"Wer nicht wagt, gewinnt definitiv nicht"

Mit einer bravourösen Leistung hat Christian Kramer beim Ironman Lanzarote auf dem Rad die Entscheidung im Männerrennen eingeleitet. Bei extremem Wind litt er am Ende aber auch selbst etwas unter seiner Attacke – und wurde Zweiter. Der Leipziger in Interview.

Von > | 24. Mai 2015 | Aus: SZENE

Christia Kramer | Christian Kramer

Christian Kramer

Foto >Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Sechs Stunden lang führte Christian Kramer den Ironman Lanzarote an. Nach gut 70 Kilometern übernahm er die Spitze, doch wenige Kilometer vor Schluss des Marathons jagte der Italiener Alessandro Degasperi noch an ihm vorbei zum Sieg. Grund, sich zu grämen, hatte der Leipziger im Ziel aber nicht.

Christian Kramer, Sie haben ein starkes Rennen gezeigt, auch wenn Sie am Ende Alessandro Degasperi ziehen lassen mussten. Mit dem Ausgang des Wettkampfs sind Sie nicht zufrieden, aber mit der Art und Weise, wie Sie es gestaltet haben schon, oder?
Wer nicht wagt, gewinnt definitiv nicht. Ich hab’s gewagt, bin Zweiter geworden. Es ist doof, viereinhalb Kilometer vor dem Ziel überholt zu werden, aber das Rennen ist eben erst bei 42 vorbei und nicht bei 37. Wer gewinnt, ist verdient Erster, ich bin heute verdient Zweiter geworden, damit kann ich leben. Aber klar, es wäre viel schöner gewesen, wenn es anders ausgegangen wäre.

Sie waren auf dem Rad auch von den extremen Windbedingungen nicht zu halten, aber es ist trotzdem nicht alles rund gelaufen unterwegs?
Ich habe an einem der Speedbumps kurz vor dem Club La Santa nach gut 65 Kilometern meine Gelflasche verloren. Es war leider die Aeroflasche, die am Rahmen sitzt. Da ist es mit Ersatz nicht so weit her, und es passt auch keine normale Flasche rein. Erst am zweiten Berg kurz vor Haria habe ich Ersatz bekommen, deshalb war es ein bisschen Hoffen und Bangen, dass die Energie reicht. Aber das soll keine Entschuldigung sein, ich habe auf dem Rad einfach probiert, Druck zu machen und davonzukommen. Ich habe auch einen komfortablen Vorsprung gehabt, vielleicht war es einfach ein Tick zu viel Risiko. Aber wenn ich es nicht probiere hätte, dann müsste ich mir das hinterher vorwerfen, so habe ich es probiert und bin Zweiter geworden.

Es ist auf diesem Kurs insgesamt auch nicht ganz einfach, sich einschätzen. Das lässt sich hier doch deutlich schwieriger kontrollieren als bei einem anderen Rennen?
Erstens das, zweitens war es heute einfach unheimlich hart. Es ist ja nicht mal einer unter fünf Stunden gefahren. Es waren Wahnsinnsbedingungen. Mit der Scheibe zu fahren, war okay, denke ich. Ich hatte eher beim Vorderrad zwei-, dreimal richtig Angst, dass es mich wegbläst. Die Höhe des Vorderrads war für manche sicher ein Problem. Dadurch, dass die Strecke keinen Wendepunkt hat, ist das Rennen auf dem Rad schon schwer einzuschätzen, man kann auch keine entgegenkommenden Athleten demoralisieren. Dadurch, dass der Helikopter über einem kreist, zieht es einen vielleicht sogar noch ein bisschen. Wenn man dann am Ende am Meer lang im Gegenwind leicht überzieht, dann kann es schon schwer werden. Aber das gehört auf Lanzarote auch irgendwie dazu. 

Auf dem Rad war der Wind extrem, trotzdem sah es so aus, als würden Sie sehr kontrolliert auf dem Aerobügel liegen. Haben Sie bewusst attackiert oder hat sich das durch die Windverhältnisse ergeben, dass Sie ein Loch gerissen haben?
Ich bin eigentlich nach den Wattvorgaben meines Trainers gefahren. Durch die Feuerberge hat Bert Jammaer dann einmal kurz attackiert, da habe ich gesehen, dass Guy Crawford und Konstantin Bachor schon ein bisschen Probleme hatten. Da habe ich mir gedacht, dass ich vielleicht ein klein wenig drüberziehen kann, und am vorletzten langen Berg habe ich dann auch wirklich ein Loch gerissen. Ab da ist jeder selbst gefahren.

Wie war das Gefühl, als Sie beim Laufen gemerkt habe, dass das Loch zu Degasperi kleiner wird? Dass die Beine etwas angeschossen waren nach dem Radfahren, ließ sich bei den Bedingungen sicher nicht vermeiden?
Nach 20 Kilometern habe ich schon gesehen, dass der Alessandro ganz schön was zugelaufen hat. Ich habe natürlich gehofft, dass er sich selbst bei der Aufholjagd ein bisschen zerlegt hat. Das war pures Kopfkino heute. Es ist ja beim Ironman sowieso das Problem, dass man 42 Kilometer lang hofft und bangt, dass es dem anderen genauso schlecht geht wie einem selbst. Ich habe nach dem Radfahren einfach nicht die Beine gehabt, um dagegen halten zu können. Dazu kamen dann noch leichte Magenprobleme. Das kann passieren, sollte nicht passieren, ist aber leider geschehen.

Sie haben so lange gegengehalten, wie es nur irgendwie ging?

Ich habe alles probiert, aber mehr ging einfach nicht. Ich war einfach voll am Limit.