Zähes Ringen um die Wahrheit

Am kommenden Mittwoch soll der Reutlinger Stephan Vuckovic vor der Anti-Doping-Kommission der Deutschen Triathlon Union aussagen. Doch der Anwalt des Sportlers hat bereits angekündigt: Sein Mandant wird gar nicht erst erscheinen.

Von > | 5. Juni 2009 | Aus: SZENE

Stephan Vuckovic | Stephan Vuckovic

Stephan Vuckovic

Foto >Sina Horsthemke / spomedis

Zähes Ringen um die Wahrheit

Man muss Verständnis dafür haben, dass die Präsidentin der Deutschen Triathlon Union (DTU) in diesen Tagen wenig auskunftsfreudig ist. Zumindest, wenn es um den Fall des Triathleten Stephan Vuckovic geht. Es treffe zu, dass man den Athleten am kommenden Mittwoch zu einer Anhörung geladen habe, sagt Claudia Wisser. Mehr nicht. Der 36-jährige Vuckovic wird durch ein "Gedächtnisprotokoll" des DTU-Ehrenpräsidenten Dr. Martin Engelhardt, das Ende November durch einen Bericht der Süddeutschen Zeitung an die Öffentlichkeit geriet, des Dopings beschuldigt: Unter dem Eindruck einer lebensgefährlichen Erkrankung habe er Ende Juni 2001 seinen behandelnden Ärzten in einer Klinik in Bayreuth EPO-Doping gestanden, behauptet Engelhardt und beruft sich in seinem Papier auf eine vertrauliche Information durch seinen damaligen Amtsnachfolger, den DTU-Präsidenten Dr. Klaus Müller-Ott.

Es ist zwar nicht das erste Mal, dass der Name Vuckovic im Zusammenhang mit Doping auftaucht, doch in diesem Fall wiegen die Vorwürfe besonders schwer. Anders als in der Affäre um den überführten Dopingtrainer Thomas Springstein, aus dessen Betreuung des Silbermedaillengewinners im olympischen Triathlon hochverdächtige Mails mit dem spanischen Dopingarzt Dr. Miguel Peraita existieren, geht es hier nicht um das überschaubare System "Trainer, Athlet, Arzt", sondern um einen ganzen Verband. Um die Deutsche Triathlon Union, deren Verbandsspitze - und dieser Vorwurf steckt ebenso in Engelhardts Darstellung - das Dopingvergehen sieben Jahre lang vertuscht haben soll.

Und nun soll also die DTU-Präsidentin Wisser den eigentlich unmöglichen Spagat hinbekommen zwischen der Aufgabe, noch größeren Schaden von ihrem Verband abzuwehren, und der rückhaltlosen Aufklärung eines Geschehens, das - sollten Engelhardts Einlassungen sich als wahr herausstellen - die DTU in die tiefste Krise ihrer Geschichte stürzen könnte. Als Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission wird Wisser nämlich am kommenden Mittwoch die Anhörung leiten, die Bestandteil des Disziplinarverfahrens gegen den Sportler Vuckovic ist. Geladen sind auch Engelhardt und der langjährige DTU-Geschäftsführer Jörg Barion, der Engelhardts Behauptungen inzwischen per Eidesstattlicher Erklärung gestützt hat.

Befremdliches Interview

Dass es überhaupt zur Eröffnung eines Verfahrens gekommen ist, könnte man durchaus auch als Verdienst der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) in Bonn sehen, die den Triathlonverband in den vergangenen Monaten energisch dazu gedrängt hatte - aus Sorge, ein mögliches Vergehen könne sonst verjähren. Denn laut WADA-Code wäre Vuckovic nach Ablauf einer 8-Jahres-Frist - in diesem Fall also etwa ab dem 21. Juni 2009 - sportrechtlich nicht mehr zu belangen gewesen. Inzwischen ist die Sprachregelung in Bonn versöhnlicher: "In enger Abstimmung", sagt NADA-Sprecherin Ulrike Spitz, habe man sich "darauf verständigt, dass die Voraussetzungen für ein Verfahren gegeben sind". Sprich: Der DTU liegen so viele Hinweise auf ein Dopingvergehen vor, dass sie die Aufgabe hat, diese in einem Disziplinarverfahren aufzuklären.

Vuckovic' Rechtsbeistand, der Anwalt Dr. Michael Lehner, sieht das freilich anders und spricht von einem "komischen Anhörungsverfahren ohne jegliches Sanktionsziel", zu dem zwar er als Beobachter, nicht aber sein Mandant zu erscheinen gedenke. Für ein Disziplinarverfahren fehle "jegliche Grundlage, das ist für mich so sicher wie das Amen nach dem Gebet. Wenn die DTU aber meint, sie wolle noch einmal hören, was jeder zu erzählen hat oder irgendwo gehört hat, dann soll sie das tun", spottet der Heidelberger, Engelhardt könne "seine Behauptungen ohnehin weder beweisen, noch darf er sie jemals wiederholen." Schon kurz nach der Veröffentlichung des Protokolls Anfang November 2008 zwang Lehner Engelhardt zur Abgabe einer Unterlassungserklärung, die dem DTU-Ehrenpräsidenten die Wiederholung wesentlicher Aussagen untersagt.

Derweil gab Lehners Mandant Stephan Vuckovic auf Lanzarote, wo er beim Ironman unlängst Platz zwei belegen konnte, einem deutschen Triathlonportal ein höchst befremdliches Interview: Die E-Mail [mit der Engelhardt im November sein "Gedächtnisprotokoll" an die DTU-Führung sandte], sei "von vorne bis hinten erstunken und erlogen und jeder kann sich hier mal den Abschlussbericht [der Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin am Universitätsklinikum Freiburg] von letzter Woche anschauen im Internet. Da steht es drin und da steht auch eine Seite über mich drin und da kann jeder sich dann sein eigenes Bild machen, wer hier jetzt die Wahrheit sagt, oder wer nicht", diktiert Vuckovic in dem Videointerview seine Lesart.