"Es war nicht alles schlecht"

Im November 2010 hat Dr. Reinhold Hemker von der zurückgetretenen Claudia Wisser die Präsidentschaft der Deutschen Triathlon Union übernommen. Ein Amt, dessen Inhalte sich der 66-jährige frühere Bundestagsabgeordnete seitdem erst einmal erschließen musste.

Von > | 2. Februar 2011 | Aus: SZENE

Dr. Reinhold Hemker, beinahe 100 Tage sind vergangen seit Sie das Amt des Präsidenten der DTU übernommen haben. In der Ihnen bestens vertrauten Politik-Landschaft ist das die Zeit für eine Zwischenbilanz. Wie fällt Ihre aus?
Es gab viele Dinge, die bis zum Verbandstag am 6. November 2010, also dem Tag meines Amtsantritts, nicht angepackt wurden. Die Mitglieder des Präsidiums haben nun begonnen in den verschiedenen Bereichen ihre Aufgaben zu erledigen. Sehr wichtig war uns beispielsweise die Verständigung im Olympiastützpunkt Saarbrücken, um den Weg bis zu den Olympischen Spielen in London abzustecken. Ich habe einen ausgesprochen positiven Eindruck. Uns fehlen zwar noch immer Spitzenathletinnen, aber auch da sehe ich in der nächsten Generation Potenzial. Wir haben hervorragendes Personal, mit dem wir auch die Zukunft planen. Und wir wollen die Zusammenarbeit zwischen Saarbrücken und dem Sitz der DTU in Frankfurt weiter verbessern. Mit dem früheren Bundestrainer Reinhold Häusslein haben wir für den Leistungssport einen erfahrenen Vizepräsidenten. Wichtig war für mich auch, zu analysieren, wie sich die Wettkampfszene entwickelt. Dabei ist mir aufgefallen, das nicht nur die großen Veranstaltungen wie der neue Wettkampf in Düsseldorf, sondern auch regionale und sogar lokale Veranstaltungen oft innerhalb weniger Tage ausgebucht sind. Triathlon ist ein Boom-Sport.

Welche Rolle spielten die Landesverbände in den ersten Monaten Ihrer Amtszeit?
Ich habe mit einigen Kontakt aufgenommen, manche auch besucht, weil ich erfahren wollte, welche Rolle die Vereine und welche die Verbände im Breitensport spielen. Denn eins ist klar: Wir werden langfristig nicht die Spitzenathleten haben, die internationale Erfolge erringen, wenn an der Basis die Grundlagen nicht geschaffen werden. Diese Arbeit muss gemacht werden, bevor junge Athleten in die Kaderstrukturen eingebunden werden können. Da wird schon Hervorragendes geleistet. Der gesamte Aufgabenbereich bleibt in den Händen von Vizepräsident Bernd Rennies. Ein weiterer Punkt waren Signale aus der Öffentlichkeit. Egal ob Oberbürgermeister von Dortmund oder aktiver Triathlet, ich hatte immer den Eindruck, dass die Menschen begriffen haben, das unser Dreiklangsport mehr ist als nur das Angebot, sich fit zu halten oder Leistung zu bringen. Es gibt weitere gesellschaftspolitische Aufgaben zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsprävention, der Bildung und des Tourismus.

Das klingt, mit Verlaub, alles ziemlich rosarot. In der Öffentlichkeit war in den vergangenen Monaten ja eher der Eindruck entstanden, dass Sie mit dem Amt auch einen ausgeprägten Scherbenhaufen übernommen haben.
Von einem Scherbenhaufen würde ich nicht sprechen. In den Vereinen und Verbänden wurde und wird gute Arbeit geleistet. Wir haben einige Probleme, deren Ursachen in der Vergangenheit liegen. Dazu gehört auch die gescheiterte Triathlon Event GmbH, die natürlich aufgelöst wird. Oder die Rechtefrage der Triathlon-Bundesliga. Hierzu wird in den kommenden Tagen eine Vorentscheidung fallen. Die 1. Bundesliga findet auf jeden Fall statt, die Vorbereitungen für die Wettkämpfe laufen. Zudem packen wir gemeinsam auch die Dinge an, die in der Vergangenheit nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen haben. Da ging und geht es um einige juristische Verfahren. Aber auch hier sind wir auf dem Weg zu einvernehmlichen Lösungen. Ich hoffe, dass es in Kürze zum Ausgleich mit den Betroffenen kommt. Wir haben auch geschaut, welche erfahrenen und kompetenten Freunde des Triathlons wir für die Mitarbeit auf DTU-Ebene zurück- oder neu gewinnen können. Im Bereich Gesundheitserziehung wird Ehrenpräsident Dr. Martin Engelhardt eine Rolle spielen. Auch ums Thema Doping werden wir uns kümmern müssen. Ich denke, dass wir auch für dieses Gebiet kompetente Leute gewinnen werden.

Zurück in die Zukunft also?
Es war ja nicht alles so schlecht, wie es manchmal suggeriert wurde. Nur ist es nicht nur in der jüngsten Vergangenheit in einzelnen Bereichen in eine falsche Richtung gelaufen. Es hat beispielsweise Versuche gegeben, unser Satzungsrecht zu überarbeiten. Das ist wichtig. Es darf aber keine Tendenz in Richtung Zentralismus geben. Die Bedeutung der Landesverbände muss schon deutlich werden. Da hat es Gegentendenzen in Richtung einer stärkeren Zentralisierung gegeben. Die  Diskussion darüber haben wir neu auf den Weg gebracht. Die Landesverbände bekommen in diesen Tagen einen vom Vorsitzenden des Verbandsgerichtes erarbeiteten Katalog von Fragen und Anregungen zugeschickt. Dann wird ein Satzungsentwurf erarbeitet, der dem Verbandsrat im November zur Beschlussfassung vorgelegt.

Auch mit einigen der großen Veranstaltern lag die DTU zuletzt im Zwist. Stichwort Abgabenordnung ...
Die Abgabenordnung muss auf den Prüfstand. Wir brauchen jetzt einen Vorschlag, der einvernehmlich getragen und von den Landesverbänden umgesetzt wird. Alleingänge führen zu einer Schwächung der DTU. Wir müssen zuerst die finanzielle Sicherung des Verbandes und aller Landesverbände im Blick haben. Dazu müssen wir zu fairen Vereinbarungen mit den großen Veranstaltern kommen. Der Großteil der Starter ist über die Trainingsangebote und die Betreuung der Vereine so qualifiziert worden, dass sie bei solchen Events starten können. Gedanken müssen wir uns auch über Tageslizenzen machen: Wer eine hohe Startgebühr für eine Langdistanz zahlt, ist in der Regel auch bereit, einen entsprechenden Betrag für eine Tageslizenz zu zahlen, wenn er keinen Startpass hat. Ich habe das auch immer getan, nicht nur in Deutschland. Ich verweise da insbesondere auf die Ironman-Veranstaltungen in den USA. Hier müssen die großen Veranstalter entsprechend handeln und mit der DTU Vereinbarungen treffen.

Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie realistisch ist es, die gesetzten Ziele zu erreichen?
Ich mache die Arbeit ja nicht allein, das kann auch nicht Aufgabe eines ehrenamtlichen Präsidenten sein. Ich sehe mich als leitenden Moderator. Mitarbeiten muss aber nicht nur ein Kernteam, sondern auch weitere engagierte Menschen. Der Familien- und Teamgedanke muss funktionieren. Dazu gehört auch, dass Leute wie ich nicht immer überall präsent sein müssen. Wenn in Berlin eine Veranstaltung ist, sollte der Berliner Vertreter dorthin, in Bayern ein Mitglied des Bayrischen Verbands. Ich bin ja kein Reisepräsident, der es sich überall an den Büffets gut gehen lässt. Ich bin immer Basis-Demokrat gewesen und will das auch im Rahmen meiner neuen Aufgabe praktizieren. Wir brauchen eine breite Basis. Dafür setzen sich alle Mitglieder des Präsidiums, die hauptamtlichen Mitarbeiter und die engagierten Leute in den Landesverbänden und Vereinen ein.