Niclas Bock: Die Spezies Triathlet

Wie wird man eigentlich Triathlet? Klar, man könnte meinen: Indem man einfach an einem Triathlon teilnimmt. Aber so einfach ist das nicht! Denn um "dazu" zu gehören, bedarf es weitaus mehr.

Von > | 2. April 2012 | Aus: SZENE

Niclas Bock | Niclas Bock

Niclas Bock

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Es war Anfang Januar und bitterkalt! Das Fussballtraining wurde aufgrund der Wetterlage mal wieder abgesagt. Ist doch logisch, dass man da auf die Idee kommt, zum Schwimmen zu gehen. Naja, für mich nicht wirklich. Meine Badehose trug ich bisher nur im Sommer, wenn ich mit meinen Freunden im Freibad war. Übrigens waren das dieselben Freunde, mit denen ich mein erstes Bier trank - zu dem Zeitpunkt sogar noch mit Alkohol, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich begab mich also ins Schwimmbad, betrat vollkommen unwissend die Halle ("des Grauens", möchte ich im Nachhinein fast sagen) und dachte mir, dass ich in meiner Surferbadeshorts eigentlich keine schlechte Figur abgeben würde.

Eine elitäre Auswahl von Triathleten stand am Beckenrand und ließ die Arme kreisen, ich kannte keinen von ihnen. Sie trugen knappe Badetextilien, hatten Badekappen und Schwimmbrillen. Und ich sah aus wie ein Mallorca-Urlauber! Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass es es ein sehr erhabendes Gefühl sein muss, Triathlet zu sein. Für die nächste Trainingseinheit besorgte ich mir ebenfalls ein knappes Schwimmhöschen und alles, was die anderen hatten. Nun war ich ausgestattet wie der Rest. Aber ich kam mir vor wie ein Idiot, weil ich es nur mit Hängen und Würgen schaffte, 50 Meter am Stück zu schwimmen.

Ich lernte allerdings schnell, dass das Aussehen wichtiger ist, als irgendeine Begabung zu haben.

Bald kam es zu meinem ersten Ausdauerwettkampf. Es sollte ein Duathlon werden und ich startete zusammen mit den anderen Jungs im Alter von 16 bis 18 Jahren. Wir warteten auf den Startschuss. Beim Warten fühlte ich mich unwohl und erinnerte mich an meinen Auftritt in Badeshorts beim ersten Schwimmtraining. Ich schaute nach unten und stellte schnell drei markante Unterschiede zwischen mir und der Konkurrenz fest:

1) Sie hatten Gummibänder anstatt Schnürsenkel für einen schnelleren Wechsel - Zeit gewinnen ohne Trainingsaufwand, das musste ich mir merken! 

2) Laufschuhe, wie Pantoffel: leicht und elegant. Im Vergleich dazu meine zerschlissenen Trainingsschuhe, die ein halbes Kilo schwerer waren ... Ich brauchte ein zweites Paar Laufschuhe, möglichst bunt und auffällig!

3) rasierte Beine! Rasierte Beine? Was ist denn hier los? In meiner Fussballmannschaft gehörte ich zu den Jungs mit den meisten Haaren an den Beinen, das machte mich stolz! Und jetzt bin ich der einzige pubertierende Junge mit unrasierten Beinen. Ich wusste was zu tun war!

Ich war mir nicht sicher, ob sich in dem Alter auch alle Mädels aus meiner Klasse schon die Beine rasierten, deshalb trug ich in den ersten Sportstunden nach dem Eingriff lieber lange Trainingshosen. Ich hatte noch nicht das Selbstbewusstsein eines echten Triathleten, um stolz meine rasierten Unterschenkel zur Schau zu stellen. Nicht vor den Mädchen und erst recht nicht vor meinen alten Fussballkameraden. Die Kommentare, als das bekannt wurde, habe ich vergessen. Oder verdrängt. 

Ein etwas anderes, ebenfalls prägendes Erlebnis war die erste Ausfahrt mit meinem geliehenen Rennrad. Ein wahres Schwergewicht aus Stahl, natürlich mit Rahmenschaltung. Das einzig Moderne an mir war der Helm auf meinem Kopf. Die Bekleidung bestand aus Fussballtrikot und -hose. Am Anfang dachte ich noch, dass ich vielleicht von den anderen Radsportlern nicht gegrüßt wurde, da ich in den Sachen meiner Lieblingsmannschaft Borussia Mönchengladbach durch die Gegend fuhr. Nach einiger Zeit stellte ich aber fest, dass es wohl an meiner fehlenden Kenntnis der Etikette lag! Verdammt nochmal, wie kann man nur ohne verspiegelte Sonnenbrille auf die Straße gehen! Und überhaupt: Es ist doch unmöglich, wenn Trikot und Hose nicht wie maßgeschneidert am Körper liegen. 

Einen Tag später stand ich im Brillenladen und hatte mir ein wahres Schmuckstück ausgesucht. Als ich den Preis hörte, legte ich die Brille schnell zurück und entschied mich für die Standardvariante. Etwas langweilig, nur getönte Scheiben, keine Verspiegelung - aber besser als nichts!

Ich machte also meine Erfahrungen und schaute mir bei den anderen ab, was man braucht, um ein Triathlet zu sein. Enge Klamotten, rasierte Beine in langen Kniestrümpfen, alles "easy", "cool" oder "voll loggä". Auf der einen Seite war es wahnsinnig spannend, das alles neu zu entdecken und jede Neuerung sofort nachzumachen oder vielleicht sogar Bewegungsabläufe zu kopieren! Mittlerweile sehe ich das ein bisschen anders: Natürlich ist Triathlon eine Sportart, die wie gemacht ist für Selbstdarsteller und -verliebte. Ich schließe mich da vollkommen mit ein. Das soll auch so sein und macht den Triathleten so sympathisch und auf ganz bestimmte Weise greifbar. Schade ist nur, dass so wenig Individualität herrscht! Lässt man die Blicke mal über eine Triathlon-Messe wandern, erkennt man kaum einen Unterschied zwischen all den austrainierten Athleten. 

Ich fände es "cool", "easy" oder " voll loggä", wenn man sich als Triathlet mit seinem Sport und seiner Leidenschaft identifiziert, dabei aber nicht jederzeit jede Innovation und jeden Hype mitgeht. Triathlon ist und bleibt eine Individualsportart und genau so individuell sollte das Auftreten der Athleten bleiben. Auffällig anders, aber immer seiner eigenen Linie treu bleiben - das macht einen Triathleten aus.

Bis zum nächsten Mal, ich muss mir jetzt die Beine rasieren ;-)
Niclas