"Finishershirts sind bei uns verboten"

Die Zahl an Jedermannteams in Radsport und Triathlon wächst. Den diversen leistungsorientierten Gruppen will der Frankfurter Florian Jöckel mit seinem "guilty76"-Team etwas entgegensetzen. Organisiert ist die Truppe - zu der auch Paris-Roubaix-Sieger John Degenkolb gehört - wie ein Motorradclub. Freundschaft und Spaß sind wichtiger als Leistung.

Von > | 17. April 2015 | Aus: SZENE

guilty76 | Beim Jedermannteam \"guilty76 racing\" steht der Spaß im Vordergrund.

Beim Jedermannteam "guilty76 racing" steht der Spaß im Vordergrund.

Foto >Florian Jöckel

Florian Jöckel, Sie haben ein eigenes Jedermannradteam gegründet – nur kurz, nachdem Sie mit dem Kettenrauchen aufgehört haben. Warum?
Mir war klar, dass das Rauchen durch etwas substituiert werden muss. Um langfristig rauchfrei zu bleiben - was mir bis zum heutigen Tag geglückt ist - kannst du entweder Gummibärchen in dich reinstopfen, oder - so dachte ich mir - Sport treiben. Dann habe ich Steffen Laudeley vom Mainsportclub Frankfurt empfohlen bekommen, einen von Frankfurts besten Personal-Trainern. Ich habe ihn angerufen und beim Einstellungstest mangels Alternativen und schon vorhandener Fernsehradsportbegeisterung das Radfahren als meinen Sport ausgerufen.

guilty76 - 08 | Florian Jöckel hat kurz nach seinem ersten Radrennen ein eigenes Team gegründet

Florian Jöckel hat kurz nach seinem ersten Radrennen ein eigenes Team gegründet

Foto >Florian Jöckel

Mit welchem Ziel?
Gleich eine Tour von Frankfurt nach St. Tropez. Als ich dann tatsächlich zum ersten Mal auf einem Rennrad saß und unter Rennbedingungen Eschborn-Frankfurt gefahren bin (meine erste Ausfahrt von mehr als 30 Minuten Länge) habe ich den Entschluss kurz bereut. Aber dann habe ich das Projekt durchgezogen. Mangels adäquater Kleidung und Trainingspartnern auf meiner Wellenlänge habe ich das Team gegründet. Das ist sozusagen die Kurzfassung zu „guilty76 racing / bruegelmann.de“

Schlechte Kleidung, keine Trainingspartner - was hat Sie denn an der Jedermannradszene noch so sehr genervt, dass Sie etwas eigenes aufgezogen haben?
Die Einzelkämpfermentalität gepaart mit dieser Verbissenheit, die bei vielen Radlern vorherrscht. Dabei geht es doch im Prinzip nur um Spaß! Radfahren ist die schönste Outdoor-Freizeitbeschäftigung, die es meiner Meinung nach gibt. Ich muss dafür aber nicht von November bis Anfang Oktober auf Diät leben. Das empfinde ich als sehr weit übers Ziel hinaus geschossen. Wichtiger ist mir, mit guten Leuten sinnvoll Zeit zu verbringen, über die Alpen zu ballern oder auch Rennen zu fahren. Das Ganze aber bitte auch mit Bratwurst und Zielbier. Auch am Abend vor dem Rennen will ich mich nicht mit Brei und Zimtaufguss ernähren müssen. Auch muss kein kompletter Trainingsplan her, der minutiös eingehalten wird, komme was wolle. Ein vernünftiger Masterplan reicht, der Rest kommt von ganz allein. Man darf das alles nicht zu ernst nehmen. Es ist ein Hobby. That‘s it. Zu glauben, man erreicht ein Profi-Level, wenn man nur konsequent genug ist: das klappt nicht, sondern endet in Enttäuschung und Ermüdungsbrüchen. Das braucht kein Mensch. Zumindest kein „guilty“.

Was ein „guilty“ offenbar sehr wohl braucht ist „Rock ’n Roll“. Zumindest ist das ein zentraler Begriff bei Ihnen. Und Sie kommen tatsächlich aus dem Musik-Business. Was verbinden Sie mit "Rock 'n Roll"?
In erster Linie, dass alles möglich ist. Rock‘n Roll ist für mich ein Lebensgefühl: Leben und leben lassen. Entspannt. Einfach. Ehrlich.

Wie wird das innerhalb des Teams gelebt?
Mit Spaß, Spaß und nochmals Spaß. On top würde ich mich sehr freuen, wenn es in Deutschland wieder eine Art Radsportkultur gäbe. Das fängt schon damit an, dass es in Deutschland gleich ein Staatsakt ist, wenn eine Straße besprüht wird. Das muss sich ändern. In Frankreich, Italien und auch Belgien, Spanien und Holland sind Radrennen nationale Ereignise. Da gibt es in Deutschland noch viel aufzuholen. Aber ich denke, dass das ganze Thema nun mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich zumindest freue mich über jeden neuen Fan an der Strecke oder auf dem Rad. Wichtig: eine Sprühdose in der Hand und dann die Jungs auf der Straße anfeuern. Und selbstverständlich auch auf die After-Race-Parties kommen, die hoffentlich mehr werden. Wir werden auf alle Fälle auch damit anfangen und laden zur ersten After-Race-Party am 1. Mai in Frankfurt im Gibson. Beginn ist um 18 Uhr, direkt nach dem Zieleinlauf der Profis. Und von denen werden auch viele da sein.

Was ist abgesehen von der Idee und solchen Partys noch anders an Ihrem Team?
Es gibt keine Vereinsstruktur. Wir haben keinen Kassenwart und noch nicht mal eine Kasse. Wir haben keine festen Trainingszeiten oder -Orte. Die Members sind in ganz Europa verteilt. Das ist, denke ich, der große Unterschied. Und nicht jeder kann automatisch durch Anmeldung Mitglied werden. 

Wie wird man denn dann Teil des Teams?
Das Ganze ist ähnlich organisiert wie ein Motorradclub. Du brauchst zwei Bürgen. Dann musst du dich hier bei uns vorstellen. Wenn alles passt und auch der Spirit der richtige ist, dann wirst du mit dem „guilty76 racing // bruegelmann.de-Kit ausgestattet. Das ist dann komplett gesponsert. Pflichten gibt es so gut wie keine, außer dass sich jeder "guilty" dazu bereit erklärt, jedes Jahr unser Heimrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ zu fahren. Die meisten fahren aber weit mehr und so ist es die Regel, dass bei allen relevanten europäischen Rennen immer mindestens ein guilty76-Zug dabei ist. 

Das Anmeldeprozedere klingt ganz schön elitär. Wie soll das zu der restlichen, lockeren Ausrichtung passen?
Ich finde nicht, dass das elitär klingt. Ganz im Gegenteil, damit stellen wir nur sicher, dass das Team ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten ist.

Ihr bekanntestes Mitglied ist der Paris-Roubaix-Sieger John Degenkolb. Wie kommt ein Radprofi auf Sie?
Ich kann das gar nicht mehr genau sagen. Wir sind uns alle in Frankfurt über den Weg gelaufen und dann hat sich das ergeben. Wir machen da auch keinen Unterschied. Es ist Wurst, ob jemand Pro oder Amateur ist, komplett egal. Entweder es passt menschlich, oder eben nicht. John ist ein super Typ, ein guter Freund. Und er hat den „right spirit“.

Sie sind aber kein reiner Radsport-Club, sondern auch für Triathleten offen. Wie verstehen Sie sich untereinander?
Stimmt, wir haben auch Triathleten und Top-Läufer im Club. Wir sind für alles offen, wenn die oben beschriebenen Kriterien zutreffen. Das muss passen, ansonsten gibt es kein "guilty"-Dress. So stellen wir sicher, dass sich alle blendend verstehen. Sollte aber jemals ein "guilty" mit Radschuhen und Aerohelm im Hotel zum Frühstück erscheinen, fliegt er genau in diesem Moment im höchstmöglichen Bogen raus. Genauso verhält es sich mit Superheissdüsen: Abseits des Rades sind uns Finisherzeiten und Leistungen relativ egal. Und Finishershirts nehmen wir auch nur, um die Fahrräder zu säubern. So was ist bei uns kein Herausstellungsmerkmal, ganz im Gegenteil: Finishershirts sind bei uns verboten.