Jan Frodeno: "Mir fällt ein riesengroßer Stein vom Herzen"

Von außen wirkte er gewohnt souverän, doch Jan Frodeno war sich seiner Sache beim Ironman 70.3 Barcelona überhaupt nicht sicher. Warum der Wettkampf für ihn zum Pokerspiel wurde, erklärt der Olympiasieger zwischen Essensbestellung und Regenerationsschläfchen im tri-mag.de-Interview.

Von > | 17. Mai 2015 | Aus: SZENE

IM 70.3 Barcelona | Das Podest: Jan Frodeno gewinnt in Barcelona vor Maurice Clavel und Frederik van Lierde

Das Podest: Jan Frodeno gewinnt in Barcelona vor Maurice Clavel und Frederik van Lierde

Foto >Felix Rüdiger / Plan A GmbH

Jan Frodeno, Gratulation zu Ihrem zweiten Saisonsieg. Man sollte meinen, Sie hätten sich langsam das Gewinnen gewöhnt – trotzdem wirkten Sie im Ziel diesmal außergewöhnlich euphorisch. Oder täuschte das?
Absolut nicht, mir ist heute wirklich ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen. Ich weiß, von außen betrachtet sahen meine bisherigen Rennen in diesem Jahr alle ganz in Ordnung und relativ souverän aus, aber in Wirklichkeit war dieses Frühjahr für mich bislang richtig hart. Erst waren da der Radunfall in Australien in Vorbereitung auf das Rennen in Dubai und daraus resultierend die Verletzung an Wirbel und Rippe. Dann auch noch die Knieverletzung, mit der ich mich nun schon seit einigen Wochen herumschlage und die mich ausbremst. Deshalb war ich mir heute sehr unsicher, was meine Form, speziell im Laufen, angeht.

Ihre Knieprobleme sind also immer noch so akut, dass Sie im Lauftraining kürzertreten müssen?
Nicht nur kürzertreten, ich musste zwischenzeitlich sogar komplett aussetzen. Deshalb war ich mir ja so unsicher. Ich habe mir unter der Kniescheibe bei einem Sturz mit dem Stadtrad in Girona ein Ödem zugezogen. Das ist im Prinzip nichts Schlimmes, nur liegt das eben an einer extrem blöden Stelle und reibt an der Patellasehne. Mittlerweile trainiere ich schon wieder etwas reduziert, aber ich muss vielen Triathleten und Läufern vermutlich nicht erst noch erklären, wie unangenehm ein Ödem an dieser Stelle sein kann.

Trotzdem wirkte es von außen so, als hätten Sie sich im Rennen auf Ihr Laufvermögen verlassen. Wirklich angegriffen haben Sie auf dem Rad jedenfalls nicht.
Klar hätte ich versuchen können, mich auf dem Rad noch zu lösen. Die Frage ist: Ist es besser, auf dem Rad alles rauszuhauen und ohne Laufform total angeschossen in den Halbmarathon zu gehen, oder versuche ich mir lieber noch drei Körner aufzuheben? Das ist dann eben ein bisschen Abwägen, ein bisschen Rechnerei, ein bisschen ist es auch ein Spiel mit dem Risiko. Dazu kommt, dass die anderen Jungs speziell am Berg schon auch selbst versucht haben, mich loszuwerden. Wenn ich 380, 390 Watt trete, und ich trotzdem Meter verliere, sagt das schon einiges.

Jan Frodeno | Euphorisch wie selten zuvor: Jan Frodeno jubelt über seinen Sieg in Barcelona

Euphorisch wie selten zuvor: Jan Frodeno jubelt über seinen Sieg in Barcelona

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Ironman-Spotter haben für Verwirrung gesorgt, weil sie vier Minuten Abstand zwischen Ausreißer Sylvain Sudrie und Ihrer Gruppe meldeten. In der Wechselzone waren sie überrascht, dass es tatsächlich nur 50 Sekunden waren. Waren Sie besser über die Zwischenstände informiert?
Frederik van Lierde hat zwischenzeitlich einmal etwas von zwei Minuten an uns weitergegeben, aber das war eher hochgerechnet als wirklich valide. Es mir aber schon bei der Streckenbesichtigung klar, dass sich auf der schwierigen ersten Hälfte Abstände ergeben könnten, die dann auf der zweiten wieder schrumpfen. Zumal Maurice Clavel, Frederik und ich dort gut harmoniert haben. Im Übrigen habe ich auch gehört, dass meine Laufradwahl mit einer Scheibe von den Experten im Livestream als völlig falsch bezeichnet wurde. Genau deswegen treffe ich solche Entscheidungen dann eben doch noch selbst. Was hoch muss, kommt auch irgendwann wieder runter.

Ihnen bleiben nun noch eineinhalb Monate bis zum Ironman in Frankfurt. Starten Sie noch einmal irgendwo?
Nein, das war heute der finale Test. Nun werden wir versuchen, mit viel Bedacht so weiterzutrainieren, dass das Knie ausheilen kann und ich trotzdem fit bin. Normalerweise dauert die Heilung so eines Ödems sechs bis acht Wochen, ich stehe aktuell bei fünf Wochen. Es sollte also bald wieder aufwärts gehen. Aber wir müssen clever bleiben und dürfen nicht leichtsinnig werden.

Werden Sie in der Vor- und Nachbereitung des Ironman durch Erfahrungen, die sie im Vorjahr sammeln konnten, etwas verändern?
Da habe ich sogar einige Erfahrungen gesammelt und Lehren gezogen, gerade auch was die Trainingssteuerung angeht. Welche, das könnt ihr mich gerne nach dem Rennen in Frankfurt noch einmal fragen. Vielleicht erzähle ich es aber auch erst nach Hawaii. Größtenteils, so viel verrate ich dann doch schon, habe ich mir die Ansätze aber von den Kenianern abgeschaut.

Daraus kann man zumindest schließen, dass Sie Ihre Baustellen beim Laufen sehen.
Klar. Ich werde auch noch einmal in den Windkanal gehen und da ein paar Kleinigkeiten am Rad machen, aber im Grunde ist das Radfahren eben wirklich Kilometerfressen. Meine Laufleistungen sahen dagegen vielleicht gar nicht so schlecht aus, aber das hatte trotzdem wenig mit den Leistungen zu tun, die ich im Training abgerufen habe. Da lief es doch noch viel besser, als ich es im Wettkampf umgesetzt habe. Von daher bin ich sicher, dass ich im Wettkampf noch deutlich Luft nach oben habe. Das möchte ich ausreizen.