Paris II (Die Eier des Tigers)

Was bisher geschah: Hardy lud Sawatzky zu einer Portion Tiefkühllasagne ein. Sawatzky revanchierte sich: „Hardy, ich wäre echt froh, wenn du mir eines Tages mal eine echte Konkurrenz sein würdest.“ Um seine Ehre zu retten, musste Hardy den Erzrivalen zu einem Duell im Morgengrauen herausfordern. Er wählte die Marathonlaufschuhe. Austragungsort: Champs d'Elysee, Paris, 7. April 2013.

Von > | 27. Februar 2014 | Aus: SZENE

Hardy Hartmann | Die Vorbereitung auf das Duell des Jahres (Hardy vs. Sawatzky) \"läuft\".

Die Vorbereitung auf das Duell des Jahres (Hardy vs. Sawatzky) "läuft".

Foto >Hardy Hartmann

Zuerst musste ein anständiger Trainingsplan her. Das, was ich jetzt brauchte, war aber keiner von diesen Gesundheitstrainingsplänen aus der „Apotheken Rundschau“. Was ich wollte, war ein Plan, der mich binnen zwei Monaten in einen Kenianer verwandelt und kompromisslos schnell über 42,195 Kilometer schickt. Im Gegenzug war ich bereit, dafür jeden Preis in der weltweit gültigen Läuferwährung zu zahlen. In Schweiß, Qualen und Blasen.

Mein Schwager empfahl mir den „Count-Down-zur-Bestzeit“ von Peter Greif. Er fügte aber warnend hinzu, dass die Läuferszene bisher noch geteilter Meinung über den Trainingsansatz von Peter Greif sei. Die eine Hälfte der Läufer halte den Verfasser für verrückt. Die andere Hälfte halte ihn dagegen für sadistisch.

Mein Schwager nahm eine vermittelnde Postiion ein und hielt beides für gleichermaßen wahrscheinlich und möglich. Fakt sei - so mein Schwager - aber jedenfalls, dass der Trainingsplan „was bringt“ - wenn man ihn denn überlebt.

Das klang doch gut. Das war genau das, was ich suchte.

Den Plan bietet Peter Greif übrigens kostenlos auf seiner Website zum download an. Der Gute! Erst später wurde mir bewusst, dass er dafür wahrscheinlich jedes Jahr zu Weihnachten von dem deutschen Orthopäden–Verband einen Präsentkorb erhält. Als kleines Dankeschön. Schließlich müsste nach menschlichem Ermessen inzwischen ein guter Teil aller regelmäßigen Orthopädiepantienten aus dem Lager der Greif-Jünger stammen.

Um den ambitionierten Bestzeitenträumer aber dennoch zu ködern, schreibt Greif seinen Plan in einem lustig-launigen Stil. Ein Umstand, der den Formsuchenden aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es sich um eine 64-seitige Anleitung zur Selbstfolterung handelt.

Der beschriebene Folterzyklus basiert im Wesentlichen auf vier Einheiten. Einem flotten Lauf (GA2) am Montag, einem Intervalltraining am Mittwoch, einer brutal langen Landschaftsexkursion am Samstag (35 km + wöchentlich steigende Endbeschleunigung auf den letzten Kilometern) und einem „gemütlichen“ Regenerationsläufchen (GA1) am Sonntag. Das, so führte mein neuer Coach auf Seite 10 und 11 seiner Masochistenfibel aus, sei allerdings nur das „Notfallprogramm“. All jene, die nicht zu den Weicheierausbrütern zählen und es wirklich wissen wollen, laufen selbstverständlich sein „Normalprogramm“ und damit 7 Tage die Woche.

Ich wollte es zwar wissen, doch erschienen mir 6 Tage als das Höchstmaß des menschlich Ertragbaren.

Montag

Na bitte! Die erste Tempoeinheit über 15 km lief doch ganz gut. Was die nur alle haben?

Ich brach in aller Früh auf und war zum Frühstück mit Brötchen unterm Arm wieder da. Das Wetter war klar und die Luft war frisch. Ich war Rocky Balboa. In meinen Ohren hallte der Titelsong, der davon handelt, dass man die „Eier eines Tigers“ braucht, um erfolgreich zu sein. Mann, ich war sowas von bereit für den Kampf... Sawatzy sollte nur kommen.

Der Laufweg durch die Schrebergärten war meine Treppe hinauf zum Philadelphia Museum. Tatataaaaa, tatataaaaa....

Dienstag

Als Rocky am Dienstagmorgen aufstand, klebte plötzlich überraschend Blei an seinen Füssen. Ich konnte daher nicht glauben, dass erneut 15 km auf dem Plan stehen sollten. Beim Gang ins Bad hämmerte ausserdem das Herz schon im Schwellenbereich. Bevor ich mir die Zähne putzte, holte ich den Plan hervor und blätterte darin mehrmals vor und zurück. Ich wollte mich einfach vergewissern, dass ich das Blatt, auf welchem „Ruhetag, Füsse hoch!!“ stand, nicht übersehen hatte. Hatte ich nicht. Ich lief los.

Aber was heißt schon laufen, wenn die Beine schlapp sind? Ich torkelte und schlurfte mehr, als ich lief. Mein Laufstil erinnerte an einen altersschwachen Pinguin mit künstlichen Hüftgelenken.

Nach etwa 5 km ging‘s aber besser.

Mittwoch

Am dritten Tag war das Blei in den Beinen immmer noch da. Und mahnte da nicht auch ein leichter Schmerz in den Bändern vor einer drohenden Trainingsüberlastung? Trotzdem sah der Trainingsplan keinen Ruhetag vor. Im Gegenteil: Intervalltraining!

Ich war kurz davor, zum Telefonhörer zu greifen, um nachzufragen, ob der Greif das jetzt ernst meinte.

Liest man nicht in allen Trainingsratgebern der Welt, dass man auf jeden Fall auf sein Körpergefühl hören sollte? Wenn dem so war, dann sagte mir mein Körpergefühl: "Wellnessoase“.

Um den Widerspruch zwischen mir und dem Trainingsplan harmonisch aufzulösen, beschloss ich, es hinter mich zu bringen. Gegen Mittag - so war ich mir sicher- würde ich eh beim Orthopäden sitzen und mir meine Ausrede für den Wettkampf attestieren lassen. Ich hätte es versucht, das Leiden hätte ein Ende und ich wäre elegant aus der Nummer raus.

Ich zog also meine Schuhe an, riskierte noch einen letzten Blick auf den Trainingsplan, welcher irrwitzige 6 x 1.000 Meter (je 30 sec. schneller als die geplante Marathondurchschnittszeit) vorsah und warf mich voller Todesverachtung in die kalte Morgenluft.

Bevor es losging, trabte ich ängstlich noch ein bisschen vor mich hin und dachte nach. Über das Leben, das menschliche Streben, die Welt... und was eigentlich der Satz bedeutet: „1.000 Meter, jeweils 30 sec. schneller als die Marathondurchschnittszeit“. Heißt Marathondurchschnittszeit jetzt die letzte von mir gelaufene Marathonzeit, die erträumte Zeit, die am heutigen Tag mögliche Zeit oder die in 8 Wochen für realistisch gehaltene Zeit? Konnte ich mir gar selbst eine Zeit wünschen und aussuchen?

Der Weltrekord lag bei 2:03 Stunden. War es mir theoretisch möglich, in Paris Weltrekord zu laufen? Alles, was ich dafür tun müsste, wäre – laut Peter Greif – meinen Intervallmorgen mit 6 x 1.000 Metern jeweils in einer Zeit von unter 2:34 min zu beschliessen.  

Wenn man jetzt vor dem Training anfängt, über Begriffe wie Weltrekord, Traumzeit, Wunschzeit und realistischer Zeit nachzudenken, dann kommt man schnell zu der Frage, ob jeder Mensch mit dem richtigen Training, den Marathon z.b. (seien wir mal bescheiden) unter den magischen drei Stunden laufen kann. Ich vertrat dabei abseits der Laufstrecke stets den humanitären Ansatz, dass alle Menschen von Geburt an gleich entwickelt sind und dies daher grundsätzlich allen möglich sein müsste. Alles, was es dafür braucht sind die „Eier eines Tigers“.

Mein erstes 1.000-Meter-Intervall endete mit ernüchternden 4:15 min und dem dringenden Bedürfnis mich in der nächsten Hecke zu übergeben. Es folgten weitere Intervalle mit 4:20 min, 4:22 min, 4:35 min, 4:35 min und 4:37 min. Jeweils mit einer tiefen Sehnsucht zu sterben.

Mein Philosophieren über mögliche Zeiten war nach dem Training sofort beendet. Der humanitäre Ansatz wurde verworfen. Meine Schallmauer war Realität. Sie lag weit über 3 Stunden. Ich war schließlich soeben 6 mal schmerzlich dagegen gerannt.

Merke: Intervalle lügen nicht.

Donnerstag

Mein Coach bot am Donnerstag für alle müden Beine und frustrierten Wunschzeitenträumer einen Regenerationstag an. Ich nahm den Ruhetag in Anspruch, auch wenn Peter Greif zwischen den Zeilen seines Folterplans durchblicken ließ, dass er diesen Ruhetag eigentlich verachtete.

Ich telefonierte mit Sawatzky. Er hatte eine Frau kennengelernt und war frisch verliebt. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das waren mal gute Nachrichten! Es wurde auch höchste Zeit, dass endlich mal eine langhaarige Trainingsbremse in das Leben meines Erzrivalen trat. Der siebte Himmel kennt schließlich weder Intervalltraining noch Selbstgeißlung. Ich freute mich für ihn. Und für mich!

Als er mich fragte, ob ich mich denn schon auf Paris vorbereiten würde, hatte ich diese Frage selbstverständlich erwartet. Ich antwortete: „Ach Sawatzky,…! Mir tun seit Anfang der Woche meine Beine so weh. Das Laufen macht gerade überhaupt keinen Spaß…“ Er nahm es hin und ging wohl davon aus, dass ich nicht trainierte.

Ich wog ihn in trügerischer Sicherheit. Hintergrund meiner Antwort war aber nicht etwa eine etwaige Verschlagenheit. Paah, hab ich doch gar nicht nötig. Nein, natürlich rührte die Antwort allein aus einer selbstlosen, sportlich fairen Einstellung zu meinem Gegner. Ich wollte doch nicht, dass die zarte Pflanze seines Liebesglücks durch übertriebenen und vorzeitig geweckten Trainingseifer erstickt wird.

Freitag

Freitag empfand ich wieder als schlimm. Doch hätte ich gewusst, wie es Sonnabend wird, dann hätte ich den Freitagslauf als Fest gefeiert.

Sonnabend

Klar hatte ich gelesen, dass der Schleifer einmal die Woche 35 km fordert. Ich unterschätzte dabei aber eindeutig, wie sich die geschriebene 35 km von gelaufenen 35 km unterscheiden können. Vor allem, wenn man eine Trainingswoche in den Beinen hat, wie man sie vorher nie gekannt hat. Greif selbst schreibt auf Seite 16 seines Machwerkes: „Lass Dir nicht von jemandem flüstern, dass 30 km ausreichen. Das ist in keinem Fall genug!“ Dieser Satz hat es in sich. Er soll wohl den Läufer anspornen, der sich der 30-km-Marke nähert und plötzlich anfängt, die Nummern des Taxinotrufs vor sich herzusagen.

Leider war ich aber schon nach 20 km total fertig und wollte nach Hause. Ich hatte nicht daran gedacht, Verpflegung mitzunehmen. Ein Handy hatte ich auch nicht dabei. Ich schwor mir aber, dass ich, sollte ich diesen Lauf überleben, einmal die Wörter „Peter Greif“, „Folter“ und „gemeingefährlich“ in die Suchmaschnine eingeben werde. Nach 28 Kilometern stand ich kurz vor dem Kollaps. Rocky Balboa hing sabbernd und mit blutigem Auge in den Seilen. Dabei befand ich mich noch 7 km von der rettenden Ringglocke entfernt. Werde ich meine Kinder je wiedersehen?

Mir kam plötzlich der Gedanke, dass eine Arbeitskollegin zwei Straßen weiter wohnt. Dort könnte ich ranlaufen und um ein Glas Fruchtsaft und ein Taxi betteln. Die Arbeitskollegin war aber leider eine blöde Ziege. Ich stellte mir sofort vor, wie sie, wenn ich diese Aktion jetzt am Sonnabend um die Mittagszeit brächte, am Montag die ganze Abteilung darüber unterrichten würde. Diese Vorstellung gab Kraft für zwei weitere Kilometer. Und wie würde die Abteilung erst reagieren, wenn man denen was von Peter Greif und Intervallzeiten erzählt? Das brachte nochmal einen Kilometer. Also besser noch ein wenig weiterschleppen. Besser, dass man meinen dehydrierten Leichnam später nicht in der Nähe Wohnung der Kollegin findet. Wieder einen Kilometer. Der Umstand, dass ich diese Zeilen schreibe beweist, dass ich überlebt habe. Aber Leute: Diesmal war es knapp!

Sonntag

Wer je dran gezweifelt hat, dass Peter Greif Humor hat, der sollte nach dem absolvierten 35-km-Lauf mal die Trainingseinheit für Sonntag lesen. Dort steht fett gedruckt: "Es bekommt dir sehr gut, wenn du an den Sonntagen zweimal trainierst und zwar jeweils 10 km morgens und abends."

Zum Glück bot mir Peter Greif bereits auf Seite 5 des Trainingsplans das „Du“ an. Er meinte in weiser Voraussicht, dass das Fluchen einem so leichter von der Lippe gehen würde. Daher: "Lieber Peter. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, kann ich Dir verraten, dass ich Dein Angebot schon bei Kilometer 20 des Vortages dankend und umfangreich angenommen hatte. Aber auch am Sonntag kam ich bei Deinen wohltuenden 10 km gern und wiederholt darauf zurück. Die abendlichen 10 km tauschte ich allerdings gegen den Tatort. Sorry Peter!

Das Schlimmste am Sonntag war jedoch, dass morgen wieder Montag war.