Drohgebärden statt Aufklärung

In einer ersten öffentlichen Stellungnahme seit dem Bekanntwerden neuerlicher Dopingvorwürfe bezeichnet sich der Reutlinger Triathlet Stephan Vuckovic als Opfer einer Intrige. Interessant ist aber vor allem, was Vuckovic nicht schreibt.

Von > | 23. Januar 2009 | Aus: SZENE

Dopingkontrolle | Dopingkontrollen beim Ironman 70.3 in Wiesbaden

Dopingkontrollen beim Ironman 70.3 in Wiesbaden

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Bisher habe er sich bewusst "nicht mehr öffentlich zu dieser miesen sportpolitischen Intrige geäußert, um weiteren Schaden vom Triathlonsport, von meinen Schul- und Triathlonprojekten und natürlich von meiner Person abzuwenden", lässt sich der Reutlinger auf seiner Homepage zitieren. Vuckovic, der sich derzeit in einem Trainingslager auf der Kanareninsel Lanzarote auf die kommende Saison vorbereitet, vermeidet allerdings konsequent jede genauere Benennung der Vorwürfe. So werden in dem in erkennbar juristischem Duktus verfassten Statement weder Quelle (der ehemalige DTU-Präsident Dr. Martin Engelhardt) noch Inhalt (das gegenüber den Ärzten in Bayreuth Ende Juni 2001 angeblich unter dem Eindruck der lebensgefährlichen Erkrankung gemachte Geständnis des EPO-Dopings) der Vorwürfe erwähnt - geschweige denn, bestritten.

Vuckovic' Statement erscheint in engem zeitlichen Zusammenhang mit einem Schreiben, das sein Rechtsbeistand Dr. Michael Lehner jüngst an die Adresse der Präsidentin der Deutschen Triathlon Union, Claudia Wisser, zustellen ließ und das Vuckovic unter seinem eigenen Text zum Download verlinkt. Das achtseitige Dokument könnte man auch als Einschüchterungsversuch verstehen. Ein Ermittlungsverfahren, doziert Lehner dort an die Adresse seiner Rechtsanwaltskollegin Wisser, sei "nur dann zu eröffnen, wenn ein begründeter Anfangsverdacht besteht. Für eine Anklageerhebung bzw. für die Einleitung eines förmlichen Verfahrens wäre darüberhinaus das Vorhandensein eines dringenden Tatverdachts erforderlich", schreibt Lehner. "Vorliegend gibt es nur die ins Blaue hinein aufgestellten Behauptungen des Dr. Engelhardt 'vom Hörensagen'", die von den damals Verantwortlichen in der DTU, Teamarzt Dr. Andreas Marka und DTU-Präsident Dr. Klaus Müller-Ott, zudem "geradezu vehement bestritten worden sind. Irgendwelche anderen greifbaren Anhaltspunkte für ein EPO-Doping meines Mandanten sind nicht ersichtlich [...]."

Magdeburger Altlasten

Gerade Letzteres dürfte Wisser allerdings anders sehen - nicht nur, weil Müller-Ott trotz förmlicher Aufforderung der DTU-Präsidentin Anfang Dezember bisher mit keiner Zeile zu den Vorwürfen Stellung bezogen hat. In einem von der Staatsanwaltschaft Magdeburg beschlagnahmten E-Mail-Verkehr zwischen dem wegen Minderjährigen-Dopings verurteilten Trainer Thomas Springstein und dem spanischen Arzt Dr. Miguel Angel Peraita taucht am 25. September 2000, acht Tage nach der überraschenden Silbermedaille von Springstein-Schützling Stephan Vuckovic, dessen Name in höchst verdächtigem Zusammenhang auf: "Es tut mir leid, dass ich die wichtigen Nachrichten von meinen Athleten so spät schreibe. [...] Der Triathlet Stephan Wuckovic hat die Silbermedaille in Sydney gewonnen. Das war eine große Überraschung in meiner Arbeit und ich muss sagen: SEHR, SEHR HERZLICHEN DANK für Ihre kreativen Ideen. Die Arbeit mit Ihnen ist für mich sehr interessant und ich hoffe, wir können in Kontakt bleiben, um das nächste Mal wesentlich mehr und besser zu arbeiten." Peraitas Antwort folgt drei Tage später: "Wir wussten schon von Vucovich und den Mädchen. GROSSARTIG. [...] Wir haben neue Dinge für das nächste Jahr, um das Material (in der Szene übliches Synonym für das Blutdoping-Hormon EPO, d. Red.) zu ersetzen, sehr interessant."

Auch damals leitete die Deutsche Triathlon Union ein förmliches Ermittlungsverfahren ein, der mit dem Fall betraute Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission Reinhard Wilke, ein Schwager des damaligen DTU-Präsidenten Dr. Klaus Müller-Ott, berichtete damals gegenüber Journalisten über Verzögerungen bei der internen Weitergabe der zur "Chefsache" erklärten Akten und beklagte mehrfach eine "nicht zufriedenstellende Mitarbeit" der ins Doping-Zwielicht geratenen Athleten Stephan Vuckovic und seiner ehemaligen Freundin Anja Dittmer. "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich auf Anraten meines Anwalts (Dr. Michael Lehner, die Red.) nichts zu diesem Thema sage", hatte Vuckovic damals gegenüber der Presse mehrfach wiederholt; Anfang 2007 stellte die Anti-Doping-Kommission der DTU die Ermittlungen ein - ohne die aus den E-Mails abzuleitenden Verdachtsmomente endgültig klären zu können.

Nebenschauplatz Legionellose

Auch diesmal ist die Verteidigungsstrategie Lehners offenbar nicht jene der rückhaltlosen Aufklärung. Eine freiwillige Aufhebung der Ärztlichen Schweigepflicht durch seinen Mandanten, die sowohl das von Engelhardt behauptete Doping-Geständnis als auch Details der medizinischen Behandlung im Juni 2001 beleuchten könnte, lehnt Lehner ab. Stattdessen verweist er auf einen dem Schreiben angehängten Arztbrief des Universitätsklinikums Tübingen, wo sich der inzwischen weitgehend gesundete Vuckovic vier Wochen später ambulant vorgestellt hatte. Und Lehner verleiht diesem Dokument eine Relevanz und Beweiskraft, die es weder in der Sache noch medizinisch hat: "Die Akutinfektion im Juni 2001 bei der EM in Karlsbad" sei durch den Verlauf von am 17. Juli (also offenbar bereits einen Tag vor Vuckovic' Klinikbesuch) und am 10. August 2001 bestimmten Laborparametern belegt, so Lehner. Wer sich in der Diagnostik der Legionellose ein wenig auskennt, weiß freilich, dass eine solch exakte Rückdatierung des Infektionszeitpunkts aus den im Arztbrief detailliert gelisteten Laborwerten gar nicht möglich ist.

Offenbar ist das auch dem Autor des Briefes bewusst. "Als Erreger für die durchlittene schwere Infektionskrankheit darf mit einiger Sicherheit ein Bakterium aus der Legionellen-Gruppe angenommen werden", als Infektionsquelle kämen freilich auch andere als der von Vuckovic immer wieder genannte See in Karlsbad in Betracht, schreibt Dr. Kai Röcker, dessen Urheberschaft in dem von Lehners Kanzlei an den entsprechenden Stellen gründlich geschwärzten Dokument nur noch im Autorenkürzel "rö" kenntlich ist. Dem von Wisser offenbar formulierten Verdacht, es könne sich dabei vielleicht um ein Gefälligkeitsschreiben Röckers handeln, der damals selbst als Triathlet für die TSG Reutlingen startete und Vuckovic seit längerem persönlich kannte, begegnet Lehner mit einer massiven Drohung: "Wollen Sie wirklich unterstellen, und dies tun Sie mit Ihrem Schreiben vom 20.12.2008, dass die unzweifelhafte Legionellen-Infektion erfunden und sogar hierzu Befunde konstruiert worden wären? Dies ist auch gegenüber den [...] behandelnden Ärzten durchaus auch strafrechtlich relevante Verleumdung", schreibt er an die Adresse der DTU-Präsidentin.

Die zeigt sich bereits deutlich defensiver. Beide Parteien hätten sich darauf verständigt, sich nicht mehr weiter zum laufenden Verfahren zu äußern. "Wir werden die Sache weiter prüfen und am Ende ein Ergebnis mitteilen", sagte Wisser am Dienstag gegenüber dem Reutlinger General-Anzeiger. Lehner reicht das nicht: "Ich halte die Angelegenheit sportrechtlich für abgeschlossen und fordere die DTU nachhaltig auf, die Akten unverzüglich zu schließen." Dafür freilich scheint es nicht nur aus Sicht der DTU noch ein bisschen früh.