Jacobs siegt vor Raelert, Kienle und Al-Sultan in den Top-5

Pete Jacobs hat das Erbe von Craig Alexander und Chris McCormack angetreten und den Ironman-WM-Titel zum sechsten Mal in Folge nach Australien geholt. Andreas Raelert kämpfte sich in einem dramatischen Rennen noch auf den zweiten Platz nach vorn, Sebastian Kienle krönte ein überragendes Debüt auf Big Island mit dem keinesfalls undankbaren vierten Platz.

Von > | 14. Oktober 2012 | Aus: SZENE

Pete Jacobs gewinnt den Ironman Hawaii 2012 | Pete Jacobs gewinnt den Ironman Hawaii 2012

Pete Jacobs gewinnt den Ironman Hawaii 2012

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Auf den 3,86 Kilometern im unruhigen Pazifik ist allerdings einmal mehr Andy Potts der Hauptdarsteller. Nur eine kurze Schrecksekunde muss der 35-Jährige verkraften. Nach wenigen Metern kollidiert der seit Jahren schnellste Schwimmer im Ironmanzirkus mit einigen Lifeguards auf ihren Surfbrettern. Doch der erfahrene US-Amerikaner lässt sich nicht beirren und setzt sich schon wenig später an die Spitze des 52-köpfiges Profifelds - Cameron Brown hatte seinen Start am Morgen kurzfristig absagen müssen. An Potts' Fersen kann erwartungsgemäß nur Spitzenschwimmer Marko Albert aus Estland mithalten. Bis zur Halbzeit baut das Duo seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Doch dahinter bahnen sich früh die ersten Dramen des Rennens an: Denn den Mitfavoriten Andreas Raelert können die Spotter in der Bucht von Kailua-Kona weder in der ersten noch in der zweiten Verfolgergruppe ausmachen. Ein Horrorstart für den Rostocker, der in der vierten Gruppe bis zum Schwimmausstieg fast fünf Minuten auf den Schnellsten verliert - ein Szenario, an das der Rostocker vor dem Rennen ganz sicher nicht gedacht hatte. Deutlich besser macht es sein Bruder Michael, der sich vom Start weg in der wichtigen ersten Gruppe hinter dem Führungsdo aufhält. Und er ist dort in bester Gesellschaft: Alle Favoriten, allen voran Titelverteidiger Craig Alexander, seine beiden australischen Profikollegen Pete Jacobs und Luke McKenzie und Faris Al-Sultan haben sich dort zusammengefunden.

Bracht solide, Kienle überrascht

Doch wo sind die anderen Deutschen? Andreas Böcherer erwischt wie schon im vergangenen Jahr einen guten Start ins Rennen, zeigt sich immer wieder an der Spitze der Verfolger und taucht nach 51:27 Minuten als Dritter, knapp eine Minute nach Potts wieder am Pier auf. Auch Timo Bracht kann mit seinem Auftakt zufrieden sein. Etwa zwei Minuten und damit fast genauso viel wie in den vergangenen Jahren büßt der Eberbacher im Wasser ein. Ein fast perfekter Start in seine erste Ironman-WM gelingt Sebastian Kienle - an der Seite von Andreas Raelert übersteht der 70.3-Weltmeister seine schwächste Disziplin. Die Gruppe der Favoriten kommt nur vier Minuten vor dem 28-Jährigen zum ersten Wechsel - eine überragende Ausgangsposition für den Deutschen. Das insgesamt etwas langsamere Schwimmen spielt Kienle bei seiner Hawaiipremiere zweifellos in die Karten.

Alexander mit offenem Visier

Seine eigenen Karten legt danach wie erwartet Aussie Luke McKenzie auf den Tisch: Keine zehn Kilometer gönnt er Potts die Spitze. Noch auf der ersten kleinen Schleife durch Kona jagt der Vorjahres-Neunte am US-Amerikaner vorbei. Überraschend ist dagegen, dass sich auch Craig Alexander nicht lange versteckt und zeigt, dass er wie im Vorjahr nicht nur auf seine Laufstärke bauen will. Und ganz sicher hat auch der dreifache Champion die Information bekommen, dass Andreas Raelert beim Schwimmen viel Boden verloren hat. Nach 25 Kilometern übernimmt Alexander zeitweilig sogar die Führung. Andreas Raelert muss deshalb schon auf den ersten Kilometern auf dem Queen K Highway viel arbeiten, um seinen Rückstand auf knapp drei Minuten schmelzen zu lassen. Aber auch Kienle hat großes Interesse, schnell an die Führenden heranzufahren. Und drückt dabei dermaßen aufs Gas, dass Raelert den 70.3-Weltmeister nach 50 Kilometern ziehen lassen muss.

Vorn sichert sich McKenzie mit seiner couragierten Fahrweise die Bikeprämie, dahinter formieren sich im legalen Abstand der Franzose Romain Guillaume und die Australier Joe Gambles, Pete Jacobs und Craig Alexander. Auch Andreas Böcherer kann sich in der Gruppe halten. Im Gegensatz zum hochgehandelten Chris McCormack, der schon bald den Kontakt verliert und nach 40 Kilometern offenbar durch einen Reifenschaden zusätzlich ausbremst wird, der ihn fünf Miunten kostet. Es ist nicht der Tag des Champions von 2007 und 2010: Noch vor dem Wendepunkt in Hawi steigt der Australier frustriert vom Rad. Das Aus für den ersten der drei favorisierten Aussies.

Kienle und Vanhoenacker finden und verlieren sich

Unterdessen arbeitet sich Kienle Platz um Platz nach vorn. Etwas mehr als eine Minute liegt er am Abzweig Richtung Hawi nur noch zurück - hinter einem Quartett, das nun von Pete Jacobs angeführt wird, und in dem Marino Vanhoenacker der Stärkste zu sein scheint. Jacobs hatte nach seinem zweiten Platz im Vorjahr angekündigt, das Rennen gewinnen zu wollen und auch der Belgier hatte den Sieg als einziges Ziel ausgegeben. Etwa 30 Sekunden dahinter lauern zu diesem Zeitpunkt zwei ehemalige Ironman-Weltmeister: Craig Alexander und Faris Al-Sultan sitzen in der Verfolgergruppe.

In dem kleinen Ort Hawi im Nordwesten Big Islands kommt Vanhoenacker als Erster an, 30 Sekunden Vorsprung hat er sich bereits erarbeitet. Wenige Kilometer später stößt dann Kienle dazu und schnell legt das deutsch-belgische Duo über zwei Minuten zwischen sich und die Verfolger. Doch dann muss Vanhoenacker allein weiterfahren - Kienles Reifen geht die Luft aus. Mehrere Minuten lang versucht der Deutsche im Blitzlichtgewitter der Fotografen, den noch leicht gefüllten reifen von der Felge zu zerren, bis schließlich der Materialwagen eintrifft - insgesamt mehr als vier Minuten hat er da bereits auf Vanhoenacker eingebüßt. Andreas Raelert hat mittlerweile zu seinem Bruder aufgeschlossen, liegt aber inzwischen über sechs Minuten hinter dem führenden Belgier zurück.

Favoriten straucheln

Der versucht sein Glück nun allein. Er weiß, dass hinter ihm einige lauern, die einen Marathon unter 2:40 Stunden laufen können. Überraschend haben aber weder Alexander noch Raelert auf dem Rückweg etwas zuzusetzen, im Gegenteil: Sie büßen weiter Zeit ein. Der Australier liegt nach zwei Dritteln der Radstrecke schon vier Minuten zurück, Raelert braucht mit fast sieben Minuten schon jetzt einen Fabel-Marathon, um sich den Traum vom ersten Sieg auf Hawaii zu erfüllen.

Doch besonders für Alexander kommt es noch schlimmer: Am berühmten Scenic Point ist sein Rückstand auf den Spitzenmann auf mehr als elf Minuten angewachsen - auch für einen Klasseläufer eine Mammutaufgabe. Auch Kienle fällt es schwer, wieder ins Rennen zurückzufinden. Er kann sich zwar von Alexander lösen, liegt 30 Kilometer vor dem Wechsel auf die Laufstrecke aber auch schon acht Minuten zurück. Zwei Minuten dahinter haben sich Andreas Raelert und Timo Bracht gefunden. Alles andere als eine perfekte Ausgangsposition für die beiden Deutschen. Noch schlechter die Lage von Raelerts jüngerem Bruder Michael. Der hat bei Kilometer 150 große Probleme, fährt vor Erschöpfung Schlangenlinien und hat längst keine Chance mehr, in den Kampf um die vorderen Plätze einzugreifen.

Am Ende der 180 Radkilometer stehen trotz schwieriger Windbedingungen 4:25 Stunden für Vanhoenacker auf der Ergebnisliste. Damit verfehlt er den Rekord seines Beraters und Managers Normann Stadler um etwa sieben Minuten, bleibt aber nur knapp hinter der lange Zeit gültigen Bestzeit von Thomas Hellriegel. Als der Ironman-Europameister jetzt zu Fuß die Palani Road erklimmt, sind Jacobs und der stark fahrende Dirk Bockel noch nicht in Kailua-Kona zu sehen. Achteinhalb Minuten soll es dauern, bis das Duo die Verfolgung aufnimmt. Dahinter gehen Frederik van Lierde und Faris Al-Sultan auf die Marathonstrecke. Kienle springt als Siebter mit zehn Minuten Rückstand vom Rad. Timo Bracht und Andreas Raelert tragen auf den Plätzen neun und elf einen Rucksack von fast 15 Minuten aus der Wechselzone, kurz danach parkt auch Topfavorit Alexander vom Rad

Raelert rollt Feld von hinten auf

Auf den ersten acht Laufkilometern verteidigt Vanhoenacker seinen Vorsprung verbissen und verliert auf Jacobs nur etwa acht Sekunden pro Kilometer. Doch der ist noch nicht einmal der schnellste der Verfolger. Sebastian Kienle schlägt das höchste Tempo an, nimmt Vanhoenacker zwei Minuten ab und schiebt sich zwischenzeitlich vom siebten auf den dritten Platz nach vorn: Van Lierde, Guillaume, Al-Sultan und Bockel müssen ihn passieren lassen. Selbst Raelert und Bracht verlieren noch einige Sekunden auf den wie entfesselt laufenden Kienle.

Als die Profis Laufkilometer zwölf passieren, laufen drei Deutsche unter den besten Sieben. Kienle verteidigt noch den Podiumsplatz, Al-Sultan liegt aber nur wenige Sekunden hinter ihm; der Münchner ist in seinem elften Ironman Hawaii hellwach. Andreas Raelert hat sich auf den siebten Platz nach vorn geschoben, doch sein Rückstand ist mit mehr als elf Minuten immer noch gewaltig.

Drama um Vanhoenacker

Als es dann bei Temperaturen jenseits der 30 Grad auf den Queen K Highway geht, bekommt Vanhoenacker Probleme: Seine Schritte werden kürzer, Jacobs und die anderen Verfolger kommen schnell näher. Fünf Minuten liegt der Australier nach 17 Kilometern nur noch zurück. Und Vanhoenacker legt an der Aid Station erste Gehpausen ein. Auch Bockel hat auf dem Rad offenbar etwas zuviel gearbeitet - er muss ebenfalls noch vor der Halbmarathonmarke einige Schritte gehen. Dort geht das Rennen in die entscheidende Phase.

Noch vor dem Abzweig ins legendäre Energy Lab zieht Jacobs mit raumgreifenden Schritten am strauchelnden Vanhoenacker vorbei. Dessen Traum, als zweiter Belgier nach Luc van Lierde den Ironman Hawaii zu gewinnen, ist erneut geplatzt. Binnen weniger Kilometer verliert Vanhoenacker sechs Minuten, wenig später ist sein Rennen zuende. Am Boden zerstört bleibt der Flame an einer Aid Station stehen und muss später mit dem Krankenwagen abtransportiert werden - dramatische Szenen eingangs des Energy Labs.

Jacobs setzt Aussie-Serie fort

Sebastian Kienle, Faris Al-Sultan und Andreas Raelert liegen nun auf den Plätze zwei bis vier. Ein historischer Zwischenstand. Doch Raelert will mehr , er schnappt sich seine beiden Landsleute, noch bevor es aus dem Energy Lab zurück auf den Queen K Highway geht. Kurz darauf muss Faris Al-Sultan noch einmal zurückstecken und Frederik Van Lierde passieren lassen, der nun offenbar die Ehre der Belgier retten will und wenig später auch Kienle überholt.

Zwölf Kilometer vor dem Ziel liegt Raelert nur noch fünf Minuten hinter Jacobs, der allerdings auf dem Weg zu seinem ersten Ironman-WM-Titel keine Schwäche zeigt. Nach 8:18:37 Stunden reißt Jacobs auf dem Alii Drive die Arme hoch - die schon fast unheimliche Siegesserie der Profis aus Down Under hält. Zum sechsten Mal in Folge geht der Ironman-WM-Titel nach Australien. Und Raelert bringt ein Rennen, das denkbar unglücklich begann, doch noch zu einem guten Ende. Nach den Plätzen drei, zwei und drei in den vergangenen Jahren schafft er auch bei seinem vierten Start den Sprung aufs Podium. Der überraschend starke Van Lierde kommt ihm auf dem letzten Kilometer bnoch gefährlich nah und krönt eins der besten Rennen seiner Karriere mit dem dritten Platz. Sebastian Kienle und Faris Al-Sultan bringen das historische deutsche Ergebnis mit den Plätzen vier und fünf nach Hause.

Ironman World Championship 2012 | Männer

  1. Oktober 2012, Kailua-Kona (Hawaii/USA)

Name

Nation

Gesamt

3,86 km Swim

180 km Bike

42,195 km Run

1

Pete Jacobs

AUS

8:18:37

51:28

4:35:15

2:48:05

2

Andreas Raelert

GER

8:23:40

55:17

4:36:34

2:47:23

3

Frederik van Lierde

BEL

8:24:09

51:36

4:35:25

2:52:49

4

Sebastian Kienle

GER

8:27:08

55:21

4:33:23

2:54:24

5

Faris Al-Sultan

GER

8:28:33

51:39

4:35:53

2:56:49

6

Timo Bracht

GER

8:30:57

53:45

4:37:16

2:55:36

7

Andy Potts

USA

8:31:45

50:32

4:43:52

2:53:18

8

Timothy O'Donnell

USA

8:33:28

51:37

4:44:15

2:53:59

9

David Dellow

AUS

8:35:02

51:33

4:40:27

2:59:02

10

Dirk Bockel

LUX

8:36:21

52:30

4:34:17

3:05:47

11

Bart Aernouts

BEL

8:37:31

1:00:15

4:45:11

2:47:10

12

Craig Alexander

AUS

8:40:49

51:35

4:44:44

3:00:29

13

Jordan Rapp

USA

8:42:49

59:07

4:40:02

2:59:27

14

Jeremy Jurkiewicz

FRA

8:44:45

51:31

4:52:26

2:56:39

15

Axel Zeebroek

BEL

8:45:12

51:41

4:42:09

3:07:00

16

Bruno Clerbout

BEL

8:46:44

55:22

4:55:32

2:51:54

17

Romain Guillaume

FRA

8:47:54

51:41

4:36:10

3:15:32

18

Cyril Viennot

FRA

8:48:45

55:23

4:48:25

3:00:51

19

Ronnie Schildknecht

SUI

8:50:18

55:23

4:38:57

3:11:22

20

Matthew Russell

USA

8:50:21

1:08:01

4:46:35

2:51:23

21

Andreas Böcherer

GER

8:51:57

51:27

4:43:17

3:12:25

22

Rasmus Henning

DEN

8:53:39

51:35

4:42:36

3:15:02

23

Tom Lowe

GBR

8:53:42

1:01:43

4:50:24

2:57:00

24

Luke McKenzie

AUS

8:54:58

51:29

4:39:09

3:20:32

25

Michael Lovato

USA

8:56:04

55:22

4:51:59

3:03:13

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