Mit Köpfchen und Tröpfchen

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) möchte im Kampf gegen Doping unberechenbarer und intelligenter arbeiten: Bei einem „Journalistenworkshop“ in Bonn präsentierte das Team um die Vorstandsvorsitzende Dr. Andrea Gotzmann seine neuesten Ideen im Kampf um einen gerechten Sport.

Von > | 26. Oktober 2015 | Aus: SZENE

Jan Frodeno beim Cannes Triathlon | Jan Frodeno und Giulio Molinari

Jan Frodeno und Giulio Molinari

Foto >Jan Sägert / spomedis

„Die Finanzierung der Nationalen Anti-Doping-Agentur ist mittelfristig gesichert“ - diesen Satz trug die Vorstandsvorsitzende der NADA, Dr. Andrea Gotzmann, bei der Begrüßung der rund 40 Journalisten beim „Workshop“ der Agentur im Wissenschaftszentrum Bonn als einen der ersten vor: Nachdem das Team um Gotzmann in den vergangenen Jahren mit teils sehr klammen Kassen planen musste, richten die Anti-Doping-Kämpfer den Blick nach vorn. „Im Jahr 2003 haben wir diesen Kampf noch mit fünf Mitarbeitern bestritten, heute sind bereits 30 Personen hier angestellt“, erläuterte Gotzmann gleich zu Beginn des Termins. „Wir haben rund 8.000 Sportler in unsere Testpools aufgenommen und führen insgesamt 13.000 Kontrollen im Jahr durch.“

„Investigations and Intelligence“

Doch es ist nicht die Steigerung der Häufigkeit dieser Tests, sondern die der Qualität, in die Gotzmann und Kollegen ihre Bemühungen im Kampf um einen gerechten Sport künftig intensivieren wollen. „Wir wollen gut kontrollieren. 'Gut' heißt intelligent, unangekündigt, und es bedeutet auch verstärkte Präventionsarbeit und die Recherche abseits des Labors“, so Vorstandsmitglied Dr. Lars Mortsiefer. So soll künftig stärker mit der WADA und Fachverbänden kooperiert werden, um versehentliche Mehrfachtestungen zu vermeiden und die vorhandenen Mittel effektiv einzusetzen. „Aber solche Absprachen erfolgen nicht einfach am Telefon. Da müssen Vereinbarungen aufgesetzt werden“, erklärte Daniel Fitzer von der NADA. Zudem setzt die Agentur neben einem E-Learning-System, das inzwischen 18.000 Mal genutzt worden sei, und der NADA-App, die bislang auf 50.000 Geräte heruntergeladen wurde, seit Juni diesen Jahres auch auf ein eigentlich längst überfälliges Instrument: Das „Business Keeper Monitoring System“ (BKMS) soll potenziellen „Whistleblowern“, also Hinweisgebern, die Möglichkeit geben, die NADA auch anonym auf Missstände hinzuweisen. Unter dem Slogan „Sprich's an“ kann dort jeder Webnutzer mittels einiger kurzer Fragen und eines Freitextfeldes einen Hinweis auf Unregelmäßigkeiten an die NADA hinterlassen, ohne Kontaktdaten angeben zu müssen – und ohne, dass Verbindungsdaten des Hinweisgebers gespeichert würden. Dieser erhält zudem ein Log-In für die Whistleblower-Plattform, über die die NADA bei Rückfragen versuchen möchte, mit dem anonymen Hinweiswegeber zu kommunizieren.

„In den vier Monaten seit Einführung des Systems haben wir neun Hinweise erhalten“, erzählt Mortsiefer. Das seien ähnlich viele, wie zuvor auch per Brief oder Mail kamen, „aber die Qualität ist höher.“ Jeder Sportler und Betreuer solle sich von diesem Angebot angesprochen fühlen. Schon kleine, vermeintlich nebensächliche Hinweise oder Details könnten sich als wichtige Puzzleteile bei der Aufdeckung beispielsweise von Hintermännern oder der Anpassung der Teststrategie entpuppen, meint Mortsiefer: „Einige der Verfahren durch die bisherigen Hinweise laufen noch.“ Vorbild der NADA ist vor allem die Australische Anti-Doping-Agentur, die Vorreiter in Sachen „Intelligence and Investigations“-Arbeit sei: „Dort werden mittlerweile schon Verfahren eingeleitet, auch ohne, dass positive Kontrollen vorliegen“, sagt Mortsiefer.

"Die lachen uns aus"

Doch während man bei der NADA auf die starken Kollegen beispielsweise aus Amerika und Australien schaut und etwas lernen möchte, wächst bei den eigenen Athleten die Wut. Sportler aus verschiedensten Sportarten machten keinen Hehl aus ihrem Frust ob der Ungerechtigkeit durch den mindestens nachlässigen Anti-Doping-Kampf durch die Agenturen beispielsweise in Osteuropa und Afrika. „Da gibt es Szenen, in denen ein Kontrolleur kommt und ein Trainer seinen Athleten befiehlt, schnell durch die Hintertür abzuhauen. Von solchen Geschichten habe ich einige gesehen“, echauffierte sich beispielsweise Ringer Oliver Hassler. „Wenn wir denen erzählen, dass wir jeden Tag angeben müssen, wo wir uns aufhalten, und dass wir wirklich getestet werden, lachen die uns aus.“

Dahinter steckt das von Sportlern immer wieder beklagte, für die Chancengleichheit aber tolerierte ADAMS-System, nach dem Spitzensportler für jeden Tag ein 60-minütiges Zeitfenster samt genauem Aufenthaltsort für Kontrollen angeben müssen. Dieses System müssten laut aktuellem WADA-Code zwar alle Nationen einführen, einige täten es aber einfach nicht, sagt Gotzmann. „Das missbillige ich. Es geht mir nicht schnell genug. Ich verspreche, dass wir weiter Gas geben und aus einer Position der Stärke Druck auf die anderen Staaten ausüben“, sagte Gotzmann, während Ex-Schwimmer Markus Deibler gar für eine GPS-Ortung mittels einer Uhr plädierte - „das würde das Leben gegenüber dieser ständigen Meldepflicht enorm erleichtern, auch wenn ich nicht weiß, ob das technisch in der nötigen Genauigkeit überhaupt machbar ist.“

Kleine Tröpfchen wecken große Hoffnungen

Doch nicht nur fehlender Willen, auch fehlende Mittel sind in vielen Nationen ein Hindernis bei der Bekämpfung des Dopings. „Im absolut günstigsten Fallle 250 Euro, nach oben hin weit offen“, bezifferte Daniel Fetzer die Kosten, die bei einer herkömmlichen Dopingprobe anfallen. Abhilfe könnte bald eine weitere, ebenfalls eigentlich schlichte Idee bringen: Schon lange wird nämlich Säuglingen zur Untersuchung auf Stoffwechselkrankheiten routinemäßig ein Bluttropfen aus der Ferse entnommen und auf einen Filterpapierstreifen aufgebracht (Guthrie-Test). Dieser Streifen mit dem getrockneten Blut kann vergleichsweise leicht und ungefährdet zur Analyse transportiert werden, zur Entnahme sind außerdem nicht nur Ärzte berechtigt. Ein ähnliches Verfahren wird nun bald auch in einer ersten Pilotphase im Sport getestet. „Wir sparen Personalkosten und die Kühlkette entfällt ebenfalls. Das macht die Kontrollen günstiger“, erklärt Gotzmann. Anabole Steroide, Corticosteroide, Stimulanzien, Cannabinoide, ACTH und möglicherweise Wachstumshormon und der Hämatokritwert könnten nach ersten Hinweisen so untersucht werden, glaubt Gotzmann. Die Sportler hoffen darauf. „Denn momentan“, sagte Säbelfechtweltmeister Matyas Szabo beinahe resigniert, „habe ich keine Ahnung, ob es in einigen der anderen Nationen überhaupt einen Anti-Doping-Kampf gibt.“