Viel mehr als ein Warm-up für die WM

Die Europameisterschaft im Ironman 70.3 verspricht für den Sonntag ein knallhartes Männer-Rennen. Es ist eben nicht nur die Strecke in Wiesbaden, die berüchtigt ist, sondern ein Feld am Start, das es in dieser Form bei einer EM noch nicht gegeben hat. Die Liste der Favoriten ist lang.

Von > | 6. August 2015 | Aus: SZENE

70.3 Wiesbaden 45 | Maurice Clavel freut sich über den ersten EM-Podiumsplatz bei seiner erst vierten Mitteldistanz. Jubelt ...

Maurice Clavel freut sich über den ersten EM-Podiumsplatz bei seiner erst vierten Mitteldistanz. Jubelt ...

Foto >Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Die Strecke ist hart, das Feld ist härter: Wenn am Sonntag um 8 Uhr der Startschuss für die neunte Auflage des Ironman 70.3 in Wiesbaden fällt, sind Spannung und ein krachender Titelkampf garantiert. Das Europameisterschaftsrennen ist drei Wochen vor der Weltmeisterschaft in Zell am See viel mehr als nur ein heftiges Techtelmechtel vor dem großen Showdown. Mehr als 60 Profimänner gehen am Waldsee in Raunheim ins Wasser, und es dürfte das bestbesetzte Rennen in der Geschichte der Veranstaltung zu werden. Zwar fehlt Titelverteidiger Bart Aernouts aus Belgien und mit ihm auch einige wenige ganz große Namen der Szene, die sich derzeit im Training warm laufen für den letzten Augustsonntag. Aber das Feld bietet alles, was eine Europameisterschaft braucht und was auf dem knackigen Kurs vom Start bis zum Ziel richtig Tempo bringt.

Nicholls gegen die Deutschen

Allrounder, Spitzenschwimmer, Ausnahmeradler und Topläufer sind versammelt im Profifeld, allesamt gehen sie mit sehr unterschiedlichen Taktikvarianten ins Rennen. Mit der Startnummer 1 versehen ist der Sieger von 2013, Ritchie Nicholls. Der Brite ist nach einer Durststrecke zuletzt immer besser in Fahrt gekommen und hat bei seinem Sieg im norwegischen Ironman 70.3 Haugesund vor fünf Wochen wieder jene Laufform aufblitzen lassen, die ihn 2013 im Wiesbadener Kurpark an Jan Frodeno vorbeifliegen ließ. In Haugesund rannte Nicholls 1:09:15 Stunden, vor zwei Jahren in Wiesbaden mit einem Halbmarathon von 1:08:53 Stunden zum Streckenrekord (3:56:55 Stunden). Die Generalprobe des 28-Jährigen beim Alpe d’Huez-Triathlon ging am vergangenen Wochenende zwar wegen eines Plattens schief, aber wenn Nicholls seinen Flugmodus findet, könnte er am Sonntag an sein Glanzrennen von 2013 anknüpfen.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe Athleten, die genau diesen britischen Steilflug verhindern wollen, allen voran eine starke deutsche Abteilung. Die Liste deutscher Topstarter ist lang vor dem Rennen, wenngleich Andreas Böcherer und Michael Raelert mit Blick auf ihre Ambitionen in Zell am See kurzfristig noch von der Startliste entschwunden sind. Der zweimalige Ironman-Mallorca-70.3-Sieger Andreas Dreitz und der Wiesbadener Vorjahresdritte Maurice Clavel könnten zwei der Jungs sein, die auf dem Rad nach einem flotten Auftakt im Waldsee Raunheim mächtig Alarm schlagen. Die mehr als 1.400 Höhenmeter umfassende Strecke durch den Taunus hat es nicht nur steigungsmäßig in sich, sondern bietet auch technisch Herausforderungen. Paart sich der Schweizer Manuel Küng dazu, könnte es richtig zur Sache gehen – eventuell versucht er sich auch gleich als Solist im Wasser abzusetzen. Beim Ironman 70.3 Luxemburg kam der 28-Jährige im Juni zum ersten Mal als Sieger nach einer seiner gefürchteten Schwimm-Rad-Performances ins Ziel, allerdings dürfte ihm der harte Marathon des Ironman Switzerland noch etwas in den Knochen stecken. Küng kam drei Wochen vor Wiesbaden in Zürich als Siebter ins Ziel, nachdem er als Erster vom Rad gestiegen war.

Stein und Raelert auf Punktejagd

Viel Boden gut machen dürfte auf dem Rad auch der Dritte von 2012, Boris Stein, der beim Ironman France Ende Juni seinen zweiten Titel auf der Langdistanz gefeiert hat. Im Mai hat der Westerwälder mit Platz zwei beim Ironman 70.3 Pays d’Aix bereits gezeigt, dass er in dieser Saison die Lücke ganz nach vorn auch auf der Halbdistanz weiter geschlossen hat – er stürmte nach einer brachialen Aufholjagd nur zwölf Sekunden hinter Böcherer ins Ziel. Wenig aufzuholen haben dürften unterdessen nach dem Schwimmen Andreas Raelert und Christian Kramer. Während der Lanzarote-Zweite Kramer im ersten Qualifikationsdurchgang seine Startzusage für Kona erhielt, will Raelert in Wiesbaden den Sack für die Ironman-WM am 10. Oktober zu machen. In Frankfurt hatte Raelert als Sechster das Pech, dass er nach einer Panikattacke im Schwimmen den Anschluss ganz nach vorn verpasste, in Wiesbaden will er nun an die beiden Erfolge seines Bruders in den Jahren 2010 und 2012 auf diesem Kurs anknüpfen.

Neben Andreas Raelert sind einige weitere schnelle Läufer im Feld, deren Namen auf der Startliste schillernd leuchten und doch etwas in der großen Bandbreite des Topfeldes unterzugehen drohen. Der inzwischen 40 Jahre alte australische Ex-Weltmeister auf der Kurzdistanz, Peter Robertson, kommt als Vorjahreszweiter, daneben gibt es in Brad Kahlefeldt und Joe Gambles zwei weitere extrem schnelle Aussies, die zumindest Podiumsambitionen haben. Die Favoritenliste ist eben sehr lang für Wiesbaden, und sie enthält viele weitere Asse, die jedem anderen Mitteldistanzrennen als Topstarter gut zu Gesicht stehen würden, von Ruedi Wild aus der Schweiz bis hin zu Alessandro Degasperi (Italien) oder dem Australier Richie Cunningham. Es darf bis Sonntag, 8 Uhr spekuliert werden, dann dürfte die Wiesbadener Strecke diese lange Liste am Sonntag richtig durchsieben.