einen Tanz mit den Zahlen. Wer tanzt am erfolgreichsten?

Von > | 8. Oktober 2015 | Aus: SZENE

Daniela Ryf

Foto >Nis Sienknecht / spomedis

Taschenrechner dürften am kommenden Samstag ein nützliches Hilfsmittel sein. Wenn im Rennen der besten Profi­frauen der Welt gegen 12:30 Uhr Ortszeit am Pier von Kailua-Kona die Führende vom Rad steigt, läuft die Uhr. Geht es bis zu diesem Zeitpunkt im Wettkampf so zu, wie erwartet werden darf, beginnt dann die Zeit, in der die Betreuer nervös beginnen zu kalkulieren. Rückblende: Im vergangenen Jahr betrug der Abstand zwischen der Führenden Daniela Ryf und ­Titelverteidigerin Mirinda Carfrae nach dem Radfahren 14:40 Minuten. Es war keine Welt, die zwischen den beiden Ausnahmeathletinnen lag, sondern eine Galaxie. Carfrae rannte dennoch zum Titel.

33 oder 44 RPM?

Wie viel schneller muss Mirinda Carfrae jede der 26,2 Meilen am 10. Oktober im Marathon laufen, um ihren vierten Titel nach 2010, 2013 und 2014 zu feiern? Im vergangenen Jahr rannte das australische Flugtalent durchschnittlich jeden dieser 1.609 Meter langen Abschnitte 38 Sekunden schneller als ihre Schweizer Herausforderin. Am Ende wirkte es so wie bei ­einem alten Plattenspieler, bei dem sich die Abspielgeschwindigkeiten verstellen lassen – Ryf lief auf der niedrigsten Tempostufe, Carfrae auf der höchsten. In 2:50:26 Stunden flog die Australierin mit einem weiteren Marathonrekord vorbei, nachdem sie als Achte vom Rad gestiegen war. ­Mirinda Carfraes Sieg im vergangenen Jahr war ein weiterer Beleg dafür, dass sich im Ironman Hawaii nichts, gar nichts, überhaupt nichts kalkulieren lässt. Dies gilt nun genauso für den Taschenrechner, der am 10. Oktober womöglich gar nicht erst vonnöten sein wird. Indizien gibt es genügend dafür. Nicht wenige sagen, dass nach ­Chrissie Wellington in Daniela Ryf bei Coach Brett Sutton der nächste ­Superstar geformt worden ist, der die Szene für Jahre dominieren wird. Ryf bringt sogar viel mehr ­Ausgeglichenheit in allen Disziplinen mit, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Sie ist exzellent im Wasser und kann auf überwältigende Radsplits zum Abschluss Läufe folgen lassen, bei denen die stürmende Konkurrenz nicht einen Deut Boden gut macht. In den vergangenen Monaten hat es dafür ausreichend Nachweise gegeben.

Demolition Girl

2014 ist Daniela Ryf als Rookie in den Ironman Hawaii gestartet, und so wie es aussah, hat sie im Rennen auch einige kleinere Fehler gemacht, die Neulinge in diesem erbarmungslosen Wettkampf durchaus machen. Während sie sich bei anderen Bewerben nicht so extrem niederschlagen, bestraft der Ironman Hawaii jeden dieser kleinen Schnitzer schonungslos. Zu Beginn des Marathons schien Ryf sich selbst durch recht viel Kleidung aufzuheizen, auf dem Queen K Highway rannte sie in ein Energieloch, weil sie nicht dauerhaft genug Nachschub zugeführt hatte. Als Carfrae durchs Energy Lab flog, litt Ryf sich gerade aus diesem heraus. Solche Dinge werden Daniela Ryf diesmal wohl nicht mehr unterkommen. Sie hat nicht besonders viele Rennen absolviert in diesem Jahr, aber das halbe Dutzend an Wettkämpfen hat genügt, um einerseits Tempohärte für ­Hawaii zu bekommen und andererseits der Konkurrenz zu zeigen, in welchen gigantischen Sprüngen sich die Schweizerin weiterentwickelt. Bei der Challenge Dubai im Februar fing die Serie an, der letzte Beleg war die Weltmeisterschaft im Ironman 70.3 in Zell am See. Ryf gewann ihre Rennen nicht nur, sie demolierte das Feld. In Frankfurt torpedierte die 28-Jährige bei der EM im Ironman alles zuvor Dagewesene und war einer der wenigen Profis, denen die brutale Hitze offensichtlich kaum etwas ausmachte. In Zell am See siegte sie mit mehr als zwölf Minuten Vorsprung, der Abstand zwischen Platz eins und zehn betrug mehr als 20 Minuten.

Geht es nach dem Papier, wird ­Daniela Ryf die neue Schweizer Königin von Kona, die würdige Nachfolgerin von ­Natascha ­Badmann. Aber es ist beim Ironman ­Hawaii eben nicht so, dass sich Madame Pele, der Kurs oder der Wind sonderlich für Ergebnislisten interessieren. Dieses Rennen ist anders. Entsprechend hat Coach Brett Sutton sein Augenmerk bei seinem Superschützling auf das Training gelegt, damit der „Angry Bird“ in Kona zuschlagen kann und nicht ermüdet von vielen deutlich weniger wichtigen Rennen an den Start geht. Vor Zell am See wurde die Titelverteidigung bei der EM im Ironman 70.3 gestrichen, wenngleich Ryf diesen ­Titel wohl recht locker hätte gewinnen können. Nein, statt sich in Wiesbaden feiern zu lassen, kurbelte Ryf in einem insgesamt dreimonatigen Trainingslager in St. Moritz durch die Berge des ­Engadins. Payday one war Zell am See, Payday two soll in Kona sein, mit noch größerer Bilanzsumme.

Radtraining für den Lauffloh

Vor dem Frauenrennen auf Big Island werden die Blicke auf Daniela Ryf gerichtet sein, abgerechnet wird erst gegen 15:20 Uhr Ortszeit auf dem Alii Drive. Auch Mirinda Carfrae hat den Sommer auf ihr Training für Kona abgestimmt, sie verzichtete im August auf den Ironman 70.3 Timberman, um stattdessen wichtige Kilometer abzuspulen. „My obsession is getting to that finish line in Kona – faster“, twitterte Carfrae Mitte Juli – es war die Ansage, ihren eigenen Streckenrekord anzugreifen, den sie 2014 Chrissie ­Wellington abgenommen und auf 8:52:14 Stunden gedrückt hat. Carfrae weiß, dass sie sich nach einem großen Sprung im Vorjahr auf dem Rad in Kona weiter steigern muss. Nicht erst ihr Lauf-, sondern der Radsplit wird entscheiden, ob sie den vierten Titel bekommt.

Ironman Hawaii 2014 - Radfahren - 23 | Mirinda Carfrae - Sieg in Roth, Sieg auf Hawaii

Mirinda Carfrae - Sieg in Roth, Sieg auf Hawaii

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Gerade auf dem Rad dürfte der Ironman Hawaii 2015 bei den Frauen spannend werden. Nach dem Schwimmen werden die Schweizerin Caroline Steffen, die Britinnen Rachel Joyce, Jodie Swallow, Liz Blatchford und Leanda Cave, Mary Beth Ellis (USA) sowie die Däninnen Camilla Pedersen und Michelle Vesterby Druck machen, um den Ryf-Zug nicht zu verpassen. Kommt Mirinda Carfrae wie im vergangenen Jahr fast vier Minuten später als einige dieser Damen zusammen mit Julia Gajer aus dem Wasser, wird sie mächtig Gas geben müssen. Gajer könnte diesmal allerdings vor der Titelverteidigerin liegen, denn sie hat sich im Wasser – wie auch auf dem Rad – deutlich verbessert. Der zweite Platz bei der Ironman-EM in Frankfurt dürfte die 33-jährige Ditzingerin zusätzlich motivieren, denn in keiner Disziplin wirkte die überragende Ryf weit weg. Bei der Halbdistanz-WM in Zell am See schien Gajer nicht vollends ausgeruht zu sein und wurde Sechste. Genau wie 2014 auf Hawaii. Diesmal ist sie in Kailua-Kona viel mehr als ein Dark Horse – sie ist eine Podestkandidatin. Gerade wenn sich einige Mitstreiterinnen bei dem Versuch, an Ryf dranzubleiben, auf dem Rad verausgaben, könnte ihre große Stunde schlagen. Falls Mirinda Carfrae im Marathon angeflogen kommt, könnte sie mitfliegen und anderen den Taschenrechner aufzwingen.