"Meine Strategie über den Haufen geworfen"

Mit dem Sieg bei der EM im Ironman 70.3 hat sich Boris Stein nicht nur nachträglich für die Ironman-WM auf Hawaii qualifiziert, sondern letztlich auch sich selbst überrascht. Statt das Rennen kontrolliert zu gestalten, wie er es selbst geplant hatte, riss er es auf dem Rad an sich.

Von > | 10. August 2015 | Aus: SZENE

Boris Stein Bike | Boris Stein hat sich selbst überrumpelt und damit seine eigene Taktik über den Haufen gefahren

Boris Stein hat sich selbst überrumpelt und damit seine eigene Taktik über den Haufen gefahren

Foto >Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Mit einem Lächeln, das durch den Taunus bis in den benachbarten Westerwald in seinen Heimatort Eitelborn gereicht hätte, lief Boris Stein bei der Europameisterschaft im Ironman 70.3 in Wiesbaden über die Zielgerade. Mit einem Parforceritt auf dem Rad hatte sich der 30-Jährige den Weg zum größten Erfolg seiner Karriere geebnet. Nach einem Rennen, das seine eigentliche Taktik komplett zerstört hatte, gab es ordentlich Grund zum Feiern.

Herzlichen Glückwunsch, Boris Stein! Sie haben in diesem Jahr schon in Nizza das Gefühl erleben dürfen, in einem großen Rennen ganz vorn zu sein. Der Sieg in Wiesbaden ist allerdings eine ganz andere Nummer?
Es ist vor allem vom Gefühl etwas ganz anderes. In Nizza habe ich schon daran geglaubt, dass ich gewinnen kann, heute ging es vornehmlich um die Hawaii-Qualifikation. Ich hätte nicht unbedingt gedacht, dass man das Rennen am Ende gewinnen kann, wenn man vorher eigentlich nicht dazu bereit ist, hier alles zu riskieren. Deswegen ist es ein besonders geniales Gefühl, das Ding abgeschossen zu haben.

Sie sind in das Rennen mit einer anderen Taktik hineingegangen, als Sie herausgekommen sind. Vorher haben Sie an das Podium gedacht, dann haben Sie nach dem guten Schwimmen auf Vollgas gesetzt?
Das Rennen hat meine Strategie komplett über den Haufen geworfen. Die richtigen Radraketen hatten offensichtlich nicht ihren besten Tag. Wenn keiner die anderen beim Radfahren unter Druck setzt, ist das für mich auch nicht optimal, also habe ich das dann selbst gemacht.

Das hat ja gut geklappt. Als Sie nach dem Schwimmen an Andreas Dreitz vorbeigefahren sind, haben Sie wahrscheinlich schon daran gedacht, dass Sie gemeinsam attackieren könnten?
Es war nicht das erste Mal, dass ich an Andreas Dreitz vorbeigefahren bin, aber es ist meistens so, dass wir beide nie gleichzeitig einen guten Tag haben. Ich hab‘ schon gehofft, dass sich ein schnelles Duo findet, aber es hat sich nicht gebildet. Von daher war ich auch nicht besorgt, es war ja durchaus etwas Positives, dass Andreas Dreitz hier nicht zehn Minuten vor mir vom Rad steigt. Damit hätte ich durchaus auch gerechnet.

Nach nicht einmal 45 Kilometern an der Spitze des Rennens zu sein war aber schon überraschend?
Das war sehr überraschend, das muss man schon sagen. Es lag aber einfach daran, dass die anderen Radraketen heute keinen perfekten Tag hatten.

Daran allein lag es aber sicher nicht – es war ja auch für Sie nicht gerade ein Trainingsrennen. Sie sind auch extrem gut gefahren, oder etwas nicht?
Absolut, ich war auch auf den heutigen Tag gepeakt, das ist klar. Es ist offensichtlich eine gute Vorbereitung gewesen, in Nizza zu gewinnen, um hier heute auch gut zu sein. Die Strecke hier ist mein Heim-Ironman, es ist auf dieser technischen Strecke einfach ein Vorteil, wenn man sie gut kennt – und ich kenne sie gut. Wattmäßig bin ich hier nicht mehr gefahren als in den anderen Rennen auch, wobei man auf dieser technischen Strecke auch nicht die Wattwerte fahren kann, die auf anderen Strecken möglich sind. Ich würde sagen, das Radfahren war schon noch kontrollierte Offensive, die sehr gut funktioniert hat. Hinten heraus wird man normalerweise immer etwas schwächer, aber das war heute einfach nicht der Fall. Ich konnte am Ende noch das treten, was ich auch am Anfang geleistet habe.

Ihre Radzeit war mehr als sechs Minuten besser als die von Andreas Raelert und Andreas Dreitz. Wie sind Sie nach dem Radfahren in den Lauf gestartet?
Ich war auf jeden Fall sehr angeschossen. Bis in die dritte Runde hinein kam ich eigentlich nicht wirklich ins Laufen, aber da musste ich dann auch ins Laufen kommen, da der Abstand zu Andreas Raelert so viel kleiner wurde, dass man sich in den Hintern treten musste. Auf der letzten Runde hat es wenig mit Laufen zu tun gehabt, das war mehr Quälerei, um das Ziel zu erreichen.

Das Hauptziel, die Kona-Qualifikation dürfte mit den 1.500 Punkten für den Sieg in Wiesbaden erreicht sein, die Saison läuft doch wirklich ziemlich gut für Sie. Was kommt jetzt?
Am Anfang der Saison hatte ich schon sehr viel Pech – es gab einfach viele Entscheidungen, die gegen mich gefallen sind. Man muss ja zum Beispiel nicht im Training von einem Hund gebissen werden, man muss im Training nicht von einem Auto angefahren werden. Es gab einige Dinge, bei denen man sich sagt, dass sie nicht alle in einem Jahr passieren müssen. Aber kurz vor Nizza habe ich entschieden, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist, an dem es läuft. Da hatte ich auch Glück, als ich von einem Auto angefahren worden bin und quasi nichts hatte – seitdem sage ich mir, dass ich Glück habe. Das habe ich mir auch in Wiesbaden während des Rennens ein paar Mal gesagt.

Und das setzen Sie im Oktober auf Big Island so fort?
Ich denke, Hawaii wird auch mein nächstes Rennen sein, vorher kommt vielleicht noch ein kleinerer Aufbauwettkampf. Ich habe zwar die Qualifikation für Zell am See, aber es ist einfach kein Kurs für mich. Gerade in Europa würde ich nach meinem schlechten WM-Rennen im letzten Jahr gerne zeigen, dass ich doch was kann im Ironman 70.3, aber auf diesem Kurs muss man ehrlich sagen, dass ich die erste Gruppe auf dem Rad wahrscheinlich nie erreichen würde. Ich hätte es als Backup genommen, wenn es mit der Hawaii-Qualifikation nichts geworden wäre. Aber ich denke, wenn man in Kona gut sein will, passt Zell am See nicht gut in die Vorbereitung.