Spektakel oder Randgeschichte?

Die Rückkehr von Ex-Radprofi Lance Armstrong in den Triathlon birgt viel Stoff für Diskussionen. Doch was kann der siebenfache Tour-Sieger wirklich? Und wird sein geplanter Start auf Hawaii tatsächlich zu dem von vielen erhofften Medienspektakel. Der ZDF-Ausdauersport-Fachmann Peter Leissl ist skeptisch.

Von > | 20. März 2012 | Aus: SZENE

Lance Armstrong vor seinem Triathlon-Comeback | Lance Armstrong: Seit seinem Comeback einer der gefragtesten Triathleten der Welt

Lance Armstrong: Seit seinem Comeback einer der gefragtesten Triathleten der Welt

Foto >Matt Shriver/Trek Bicycle

Peter Leissl, das Triathlon-Comeback von Lance Armstrong soll, das erhofft sich jedenfalls die World Triathlon Corporation, im kommenden Oktober den Ironman aus seiner Nische heraus für ein breites Publikum spannend machen. Wird Ihr Fernsehsender, das ZDF, auf diesen Zug aufspringen?

Wir haben zum letzten Mal 2008 vom Hawaii Ironman in einer längeren eigenen Sendung berichtet. Das Produkt wurde uns danach zu teuer und aufwendig für den nicht gerade überragenden Quotenerfolg. Die vielen Freaks verfolgen es inzwischen online, das macht sich schon bemerkbar. Armstrongs Absicht, 2012 zu starten, haben wir noch nicht abschließend bewertet. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass wir mit der Veranstaltung nicht anders verfahren werden als zuletzt. Vielleicht beißt unser Magazinformat „Sportreportage“ noch an, aber die hohen Nachverwertungskosten beim Rechteinhaber ESPN sind schon abschreckend.

ZDF-Ausdauersport-Experte Peter Leissl | ZDF-Ausdauersport-Experte Peter Leissl

ZDF-Ausdauersport-Experte Peter Leissl

Foto >ZDF

Nach Armstrongs Auftritt bei der Xterra-Weltmeisterschaft auf Maui und seinem zweiten Platz beim Ironman 70.3 in Panama – was trauen Sie ihm zu?

Ich habe über diese Leistungen nur gelesen und war einigermaßen platt. Ich bin davon ausgegangen, dass er bei allem Ärger, den er noch mit seiner zwielichtigen Radsportvergangenheit hat, nicht so viel zum Training kommt, wie man das für diese Leistungen eigentlich aufbringen müsste. Der Mann wird im September 41 Jahre alt! Ich kann einfach nicht glauben, dass er den vielen Jüngeren eine lange Nase machen kann. Das wäre ein Armutszeugnis für die Triathlon-Cracks!

Anders in den USA ist hierzulande eine Berichterstattung über Lance Armstrong unter Ausklammerung der zahlreichen Doping-Verdachtsmomente kaum denkbar. Führt das nach Ihren Erfahrungen beim Zuschauer zu einer eher ablehnenden Haltung oder steigt das Interesse?

So viele Erfahrungen haben wir damit nicht gemacht. Als Armstrong 2010 bei Radio Shack seine letzte Tour de France fuhr und sich quälte, war der Radsport allgemein so in Verruf geraten, dass Armstrong als Person daran meiner Meinung nach nicht viel ändern konnte. Weder zum Positiven, indem er Sensationslust befriedigt hätte, noch zum Negativen, weil die Leute sich keinen sportlich fairen Wettkampf versprachen. Dennoch wäre die Konsequenz des Nicht-Berichtens bei einer Armstrong-Teilnahme auf Hawaii die falsche, eher müsste man seinen Start kritisch beleuchten.

Ein Großteil der Triathlonszene hält Doping in der eigenen Sportart Triathlon noch für eine Randerscheinung. Teilen Sie diese Auffassung?

Ich finde es schon ein starkes Stück, dass Armstrong in Panama nicht kontrolliert wurde. Wahrscheinlich hätte man zwar nichts gefunden, denn ein alter Fuchs wie er wird sich solch einen Lapsus bestimmt nicht erlauben. Dennoch wirft es ein schlechtes Licht auf den Anti-Doping-Kampf und zeigt, dass der Triathlonsport hierin nicht gerade die Vorbildrolle beanspruchen kann. Ich denke, dass kein Sport, in dem ein großer finanzieller Ertrag winkt, von vornherein nur vorbildliche, faire Athleten am Start versammeln wird. Es gibt auf dem Markt eben illegale Mittel und Methoden, die einen Leistungsfortschritt versprechen. Wer der Versuchung widerstehen würde, diese anzuwenden, wäre Heiliger oder zumindest ein leuchtendes Vorbild. Unsere Gesellschaft besteht aber nicht nur aus moralisch unangreifbaren Personen.

triathlon Nr. 100 | Die Jubiläumsausgabe - jetzt digital und im Zeitschriftenhandel erhältlich

Die Jubiläumsausgabe - jetzt digital und im Zeitschriftenhandel erhältlich

Foto >spomedis

Einen Hintergrundbericht zu Armstrongs vieldiskutiertem Triathlon-Comeback und seinen Plänen in der Saison 2012 lesen Sie in der Jubiläumsausgabe der triathlon (Nr. 100) die ab 21. März im Zeitschriftenhandel und bereits seit 19. März digital unterwww.pubbles.de/triathlonerhältlich ist.