Und sie rufen immer noch: "Come on, Luc!"

Frederik Van Lierde ist einer der beständigsten Langstreckenathleten der vergangenen Jahre. Mit dem Sieg in Kona ist er vor einem Jahr aus dem Schatten seines Namensvetters Luc van Lierde herausgetreten - aber nur beinahe. Ein zweiter Sieg wäre da gar nicht schlecht.

Von > | 10. Oktober 2014 | Aus: SZENE

Ironman Hawaii 2014 - Frederik van Lierde | Ironman Hawaii 2014 - Frederik van Lierde

Ironman Hawaii 2014 - Frederik van Lierde

Foto >Volker Boch / spomedis

Frederik Van Lierde wirkt tiefenentspannt. Vielleicht liegt es am Ausblick. Hoch oben in den steil ansteigenden Bergstraßen von Kailua-Kona sitzt er auf der Terrasse eines beeindruckenden Anwesens. Die Firma Oakley hat sich hier oben eingemietet, in dieser stattlichen Villa auf der Anhöhe hoch über Kailua-Kona. Es ist das letzte Haus in einer Sackgasse, hier liegt die Triathlonwelt dem Betrachter zu Füßen.

Irgendwie über den Welten

Das Gefühl, irgendwie über der Welt des Triathlons zu stehen, kennt Van Lierde. Als er im vergangenen Jahr nach 8 Stunden, 12 Minuten und 29 Sekunden das Zielband des Ironman Hawaii in beide Hände nahm, hatte er den Olymp des Langstreckentriathlons erklommen. Es gibt Athleten, die sich in solchen Momenten förmlich baden könnten, die dann eine richtig große Bühne brauchen, um ihr Ego auszubreiten. Van Lierde ist anders. „Fragt meinen Vater, wie ich als Kind war, fragt meine Frau, wie ich als Ehemann bin“, sagt er fröhlich in die Runde der Medienvertreter, die zur einzigen offiziellen Veranstaltung des Belgiers in die Berge von Kailua gekommen sind, dort, wo der Olymp von 2013 noch einmal zum Greifen nahekommt. „Als ich Sebastian (Kienle) im vergangenen Jahr im Energy Lab überholt habe, da war es eine Mischung aus Begeisterung und Angst“, sagt Van Lierde, „es waren ja noch zwölf Kilometer bis ins Ziel.“

Van Lierde sitzt beim Pressegespräch neben seinem Namensvetter und Trainer Luc, der das Gefühl kennt, plötzlich im Marathon die Führung zu übernehmen und mit aller Unsicherheit und gleichzeitiger Freude die letzten Kilometer hinter dem Führungsfahrzeug herzulaufen. 1996 rannte Luc van Lierde in Kona auf den letzten Kilometern an Thomas Hellriegel vorbei und als erster Belgier überraschend zum Sieg, 1999 gewann er ein zweites Mal. „Ich weiß, dass mir im Marathon auch am Samstag noch viele Leute ,Come on, Luc‘ zurufen werden“, sagt Frederik Van Lierde lachend. Damit muss er leben, der aktuelle Sportler des Jahres in Belgien – und damit kann er offensichtlich auch ganz locker umgehen. „Je nachdem, in welchem Zustand ich gerade bin, reagiere ich darauf ganz unterschiedlich“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen.

Gibt es die nächste Radattacke?

Zum Lachen dürfte keinem der Konkurrenten am Samstag zumute sein, falls Frederik Van Lierde wie im Vorjahr auf dem Rad erneut die Initiative übernehmen sollte. „Dass ich auf Sebastians Attacke nach 60 Kilometern reagiert habe, war der Schlüssel zum Sieg“, sagt er. Nicht nur van Lierde weiß, wie viel Mut und Selbstbewusstsein dazu gehören, solche Angriffe zu kontern - und wie weh das tut. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Van Lierde im Juli in Frankfurt an den Start gegangen ist, um den direkten Kontakt mit Sebastian Kienle zu suchen. Auch dort drehte der Deutsche die Wattzahlen auf dem Rad nach oben, und Van Lierde musste einen harten Rhythmus fahren, um als Zweiter nicht zu deutlich abgehängt zu werden. „Dieses Jahr habe ich mich stark auf Kona fokussiert“, sagt Van Lierde, der mit einem Mentaltrainer gearbeitet hat, um die entscheidenden Situationen des Rennens zu visualisieren.

Offensichtlich ist der Titelverteidiger zu 100 Prozent bereit für den großen Schlagabtausch am Samstag. „Ich bin kein Showman“, sagt er, „ich brauche das nicht.“ Ganz bewusst hat er zu diesem Medientermin eingeladen, um alle Anfragen auf einmal zu bündeln, die auf einen frischen Hawaiisieger Jahr für Jahr einprasseln. „Es war ein aufregendes Jahr“, sagt Frederik Van Lierde, seine Frau Sofie und die Kinder können dies bestätigen. Der Familienmensch hat es geschafft, bei allem Hype um seinen Erfolg auf dem Boden zu bleiben. Van Lierde hat sein eigenes Team mit auf Hawaii, allen voran seine Frau, seinen Vater, Manager Jacky Everaerdt und einen eigenen Masseur. Die schulpflichtigen Kinder sind derweil zu Hause bei den Schwiegereltern und beobachten aus der Ferne, wie sich ihr Papa schlägt. Vielleicht machen sie es am Samstag wie Trainer Luc van Lierde im vergangenen Jahr: „Es ist gut, dass Luc dieses Mal hier ist“, sagt Frederik Van Lierde. „Im letzten Jahr hat er die ganze Zeit mit meinem Vater telefoniert – und mein Vater hat mir dann immer zugerufen, was Luc gesagt hat, was ich machen soll.“

Organisatoren sorgen für Extramotivation

Es hat sich eben einiges verändert durch den Hawaiisieg. „Letztes Jahr war ich nicht zur Pressekonferenz eingeladen“, blickt Frederik Van Lierde zurück, „das war für mich eine Extramotivation im Rennen.“ Diesmal stand der 35-Jährige als Titelverteidiger bei der offiziellen Pressekonferenz im Rennhotel sehr wohl im Mittelpunkt – als Sportler und als Mensch, der trotz des Hawaiisieges „hoffentlich der gleiche Typ" geblieben ist.