Paris III (Der Form-Weihnachtsmann)

Was bisher geschah: Hardy und Sawatzky forderten sich zum Duell über 42,195 Kilometern in der Pariser Innenstadt heraus. Um seine Sportlerehre dort vor dem finalen K.O. zu bewahren, verkaufte Hardy sein Lächeln an einen brutalen Trainingsplan. Nach endlosen Asphaltkilometern wartet er nun auf den Form-Weihnachtsmann.

Von > | 7. März 2014 | Aus: SZENE

003 | Hardy Hartmann wartet auf den Form-Weihnachtsmann.

Hardy Hartmann wartet auf den Form-Weihnachtsmann.

Foto >Hardys Leibfotograf

Es war mit Abstand mein Lieblingssatz im 63-seitigen „Countdown-zur-Bestzeit“ Trainingsplan von Peter Greif. Der Satz frohlockt unten auf Seite 25, am Ende von Woche 3: „Wenn nicht, dann kommt der Form-Weihnachtsmann aber ganz sicher nächste Woche.“ Das „Wenn nicht…“ deutete es bereits an. Sadisten-Peter hatte mir auch schon in Woche 2 einen plötzlichen Anstieg der Formkurve versprochen, ohne dass sich bei mir irgendetwas rührte. Ich wurde nervös.

Trotz massiver Erschöpfungszustände und mieser Zeiten glaubte ich weiter an die Existenz des Form-Weihnachtsmanns. Wahrscheinlich ein Zeichen für mein eher kindliches Gemüt. In meiner Vorstellung stünde ich einfach eines Morgens auf und er wäre da. Er würde zunächst fragen, ob man die Intervalle auch immer schön hart durchgezogen hätte. Dann würde er eventuell noch erwähnen, dass er die Pinkelpause bei Kilometer 26,3 letzte Woche durchaus gesehen hätte, und ein wenig mit dem Entzug sämtlicher Glykogenspeicher drohen.

Man müsste ihm dann versprechen, dass das nicht wieder vorkommt und man in Zukunft knüppelhart trainieren werde. Und wenn man dann noch asketisch zu Boden blickt und betroffen nickt… dann… Dann würde er für mich seinen großen Sack Linderung öffnen. Für die ganz Artigen gäbe es dann noch riesengroße Glykogenspeicher und frisches Muskeldynamit.

Die schlechte Nachricht zuerst:

Den Form-Weihnachtsmann habe ich bis heute nicht gesehen. Er kam weder am Montag noch am Freitag zu mir. Wenn der Name trotzdem weiterhin in den Büchern einiger Athleten auftaucht, ist das nur im Zusammenhang mit den Telefonnummern von Dr. Eufemiado Fuentes oder einigen zwielichtigen EPO-Zulieferern erklärlich.

Die gute Nachricht aber, wer hätte das gedacht:

Training wirkt trotzdem. Das erste Mal spürte ich eine echte Veränderung bei den 3 x 3.000er Intervallläufen in Woche 5. Die sollte ich laut Plan 15 bis 20 Sekunden schneller laufen als das Marathontempo. Beim ersten Intervall wunderte ich mich noch, dass das plötzlich möglich schien. Ich lief genau die ersehnte Zeit, die mir bei den 1.000er Intervallen vor 4 Wochen noch nicht gelungen war.

Beim zweiten Intervall stellte ich mir dann sogar vor, wie Sawatzky schauen würde, wenn ich bei Kilometer 39,195 plötzlich noch mal 3.000 Meter Endspurt aus dem Waffenschrank ziehen könnte. Beim dritten Intervall wunderte ich mich, dass ich mir bei dem vorangegangenen 3000er Intervall überhaupt irgendetwas hatte vorstellen können, wo ich doch vor wenigen Wochen nur eine schwarze Wand gesehen hatte. Dann begann ich mich auch noch zu wundern, dass ich mich jetzt überhaupt darüber wundern konnte, dass ich zuvor....

Geht der Muskelzuwachs am Ende mit dem Verlust der Zurechnungsfähigkeit einher?

"Do the Hardy"

Zwar verfügte ich jetzt anscheinend über eine frisch geputzte 3.000er-Geheimwaffe im Arsenal, doch war Sawatzky unberechenbar schnell. Außerdem will er immer führen. Das war so ein Tick von ihm, und inzwischen echt auffällig. Bei jeder noch so locker geplanten Trainingsausfahrt muss er sein Vorderrad wenigstens um eine Haaresbreite vor meinem halten. Gebe ich Gas, gibt er auch Gas, und so weiter - bis wir beide mit gesenkten Köpfen und maximaler Herzfrequenz über die Landstraße schießen. Wahrscheinlich hat er selbst immer dann eine halbe Fußlänge Vorsprung, wenn er sonntags mit seiner Freundin im Wald spazieren geht.

Sollte es also in Paris auf einen Zielsprint hinauslaufen, dann wird der eher tot umfallen, als mich auch nur einen Schritt vorlaufen zu lassen. Bilder von Paris vermischten sich bei mir mit Bildern vom Ironwar I (Marc Allen gegen Dave Scott) und dem Ironwar II (Andreas Raelert gegen Chris McCormack). Mein vom Training weichgekochter Geist ersann daher das folgende taktische Manöver: Gleich zu Beginn des Marathons, noch in der Startzone, lässt man den Erzrivalen (Sawatzky) als Ersten über die erste Zeiterfassungsmatte laufen. Selbst wartet man mit dem Überschreiten noch ein bisschen. (Man kann zum Beispiel 30 Sekunden lang so tun, als müsste man sich noch kurz die Schuhe zubinden).

Die Distanz zum Erzrivalen läuft man dann in den ersten 5 Kilometern unauffällig wieder zu. Im günstigsten Falle wartet der Schurke nach der Matte sogar noch auf einen, weil er nicht alleine laufen mag. Wenn es dann bei Kilometer 40 zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen kommt, weiß der Gegner garantiert nicht mehr, dass er tatsächlich mit 30 Sekunden Rückstand ins Rennen gestartet ist. Im Zweifel wird er sich in diesem Stadium nicht mal mehr an seinen eigenen Vornamen erinnern können. Selbst wenn er also wiedermal seine verfluchte Nasenlänge über die Ziellinie retten sollte, wäre der Sieg am Ende gesichert.

Und Sawatzky?

Gute Nachrichten ereilten mich unterdessen aus dem „Sawatzky-Lager“. Mein Erzrivale war mit seiner neuen Flamme kurzfristig zum Regenerationsaufenthalt nach Argentinien gereist. Er wollte dort nach eigenen Angaben eine Familienhochzeit besuchen und drei weitere Wochen durch das Land tingeln. Er schrieb mir: "Lieber Hardy, wir sind jetzt in Salta, Argentinien. Das Land ist sehr schön. Zwar habe ich meine Turnschuhe mitgenommen, doch bin ich bis jetzt kaum gelaufen. Laufen ist hier irgendwie nicht der Volkssport. Die spielen alle lieber Fussball, oder schauen das noch lieber im Fernsehen an. Immerhin gestern 10 Kilometer.“

Ich googelte Salta und stellte mit Erschrecken fest, dass die Stadt 1.200 Metern über dem Meer liegt. Das bedeutete, dass Sawatzky - dieser verfilzte Andenfuchs - klammheimlich ins Höhentrainingslager gereist war. Mir gegenüber tarnte er es natürlich als Regenrationsurlaub. Wahrscheinlich sind die 10 Kilometer in diesem Zusammenhang auch stark untertrieben. Gut möglich, dass er dort Tag und Nacht die Anden hoch und runter rennt. Und ich mache mir Gedanken, ob ein kleines taktisches Manöverchen beim Start in Paris bereits gegen den Sportsgedanken verstoßen würde. Na warte!

Zuckersüss schrieb ich zurück: „Lieber Sawatzky, Argentinien ist ein so schönes Land. Besonders im Flachland und in Buenos Aires soll es sehr schöne Ecken geben. „Buenos Aires“, das heißt „gute Luft“. Das klingt doch nach Erholung, oder?  Der Rotwein, das Rindfleisch und der Tango… Ich gönne dir von Herzen, dass du von allem reichlich  probierst. Schließlich ist man nur einmal jung. Bei uns herrschen katastrophale Wetterbedingungen! Schnee und Eis machen das Training daher sehr schwierig.  Genieß die Sonne, solange du noch kannst. Für die Hochzeit wünsche ich dir ein „rauschendes Fest“. Dein Hardy"

Am Tag nachdem ich diese Zeilen schrieb, stand für mich die härteste Einheit des Planes auf dem Programm. Und was das Wetter anging, hatte ich nicht gelogen. Der März 2013 war bitter kalt. Bei Dunkelheit, sibirischem Schneetreiben und arktischen Temperaturen machte ich mich zu meinem 35-Kilometer-Lauf auf. 15 Kilometer Endbeschleunigung im Marathontempo standen auf dem Plan.

Die Strecke lief sich wie im Rausch. Gab es den Form-Weihnachtmann am Ende doch? Am Ende der Einheit wusste ich, dass ich nicht bereiter sein konnte. Der Beste aller möglichen Hardys würde die Reise nach Paris antreten. Alles, was ich jetzt noch tun musste war, das Tapering vernünftig zu gestalten und mich ein wenig um meinen Gegner kümmern.

Eine Nachricht von Sawatzky: "Querido Hardy, wow, die Argentinier können feiern! Wenn du die Photos im Anhang aufmachst, kannst du mich neben dem Bräutigam sehen. Das da auf meinem Hemd sind Rotweinflecken. Die Flecken auf dem Hemd vom Bräutigam sind Blut… Ich bin Montag wieder in der Stadt. Gehen wir laufen? Paris, du erinnerst Dich… Dein Sawatzky"

Ich überlegte, wie ich jetzt bestmöglich reagieren sollte. Wenn Sawatzky nicht ins Training einsteigt, könnte es sein, dass er komplett ausgeruht in Paris an den Start geht. Das könnte unangenehm werden. Wäre es unter diesem Gesichtspunkt nicht sicherer, ihn noch ein wenig trainieren zu lassen? Andererseits war Sawatzky immer so unglaublich schnell wieder in Form. Der brauchte die Laufschuhe nur mal kurz ansehen und schon war alles wieder wie früher.

Ich kam zu dem Schluss, dass ein zehntägiges, überhastetes Schocktraining für meinen Rivalen nicht falsch sein konnte. Ich schrieb deshalb: "Lieber Sawatzky, jetzt beginnen die entscheidenden Trainingswochen für Paris. Du solltest jetzt vor allem noch ein paar wirklich lange und harte Läufe machen. 20 Kilometer Minimum! Ich habe mit den Leuten aus dem Verein gesprochen. Alle die sich auskennen sagen, dass du jetzt nochmal ordentlich reinhauen musst! Eventuell noch ein Halbmarathon an dem  Wochenende vor Paris? Dein Hardy - P.S. Wirklich schöne Photos!"

Was folgte, war eine kribblige Taperingphase, eine ereignisreiche Bahnfahrt und zwei irre Tage mit Sawatzky in Paris. Alles für sich durchaus erzählenswert. Nur nicht hier, in einem Triathlon-Blog. Nächstes Mal setze ich daher gleich an der Stelle ein, wo Sawatzky fünf Minuten vor dem Rennen in die Geranien eines Strassencafès am Champs-Élysées pinkelt.