Marino Vanhoenacker: Nicht gemütlich in T2 rollen

Marino Vanhoenacker hat den Ironman Hawaii gerade auf dem Rad immer wieder mitgeprägt. Mit seinen herausragenden Siegen in Brasilien und Klagenfurt hat sich der Dritte von 2010 nach einer langen Zeit mit Verletzungen zurück auf die Favoritenliste katapultiert.

Von > | 7. Oktober 2015 | Aus: SZENE

Marino Vanhoenacker im Windschatten von Gerrit Schellens

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Marino Vanhoenacker gehört zu den älteren Jungs im Starterfeld des Ironman Hawaii 2015. Von daher mögen  manche den Belgier nicht unbedingt ganz oben auf der Favoritenliste haben. Aber der 39-Jährige ist der schnellste Ironman-Athlet des Jahres. In 7:48:45 Stunden gewann er zum siebten Mal den Ironman Austria und war damit noch schneller als Jan Frodeno in Frankfurt. Nur vier Wochen zuvor hatte Vanhoenacker bereits in Brasilien die Ironman-Südamerika-Meisterschaft gewonnen, in 7:53:44 Stunden. Es waren Ergebnisse, die ihn beflügelt haben nach einer langen Zeit mit Verletzungen. Auf Hawaii geht es nun um den Bonus, wie er im Interview erzählt.

Marino Vanhoenacker, gemeinsam mit Ihrem Trainer und Freund Gerritt Schellens sind Sie in den Tagen vor dem Ironman Hawaii mehrfach beim Moto-Pacing auf dem Highway gesehen worden. Sie sind mit Sicherheit das schnellste Moped-Tandem auf Big Island. Wie geht es Ihnen vor dem Start am Samstag?

Dem Marino geht es gut, dem Moped geht es noch besser! Der Unterschied wird auch immer größer zwischen uns, je häufiger wir fahren, ich denke, das sollten wir besser nicht mehr machen vor dem Rennen. Nein, im Ernst, ich fühl mich gut, ich fühl mich wohl hier. Wir haben wirklich eine tolle Zeit gehabt auf Hawaii, wir sind ja schon fast drei Wochen hier, und es hat wirklich Spaß gemacht. Jetzt muss ich sehen, ob ich noch mal ein starkes Rennen aus dem alten Körper herausholen kann.

Sie waren schon Dritter, sie haben hier schon souverän das Rennen angeführt, aber dann auch extrem harte Momente erlebt. Planen Sie für einen Podiumsplatz?

Es ist zum ersten Mal so, dass ich nicht an solche Sachen denke. Meine größte Bitte war einfach nur, dass ich gesund an den Start komme, und das habe ich bis jetzt geschafft. Damit bin ich schon ziemlich glücklich. Ich bin gesünder am Start als bei meinen letzten fünf Versuchen in Kona, aber ich glaube nicht, dass ich noch die gleiche Fitness habe wie in anderen Jahren. Da muss man jetzt sehen, ob die Gesundheit mehr wert ist als die Fitness.

In der bisherigen Saison sah es ganz danach aus, Sie haben in überragender Weise in Klagenfurt und vorher in Brasilien gewonnen?

Ich hatte wirklich eine schöne Zeit bisher. Es ist schon vieles gelungen dieses Jahr, da wäre Hawaii ein schöner Bonus.

Vor einem Jahr hätten Sie wahrscheinlich gar nicht damit gerechnet, dass es nach den großen Verletzungsproblem überhaupt noch mal so gut werden kann?

Letztes Jahr habe ich gedacht, ich komme nicht mehr zurück hierher. Ich habe das Rennen mit einem gebrochenen Kreuzbein gemacht. Am Tag 1 nach Kona habe ich aber gedacht, dass ich noch nicht komplett fertig bin, dass ich sicher noch zwei, drei Jahre Ironman gewinnen kann, aber dass es so gut läuft wie dieses Jahr, das konnte ich nicht ahnen. Das hat mich zum ersten Mal in meiner Karriere selbst überrascht. Ich denke, es hat mit der Gesundheit zu tun. In den letzten Jahren war in meinem Körper immer etwas los, mal kleine Sachen, Verletzungen, mit denen man kleinere Wettkämpfe noch gewinnen kann, aber nicht in diesem Rennen auf Hawaii. Da kann man stark sein im Kopf, aber wenn die Beine das nicht mehr unterstützen, dann geht es nicht mehr. Nachdem der Bruch des Kreuzbeins letztes Jahr nach Hawaii entdeckt wurde, musste ich zwei Monate ganz Pause machen. Nichts mehr mit Sport, zum ersten Mal in meinem Leben. Und damit sind alle kleineren Probleme, die ich schon fünf, sechs Jahre hatte, auch ausgeheilt. Ich kann jetzt vielleicht nicht mehr so viel trainieren wie früher und auch nicht mehr so schnell, aber ich regeneriere ziemlich schnell, weil der Körper neben der Regeneration nichts mehr heilen muss.

Ist der Kopf heute lockerer?

Ich konnte in den letzten Jahren niemals über 100 Prozent meines Körpers verfügen, weil immer irgendein Problem war, dass du in jeder Einheit spüren konntest. Das macht einfach müde, und das ist jetzt nicht mehr der Fall. Ab dem 1. Januar dieses Jahres konnte ich schon wieder etwas Radfahren und Schwimmen, am 1. Februar habe ich wieder mit Laufen angefangen. Das war ganz schrecklich, alles hat weggetan, aber schon Anfang April war ich wieder richtig stark.

Warum der Doppelpack mit Brasilien und Klagenfurt?

Es war vielleicht ein blödes Risiko, aber ich sage immer, dass man Recht hat, wenn man gewinnt, und Unrecht, wenn man verliert. Ich wollte Brasilien einfach machen - und Klagenfurt auch. Vom 1. Januar bis Klagenfurt haben wir eine Planung gemacht und gesagt, dass wir danach weiter schauen. Dass einzige war, dass ich das Rennen in Klagenfurt für mich persönlich auf keinen Fall verlieren durfte. Ich wusste, dass jede Einheit zwischen Brasilien und Klagenfurt perfekt sein muss. Es ist wirklich schön, dass das geklappt hat. Und jetzt ist es auch so, dass ich wieder richtig laufe, in den beiden letzten Jahren habe ich beim Laufen nur noch gearbeitet. Dieses Jahr spüre ich, dass es wieder geht wie früher.

Wie gehen Sie in den Wettkampf? Auf dem Rad könnten Sie das Rennen an sich reißen?

Ich habe keine Taktik, auch keine Platzierung im Kopf. Ich lasse es, wie vor vielen langen Jahren, einfach auf mich zukommen und versuche, im Rennen die richtigen Entscheidungen treffen und auf meinen Körper zu hören. Ich werde sicher nicht langsamer fahren als ich kann, aber es werden mehrere Jungs sehr schnell unterwegs sein, die entdeckt haben, dass man das Radfahren gerade auch hier ausnutzen kann. Auch Herr Frodeno gehört jetzt zu den schnellsten Radfahrern, Frankfurt war unglaublich. Gemütlich werde ich sicher nicht in T2 rollen.