Vorläufiges Ende einer Reise

Das Triathlon-Comeback von Lance Armstrong steht vor seinem Ende, bevor es richtig begonnen hat. Nach nur fünf Wettkämpfen suspendierte die World Triathlon Corporation den Texaner aufgrund laufender Dopingermittlungen. Auslöser war ein Schreiben der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, die ein förmliches Verfahren gegen den 40-Jährigen eröffnet hat, um ihm Dopingvergehen der vergangenen Jahre nachzuweisen.

Von > | 14. Juni 2012 | Aus: SZENE

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Armstrong

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In einem 15-seitigen Dokument, das unter anderem auch an WTC-Chef Andrew Messick adressiert ist, konfrontiert die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA Armstrong mit neuen Vorwürfen. Dabei geht es unter anderem um Blutanalysen aus seinen letzten beiden Jahren als Radprofi, in denen Armstrong sowohl bei der Tour de France als auch bei der Tour de Suisse in Europa an den Start gegangen war. 

Reflexartige Gegenwehr

Armstrong reagierte auf die Vorwürfe prompt und fast reflexartig. Er habe nie gedopt und überhaupt entbehrten die Vorwürfe jeder Grundlage; sie seienboshaft und mit dem Versprechen von Immunität und Anonymität gekauft. Nichts Neues. Dennoch hat die WTC gleich nach der Veröffentlichung des USADA-Papiers reagiert und Armstrong "bis zum Vorliegen weiterer Erkenntnisse" suspendiert. "Unsere Regeln schreiben vor, dass Athleten während laufender Ermittlungen keine Starterlaubnis [bei Rennen der WTC] haben", heißt es in der offiziellen knappen Begründung.

Für die World Triathlon Corporation (WTC), den US-amerikanischen Veranstalter von Ironman- und Ironman-70.3-Rennen sowie der 5150-Serie, schienen Armstrongs überraschende Pläne, zum Triathlon zurückzukehren, zunächst ein Glücksfall zu sein. Stolz hatte man ihn als neuen Herausforderer der großen Ironmanstars präsentiert - den McCormacks, Alexanders und Raelerts. Und gleich in seinem ersten Rennen in Panama schien der Texaner als Zweiter das Vertrauen zu rechtfertigen, wenig später fuhr er sogar seine beiden ersten Siege auf der 70.3-Distanz ein. Im Zuge der im großen Stil inszenierten Image-Kampagne der WTC mit dem 40-Jährigen platzierte man sogar einen eigenen Lance-Armstrong-Button auf der Startseite der offiziellen Ironmanwebsite - ein Privileg, das keinem Ironmanstar zuvor je zuteil wurde. Das Konzept ging auf, das internationale Medieninteresse sprengte alle Erwartungen. Mehr als 200 Journalisten haben sich laut WTC Europa beispielsweise für den Ironman in Nizza akkrediert. Dort wollte Armstrong am 24. Juni seine Ironmanpremiere - und sein Europadebüt als Triathlet - feiern. Daraus wird wohl nun nichts.

Deutsche Profis atmen auf

Vor allem die deutsche Szene hatte Armstrongs Ambitionen gleichwohl mit Argwohn begleitet. Er könne nur schwer damit umgehen, gestand etwa Sebastian Kienle kurz nach Armstrongs Rückkehr und kurz vor seinem 70.3-Duell mit dem streitbaren US-Amerikaner Anfang April in Texas. "Es ist eine Katastrophe für den Triathlon, weil es uns mit reinziehen kann in den Sumpf der Negativschlagzeilen", befürchtete Kienle damals, wenngleich er auch eine gewisse Hilflosigkeit zugab. Auch bei seinen Profikollegen Faris Al-Sultan und Andreas Böcherer hielt sich die Begeisterung für das Comeback des siebenfachen Toursiegers in Grenzen, während Timo Bracht versuchte, eher die Chance in Armstrongs Verpflichtung zu sehen. Ganz anders in den USA, wo Armstrong seit Jahren hofiert und, trotz jahrelanger Dopingermittlungen nationaler und internationaler Organisationen, für seine Erfolge bejubelt wurde. Wohl auch wegen seiner geschickt platzierten Livestrong-Foundation, einer Organisation zur Unterstützung des Kampfs gegen den Krebs.

Die ersten Reaktionen der Athleten auf die neuen Entwicklungen in Sachen Armstrong sind dagegen eindeutig. Andreas Böcherer begrüßt die Suspendierung durch die WTC. Es sei "positiv, dass man mit Armstrong genau so verfährt wie mit jedem anderen Profi". Um weiteren Schaden für den Ausdauersport zu vermeiden, hoffe er nun, dass die Ankläger wasserdichte Beweise liefern, so der 70.3-Europameister gegenüber tri-mag.de. Profikollege Clemens Coenen ergänzt: "Dieses Mal gibt es wohl kein Entkommen für Armstrong - einen der professionellsten Sportler unserer Zeit, in jeder Hinsicht." Für die Öffentlichskeitsarbeit der WTC befürchtet Coenen den "Super-GAU". Challenge-Boss Felix Walchshöfer konnte sich einen kleinen Seitenhieb auf den Mitbewerber nicht verkneifen: "Wer mit dem Feuer spielt, liebe WTC", ist auf seiner Facebook-Seite zu lesen.