"Im Einzelnen noch viel zu tun"

Vom erfolgreichen Teamchef im Radsport zum Macher im Triathlon. Rolf Aldag wird Managing Director Germany bei der World Triathlon Corporation. Eine ungewöhnliche Personalentscheidung, die der Ex-Radprofi und Ironman-Finisher im Interview mit triathlon erklärt.

Von > | 19. Dezember 2011 | Aus: SZENE

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Vor dem Start

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Rolf Aldag, Sie haben sich als Teamchef im Radsport einen Namen gemacht . Nach Ende Ihres Teams HTC-Highroad hatten Sie sicher gute Angebote, sind aber zum Triathlon gewechselt. Warum?
Es ist ja immer das eigene Interesse, das einen motiviert, Sachen zu machen oder bleiben zu lassen. Dass ich 2006 die Faszination beim Ironman Lanzarote selbst genießen durfte, ist einigen schon bekannt. Ich habe den Triathlonsport immer verfolgt. Die Marke Ironman ist dabei so etwas wie Tempo oder Pampers: Ein Stichwort, und jeder weiß, was gemeint ist.

Sie waren in diesem Jahr zum ersten Mal selbst beim Ironman Hawaii. Wie haben Sie die Rennwoche erlebt?
Aus professioneller Sichtweise manchmal mit Schmunzeln: Zwei Tage vor dem Event sah ich die Leute durch die Gegend rasen, von Laufen kann man da gar nicht sprechen. Mit freiem Oberkörper, Pulsgurt und bei einem Tempo von 4:15 Minuten pro Kilometer. Da dachte ich: Das rennt der nie wieder in den nächsten drei Wochen, auch im Wettkampf nicht. Aber die Stimmung packt fast alle, sie beobachten sich gegenseitig, stacheln sich an. Auf der anderen Seite ist Kona ja eher Dorf als eine Stadt und im „Lava Java Café“ sitzen Profis und Altersklassenathleten zusammen und sprechen. Diese gegenseitige Akzeptanz, die finde ich klasse! Wie die Spannung zum Rennen hin steigt, wie alle mit ihren High-End-Maschinen auf- und abradeln – das ist ein ganz besonderes Flair.

Und das Rennen selbst?
Beim Schwimmen standen für mich die Altersklassen­athleten im Vordergrund: 80 Sportler im großen ­Pazifik sind nun mal nicht sonderlich beeindruckend. Aber wenn 1.800 Athleten lospflügen, das ist ein Highlight! Als alle auf dem Rad waren, habe ich gemütlich gefrühstückt. Richtig gepackt hat es mich beim Laufen: Wer gewinnt? Kommt der Raelert da noch hin oder nicht? Dann im Ziel: Die Leistung von Alexander, 8:03 Stunden, das ist echt beeindruckend! Nachdem die ersten zehn Frauen im Ziel waren, war mir nicht so ganz klar, was noch passiert. Das späte „Finisher-Gucken“ war neu für mich. Aber nach 22 Uhr startete die coolste Show des Tages. Man drückt den Leuten extrem die Daumen, wenn sie kurz vor Mitternacht ins Ziel kommen. Die haben exakt die gleiche Strecke hinter sich …aber doppelt so lange gelitten. Dieselben Schmerzen. Nur 16 statt acht Stunden lang. Ich glaube, dass die individuelle Schmerzverträglichkeit bei den Topleuten höher ist. Umso mehr Respekt verdient, was die Letzten leisten – und es wird eben auch anerkannt. Sogar von den Besten. Wellington umarmt jeden. Und dann unterhalten sie sich: Wie war dein Rennen? Naja, ich habe gewonnen … Man gratuliert sich gegenseitig und hat ja auch von beiden Seiten Grund dazu. Aus diesen Momenten habe ich noch mehr mitgenommen als aus dem Kampf um die Plätze eins, zwei und drei.

Sie sagten, Kona sei ein Dorf, die Athleten in der letzten Trainingsphase vielleicht nicht immer professionell. Ist der Triathlon – verglichen mit den großen Sport­events der Welt – selbst noch mehr Dorf als Stadt?
Im Einzelnen gibt es sicher noch viel zu tun. Aber man muss ja allein wegen der drei Disziplinen immer Kompromisse eingehen. Im Radsport ist es so: Bis Tony Martin Zeitfahrweltmeister wurde, waren wir vier Mal im Windkanal, was pro Tag 8.500 Euro kostete. Radprofis betreiben einen Riesenaufwand, um jede Sekunde heraus­zukitzeln. Ich weiß von ­Specialized, was sie mit Craig Alexander veranstaltet haben, da passiert schon einiges. Allerdings ist das nur der Aufwand, der im Radsport für einen Helfer betrieben wird, damit er gut durch ein Mannschaftszeitfahren kommt. Für mehr wäre im Triathlon kaum die Zeit – wann soll man sonst noch schwimmen und laufen? Gemessen daran sind die Profis schon sehr weit.

Was ist mit den Amateuren? Sie investieren viel Zeit und Geld in Material, Sitzposition und Wissen.
Da ist es umgekehrt, der Triathlon ist dem Radsport voraus. Die Wahrnehmung für das Material ist viel, viel größer. Ein Radfahrer, der nicht als Profi unterwegs ist, nimmt längst nicht so viel Geld in die Hand. Schick mal ein Radprofifeld durch die Wechselzone, da würden sich einige vor Neid die Tränen aus den Augen reiben.

Sie wollen die Außenwirkung der Sportart Triathlon verbessern, wo stehen Sie da?
Die mediale Wahrnehmung ist noch nicht da, wo sie sein könnte. Bei der Marke Ironman weiß zwar noch jeder, dass es da um Triathlon geht – danach ist es aber relativ schnell vorbei.

Woran liegt das?
Die Besten treffen nur selten aufeinander und damit fehlt die Grundspannung: Wie geht das Duell diesmal aus? Die Australier bleiben weitestgehend in Australien, sogar die Europäer gehen sich aus dem Weg. Das ist verständlich; eine Liga mit 25 Ironman-Rennen und allen Top-Profis geht eben rein physisch nicht. Aber man muss die Gesichter öfter sehen. Und wir müssen aus der Ecke raus, dass so etwas nur Wahnsinnige machen können.

Wie wollen Sie das lösen, ohne dabei den Mythos ­Ironman, der auch ein bisschen vom Wahnsinn lebt, zu zerstören?
Triathlon hat eine sehr große Faszination. Aber es ist auch kein Volkslauf, den jeder mitmachen kann. Man muss die Sportart über kürzere Distanzen entwickeln. Ich halte die 70.3-Distanz für geeignet, weil sie machbar ist. Frage ich einen sportlichen Menschen, ob er Lust hat einen Ironman zu machen, sagt der doch: Danke, nein. Aber die Hälfte? Und wer die drei, vier Mal geschafft hat, der kann sich an den langen Kanten wagen.

Das vollständige Interview mit Rolf Aldag lesen Sie in triathlon 97. Hier können Sie das Abo der Zeitschriften triathlon und triathlon training bestellen.