Zürich sucht Schildknechts Nachfolger

Nach sieben Siegen von Ronnie Schildknecht wird in Zürich am Sonntag ein neues Haupt beim Ironman Switzerland gekrönt. Neben vielen Schweizer Namen gehören insbesondere auch der Deutsche Boris Stein und Filip Ospaly aus Tschechien zum engsten Favoritenkreis.

Von > | 24. Juli 2014 | Aus: SZENE

Boris Stein - Bahntest Büttgen | Boris Stein

Boris Stein

Foto >Canyon

Wenn die Fußspuren besonders groß sind, trauen sich oft nur wenige Menschen, diese ausfüllen zu wollen. Beim Ironman Switzerland am Sonntag ist das anders. Während bei den Frauen Anja Beranek als strahlende Gewinnerin des letztjährigen Rennens fehlen wird, ist bei den Männern ein historisches Loch zu füllen: Nach sieben Siegen wird Ronnie Schildknecht nur Zuschauer sein.

Am Tag nach der Ironman-EM fiel es Schildknecht nicht ganz leicht, nach der Siegerehrung die Stufen vom Podest hinunterzusteigen. Müde waren die Beine, geschunden vom Gerangel um den vierten Platz in Frankfurt. „Jetzt schaue ich mir Zürich mal von außen an“, erklärte der Schweizer lächelnd. Von 2007 bis 2013 hat er seinen Heim-Ironman für sich entschieden. Egal, wer auch angetreten war aus dem nationalen Lager von Stefan Riesen bis Jan van Berkel und Mathias Hecht oder welche internationale Konkurrenz – gewonnen hatte immer der I-Ronnie, der die Strecke so gut kennt wie kein anderer und der vor allem genau wusste, wie sich sein Körper auf dieser Strecke verhalten muss. Schildknecht, den viele gern aufs Radfahren reduzieren, lief hier vor allem seine Siege nach Hause, genauso wie er 2008 auf Hawaii auf den vierten Platz gelaufen war. Am Sonntag läuft der junge Papa an der Landiwiese auf und ab und schaut, was die anderen so machen.

Jacobs auf dem Weg nach Kona

Im Männerrennen sieht es ganz danach aus, als würde sich ein explosiver Kampf um die Thronfolge Schildknecht I. entfalten. Auf den ersten Blick wirkt die Startliste der männlichen Profis fast ein bisschen zu voll mit Favoriten. Aber Pressechef Manuel Orth versichert, dass die wirklich alle kommen wollen. Beginnen wir, dem Heimrecht gebührend, bei Mathias Hecht. Der 35-Jährige hatte zu Saisonbeginn erklärt, dass sein Fokus klar auf dem Zürcher Rennen liegt, schließlich würde er dort nur allzu gern die Schweizer Siegesserie fortsetzen. Beim Ironman in Nizza passte es Ende Juni noch nicht zusammen, Hecht musste das Rennen vorzeitig beenden. Ähnlich dürfte es sich für Pete Jacobs anfühlen, der für Zürich auf der Startliste steht und eine Woche zuvor bei der Challenge Roth einen tiefschwarzen Tag erlebte. Sein Ziel ist der Ironman Hawaii, und für die Teilnahme auf Big Island muss der Weltmeister von 2012 noch einen Ironman finishen. Sofern er körperlich erholt genug ist, kann er dieser Verpflichtung in der Schweiz nachkommen.

Allmählich etwas müde in den Beinen dürfte auch der Slowene David Plese sein. Obwohl er Rang drei vor vier Wochen in Klagenfurt erreicht und nur sieben Tage darauf Platz sechs in Frankfurt nachgelegt hat, steht er nun auch für Zürich in den Startlöchern. Ausgeruhter dürfte der Brite Stephen Bayliss sein, der als Altmeister des Ironman gilt und mit seinen 35 Jahren alle Erfahrung mitbringt, um ums Podium zu kämpfen. Rang zwei beim letztjährigen Ironman UK und dem Ironman Los Cabos in diesem Frühjahr deuten das Potenzial an. Gleiches gilt für den Franzosen Bertrand Billard, der seine Tempohärte bis dato vorwiegend auf der Mitteldistanz bis hin zum Gewinn der ITU-Langdistanz-WM 2013 ausspielen konnte. Sein Rennen beim Ironman Südafrika im Frühjahr ging schief, das soll am Sonntag anders laufen.

Eine Strecke wie gemeißelt für Boris Stein?

Zwei Männer drängen beim Blick auf die Startliste besonders ins Auge: Boris Stein und Filip Ospaly. Beide verbindet, dass sie schnelle Läufer sind, die ein Rennen im Finale an sich reißen können. Auf diese Weise gewann der etwas schwächere Schwimmer Stein im Vorjahr die Challenge Kraichgau und Anfang Juni in Rapperswil den Ironman 70.3, Zürichs kleinen Triathlonbruder. Inzwischen ist der 29-Jährige auch in der ersten Disziplin stark verbessert - gelingt ihm der Auftakt im Zürichsee, kann er in den anspruchsvollen Wellen und Anstiegen auf der Radstrecke richtig attackieren. Der Kurs dürfte Stein auf jeden Fall gut passen. Auf der langen Kante hat der Westerwälder bislang übrigens genauso viele Rennen bestritten wie sein tschechischer Kontrahent Ospaly: Eins. Während der Deutsche in Lake Tahoe zum Abschluss der 2013er-Saison Achter wurde, hämmerte Ospaly beim Ironman Florida im vergangenen November in 7:58:44 Stunden auf Rang zwei. Die Erfolgsliste des 38-Jährigen ist extrem lang. Zuletzt hat er Anfang Juli den Ironman 70.3 Haugesund in Norwegen gewonnen, nach einer Solofahrt auf dem Rad und einem wieder einmal schnellen Lauf.

Ironman 70.3 Switzerland | Boris Stein dagegen schließt bald zur Spitze auf, ...

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Foto >Sebastian Kuhn / drehmomente.de

Rookie Ryf steht oben auf der Favoritenliste

Bei den Frauen dürfen sich Eidgenossen an der Strecke besonders darüber freuen, dass die Schweizerinnen die Favoritinnen stellen. Der Rennverlauf dürfte sogar extrem Schweizerisch werden, denn in Céline Schärer ist eine exzellente Kraulerin am Start, die im vergangenen Jahr bei ihrem Debüt auf der Langstrecke Rang zwei belegte. Schärer könnte das Tempo machen, das auf dem Rad möglicherweise eine erfahrene Athletin fortsetzen wird: Auf der Liste steht in Natascha Badmann nicht nur eine inzwischen 47 Jahre junge sechsmalige Hawaii-Siegerin, sondern auch die Sechste der EM von Frankfurt. Unwiderstehlich schob sich Badmann vor drei Wochen am Main nach vorn, jetzt geht sie sogar als Podiumskandidatin ins Rennen. Wesentlich weniger Erfahrung auf der langen Strecke bringt ihre Landsfrau Daniela Ryf mit, die 27-Jährige gibt in Zürich ihr Ironman-Debüt. Doch die amtierende Ironman-70.3-Europameisterin geht trotz dieser Rookie-Rolle als Topfavoritin ins Wasser – so überlegen sie beim Ironman 70.3 in Rapperswil zum Streckenrekord geflogen ist.

Kristin Möller greift noch mal an

Es sind allerdings nicht nur Schweizerinnen, die vor dem Traditionsrennen im Mittelpunkt stehen. Die Ungarin Erika Csomor war nicht nur im Vorjahr Dritte, sie gewann in Zürich ein Jahr zuvor und belegte 2011 ebenfalls Rang drei. Im vergangenen Jahr hat die inzwischen 40-Jährige fünf Ironman-Rennen zwischen Platz eins und sieben beendet, dabei in Klagenfurt und Los Cabos gewonnen und zwei Rennen unter neun Stunden beendet. Vor vier Wochen war sie in 9:05:42 Stunden als Sechste des Ironman Austria kaum langsamer. Neben Csomor stehen zwei deutsche Namen auf der Startliste, die ebenfalls für Furore sorgen könnten. Sonja Tajsich kann, wenn sie ihren Einbruch beim Laufen in Frankfurt gut verarbeitet hat, in den Kampf an der Spitze eingreifen. Die starke Läuferin könnte auf dem Vier-Runden-Kurs genauso ein Faktor des Rennens werden wie Kristin Möller, die nach ihrer furiosen Frankfurter EM-Jagd im Marathon Platz vier belegt hat und in Zürich ebenfalls hoch gehandelt wird. Sie will in Zürich endgültig den Deckel auf die Hawaiiqualifikation packen.