Das Unschuldslamm

Kampfrichter, Organisator, Coach oder der andere Athlet - es gibt viele Schuldige im Triathlon. Nur einer hat immer Recht: Der Triathlet. Unschuldig wie ein Lämmchen steht er bedröppelt da und zeigt auf die Anderen. Fehlt nur noch der Klassiker "er hat aber angefangen". Bei der nächsten Beschwerde hole ich einen Fruchtzwerg zum Trösten raus.

Von > | 18. November 2013 | Aus: SZENE

TillSchenk_Kraichgau | Till Schenk

Till Schenk

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Immer häufiger ist es zu sehen, dass der eigentlich mündige Athlet seine Eigenverantwortung bei der Rennregistrierung gleich mit abgibt. Ich habe es bisher immer übersehen - dieses Feld. Gleich neben "Race T-Shirt ja / nein" und "Pasta Party ja / nein" scheint es eine Option für "Eigenverantwortung ja / nein" zu geben. Da kreuze ich nächstes Mal NEIN an.

Die erste Idee zu diesem Blogeintrag habe ich neulich bei einem Gespräch mit einem Athleten gehabt, der seinen Trainer vergöttert hat, bis das Rennziel nicht aufgegangen ist. Plötzlich war der Trainer eine unwissende Pfeife und hat den armen Athleten körperlich völlig zerstört. "Übertraining by Coach" war die selbstgestellte Diagnose des Freizeitsportlers und Hobbyarztes. Was er an dieser Stelle gerade vergessen hat, ist, dass er seinem Trainer nie gesagt hat, wenn es ihm körperlich schlecht ging. Schließlich wollte er ja keine Trainingseinheit verpassen.

Fazit: Als trainierender Athlet sollte man nie vergessen: Trainingsplan buchen heißt nicht gleich Hirn abgeben. Und nicht alle Trainer besitzen eine magische Glaskugel.

Und wo wir schon beim Thema Hirn abgeben sind, die nächste Idee zu diesem Blog ist mir im Krankenhaus gekommen, nachdem meine Rechnung aus Einfahrtswinkel, Kurvenwinkel und Geschwindigkeit im Kreisverkehr nicht ganz aufgegangen ist. Ich kann ja schließlich nicht nur spotten, sondern auch besonders gut für meinen eigenen Spott sorgen.

Als ich aufwache, wird um mich herum fleißig diskutiert: Hätten an der Sturzstelle mehr Helfer stehen müssen und wild mit Fahnen schwenken? Hätte der Veranstalter im Race Briefing mehr auf die Stellen hinweisen müssen oder hätte es mehr Schilder geben müssen, um den Athleten vorzuwarnen, dass man nicht im Tiefflug in Kreisverkehre reinballert? Ich schaue kurz auf meinen Helm und stelle fest. Keine Kratzspuren. Die plötzlichen Kopfschmerzen müssen von dem ganzen "hätte, hätte, hätte" um mich herum kommen. Das Einzige, was mir in dem Moment einfällt: "Wer es schafft einen Kreisverkehr quasi zu übersehen, den hätte auch ein weiteres Warnschild nicht aufgehalten.''

Fazit: Als aktiver Athlet trage ich große Teile der Verantwortung dafür, wie das Rennen für mich ausgeht und wenn ich weiß, dass ich das Rennen am Anschlag auf dem Rad fahren will, dann empfiehlt es sich die Strecke vorher anzuschauen. So wäre ich auch ohne Fahnenschwenker möglicherweise ins Ziel gekommen.

Finale Inspiration und aktuellstes "Unschuldslamm" im Triathlon war ein junger Mann, der im Rufe steht, die Regeln des Draftings gern mal selbst neu zu definieren und laut Augenzeugen ab und zu beim Überholen eine Links-Rechts-Schwäche vermuten lässt - Till Schramm, der aktuell die rechtliche Lage seiner Disqualifikation beim Cologne 226 prüft.

Was war passiert? Laut Kampfrichter, der die Disqualifikation ausgesprochen hat, genauso wie nach Aussage der anderen betroffenen Athleten, hat Till an einer sehr engen Stelle der Radstrecke einen anderen Athleten rechts überholt. Ergo: Rote Karte, Disqualifikation. Haben wir ja so im Race Briefing gelernt.

Laut Till Schramm war die Situation viel mehr, dass er durch sein Fahrmanöver sich und einen anderen Athleten vor einem Sturz bewahrt hat (laut direkter Aussage im Ziel hat ein falsch geparktes Auto ihn zu diesem Manöver gezwungen). Komisch. Wenn ich so im Rennen unterwegs bin und mit zehn Metern Abstand regelkonform meines Weges fahre, dann laufe ich nicht Gefahr plötzlich wegen eines geparkten Autos meinen Vordermann wegzubügeln, aber was weiß ich denn schon. Bin ja auch bei Weitem nicht so schnell wie der Herr Schramm.

Hoffnung macht man sich auf Seiten das Schramm-Lagers auch, dass man einen Verfahrensfehler in der Disqualifikation finden kann. Podiumsplatz am Grünen Tisch. Der Fussball lässt grüßen. Vielleicht schafft er es ja so noch vor dem Fußball, den Videobeweis im Triathlon zu erzwingen. Dabei geht es aber nicht nur um diesen Athleten, sondern um all diejenigen, die immer wieder gern über die Grenzen hinaus schießen und sogar bewusst betrügen. Klagt oder prüft so viel ihr wollt - den Respekt eurer Mitstreiter werdet ihr auch mit dem Anwalt nicht erzwingen können.

Fazit für alle Athleten: Wenn ihr von 30 Mal einmal erwischt werdet, dann nehmt die Eier in die Hand und lebt damit. Alles andere ist albern.

Natürlich ist das weder für Coaches, noch Organisatoren oder Marshalls ein Freifahrtschein.

Liebe Coaches und selbsternannte Coaches! Nicht jeder Athlet ist gleich und nicht jeder, der selbst mal einen Ironman gemacht hat, sollte glauben, dass er jetzt alles über Trainingslehre weiß.

Liebe Organisatoren! Wenn ihr den Athleten von Jahr zu Jahr mehr Startgeld aus der Tasche zieht, dann gebt auch entsprechend zurück, kümmert Euch um die Sicherheit der Starter und gebt im Zweifel einfach noch fünf Euro für ein Extra-Fähnchen aus.

Liebe Marshalls! Nur weil es Zuhause nichts zu sagen gibt, muss auf dem Motorrad die Macht nicht missbraucht werden. Und Fingerspitzengefühl geht auch ohne Maniküre.

Versteht mich nicht falsch. Ich spreche hier eine kleine Gruppe in unserem schönen Sport an. Für Euch gilt: Denkt mal drüber nach.

Die meisten von euch sind Supertypen und dafür liebe ich Triathlon so. Ich kann das beurteilen. Als grottenschlechter Schwimmer zum Beispiel (ja, auch ich habe mir an dieser Stelle einen Fruchtzwerg verdient. Erdbeere wär klasse) habe ich das Vergnügen auf dem Rad viele schnellere Schwimmer wieder zu überholen und kann von daher sehen, dass im Triathlon noch immer ganz viel fair und hart gearbeitet wird. Danke dafür und weiter so!

Anmerkung der Redaktion: Die Aussagen unserer Blogger zensieren wir nicht. Sie können, müssen aber nicht der Meinung unserer Redaktion entsprechen. Wir möchten explizit nicht den Eindruck erwecken, wir würden namentlich genannte Athleten als Betrüger bezeichnen wollen.