Ricarda Lisk: "Ich habe mich selbst übertroffen"

Beim World Triathlon in Hamburg feierte Ricarda Lisk im Sommer 2008 den größten Erfolg ihrer Karriere. Danach sammelte die 34-Jährige drei Deutsche Meistertitel in Serie, verpasste aber die Qualifikation für Olympia in London. Sie wechselte auf die längeren Distanzen. In diesem Jahr gelang ihr mit Platz acht bei den Weltmeisterschaften in Zell am See der Durchbruch.

Von > | 16. November 2015 | Aus: SZENE

Ricarda Lisk | Ricarda Lisk

Ricarda Lisk

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Ricarda Lisk, Sie haben vor knapp drei Jahren aus dem ITU-Zirkus recht leise auf die längeren Distanzen verabschiedet. Warum eigentlich?

Nachdem ich 2012 leider die Olympia-Qualifikation verpasst hatte, war es an der Zeit mich umzuorientieren. Ich wollte wieder den Spaß am Triathlon finden und nur noch Wettkämpfe bestreiten, die ich mir selber aussuchen konnte, und allgemein gesagt, einfach unabhängig sein.

Mit welchen Erwartungen sind Sie damals umgestiegen – und wie bewerten Sie diesen Schritt aus heutiger Sicht?

Erwartungen hatte ich erstmal keine. Was ich aber schnell merkte, war, dass ich viel entspannter wurde, und siehe da, es lief wieder. Die Mitteldistanz bzw. windschattenfreie Rennen waren ja komplett neu für mich und deshalb eine Herausforderung, die mich motivierte. Ich bin froh, dass ich meine Karriere damals nicht beendet habe, sondern diese neuen positiven Erfahrungen gemacht habe.

Seit Ihrem Wechsel sind Sie auch ihr eigener Trainer. Vertrauen Sie anderen Coaches nicht oder was ist der Grund für dieses im Profitriathlon eher seltene Konzept?

Ohne Trainer bin ich einfach sehr flexibel. Anstatt stur einem Plan zu folgen, halte ich Augen und Ohren offen und schaue was andere Profiathleten trainieren und lerne von ihnen. Das habe ich früher schon so gemacht und hatte damit Erfolg. Außerdem trainiere ich selbst Altersklassenathleten und habe so die Möglichkeit verschiedene Konzepte auszuprobieren. Ich bin allerdings sehr dankbar darüber, dass ich immer noch Lubos Bilek um Rat fragen kann, der mich als Trainer am besten kennt. Er hatte mich 2008 als Trainer zu den Olympischen Spielen in Peking geführt.

In dieser Saison ist Ihnen der Durchbruch in der 70.3-Serie gelungen. Vor allem mit dem achten Platz bei der WM in Zell am See haben Sie viele überrascht. Sich selbst auch?

Oh ja, und wie! Ich bin mit der Einstellung in das Rennen gegangen, dass, egal was passiert, ich einfach bis zum Ziel alles gebe, auch wenn schon alle auf dem Rad an mir vorbeiziehen. Es war das erste Mal, dass ich auf dem Rad an meinen Konkurrentinnen dran bleiben und sogar welche überholen konnte. Nach dem zweiten Wechsel war es dann wahnsinnig motivierend an weiteren Mädels vorbeizulaufen. Überglücklich bin ich dann als Achte in Ziel gelaufen.

Dazu kamen zwei Top-Ten-Plätze in Barcelona und Brasilien und zuletzt Ihr erstes Podium beim Ironman 70.3 Los Cabos. Wie glücklich sind Sie mit Ihrem Triathlonjahr 2015?

Ich habe mich selbst übertroffen. Eine Top 10 bei der WM und ein 70.3 Podiumsplatz hätten mir wohl nicht viele zugetraut. Jetzt ist die Motivation natürlich riesig. Außerdem habe ich viel in diesem Jahr gelernt und freue mich schon darauf meine neuen Trainingsideen im ersten Trainingslager umzusetzen.

Vermutlich gehen Sie voller Tatendrang in die nächste Saison. Was steht 2016 auf dem Programm und welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

An erster Stelle steht die 70.3 WM an der Sunshine Coast in Australien. Dort möchte ich eine Top 5 Platzierung erreichen. Zudem strebe ich einen 70.3- oder Challenge-Titel an. Ich weiß, dass ich gerade auf dem Rad noch viel Potenzial habe. Und wenn ich es gleich von Anfang an schaffe mit meinen Konkurrentinnen mitzufahren, werde ich auch weiter nach vorn laufen können.

Bisher haben Sie sich auf die Mitteldistanz konzentriert. Kribbelt es in den Füßen, demnächst auch mal bei einer Langdistanz an den Start zu gehen? Gerade nach der Hawaii-Show Ihres früheren DTU-Kollegen Jan Frodeno.

Daniela Ryf und Jan haben auf beeindruckende Weise gezeigt, dass sie nicht nur den Sprung von der Kurzdistanz auf die Langdistanz geschafft haben, sondern das Leistungsniveau insgesamt noch einmal deutlich gesteigert haben. Nächstes Jahr werde ich mich nochmal auf die Mitteldistanz konzentrieren. Aber wer weiß, ob ich nicht doch mal eine Langdistanz machen werde, nur um zu sehen, was meine Athleten da eigentlich durchmachen. Man sollte bekantlich niemals „nie“ sagen...

Im August sind die Triathleten zum fünften Mal bei Olympischen Spielen dabei. Wie werden Sie die Rennen verfolgen – ist vielleicht auch ein bisschen Wehmut dabei?

Die Rennen werde ich mir auf jeden Fall anschauen. Olympische Rennen haben stets ihre eigenen Regeln und man kann nie vorausssagen, wie es tatsächlich ausgeht. Es wird definitiv spannend werden. Unseren Nationalmannschaftsathleten wünsche ich viel Erfolg für die Qualifikation. Bei solch einem Rennen dabei zu sein, ist einfach unbeschreiblich.