Lehren aus dem Windtunnel

Zusammen mit Swiss Side waren wir im Windkanal in Immenstaad und haben Positionen und Material getestet. Einige Erkenntnisse haben uns überrascht, andere unsere Überlegungen bestätigt. Teil 1: Was bringt die Abfahrtsposition?

Von > | 23. Juli 2018 | Aus: EQUIPMENT

Wir haben im Windtunnel die aggressive Abfahrtsposition getestet.

Wir haben im Windtunnel die aggressive Abfahrtsposition getestet.

Foto >Kevin Mackinnon / spomedis

Es ist frisch hier, nur 16 Grad zeigt die Temperaturanzeige an diesem Morgen an. Im Windkanal zählt jedes Grad. Jean-Paul Ballard von Swiss Side schlägt vor, uns zwei Testfahrer in Folie einzupacken. Jetzt bloß keine Schwäche erlauben und unnötige Zeit mit Verpacken verschwenden: "Das schaffen wir auch so!" Die Luft wird auf 45 km/h beschleunigt und stellt sich dem Fahrer entgegen. Gänsehaut gehört im Windkanal dazu. Der Blick ist auf den Monitor zwei Meter vor uns gerichtet, dahinter öffnet sich der schwarze Schlund des Tunnels. Auf dem Monitor sieht man die mit einem Stift skizzierten Umrisse der Baseline von Kopf- und Schulterposition. Je besser man die Umrisse trifft, desto genauer werden die Ergebnisse. Das Hinterrad ist in eine rollenähnliche Konstruktion eingespannt. Das Vorderrad wird automatisch beschleunigt.

Wir befinden uns im Windtunnel der Gesellschaft für Strömungsmesstechnik mbH (GST) in Immenstaad, wo sich schon Triathlongrößen wie Patrick Lange und Jan Frodeno in ihre Weltmeister-Position brachten. Direkt im Anschluss an die Eurobike sind wir der Einladung von Swiss Side gefolgt und zum Airbus-Gelände gefahren – natürlich mit allerhand aerodynamischer Fragen im Gepäck, die immer wieder zu heißen Diskussion in der Redaktion führen. Sind moderne Triathlonmaschinen mit oder ohne Trinksystem schneller? Wie schlecht ist die Trinkflasche zwischen den Extensions wirklich? Wie sieht die optimale Kopfposition aus? Hier kommt Teil 1 unserer Tests: Was bringt die aggressive Abfahrtsposition?

Der Prüfstand: Das Zeitfahrrad wird in eine sogenannte \"Waage\" eingespannt, die die vom Fahrer erbrachte Tretleistung empfindlich misst.

Der Prüfstand: Das Zeitfahrrad wird in eine sogenannte "Waage" eingespannt, die die vom Fahrer erbrachte Tretleistung empfindlich misst.

Foto >Kevin Mackinnon / spomedis

Was bringt das Ablegen bei Abfahrten?

Bei Abfahrten, wo die Geschwindigkeit weit über 50 km/h steigt, unterbrechen manche Athleten – bei den Profis gut zu beobachten – das Treten, greifen an den Basebar, machen sich klein und legen ihr Gesäß aufs Oberrohr ab (siehe Foto unten). Was bringt diese Position? Die klare Antwort: aerodynamisch extrem viel. Bei einem Testfahrer brachte diese Position ein Ersparnis von 66,2 Watt im Vergleich zur Baseline (Aeroposition mit Blick nach vorn). Bei einem zweiten Fahrer, der einen schon geringeren CdA-Wert als Fahrer 1 aufwies, entstand immerhin ein Ersparnis von 29,8 Watt. Nicht nur aerodynamisch ist diese Position besser, auch kann man die Beine mal hängen lassen und lockern.

Dennoch können wir diese Position nicht uneingeschränkt empfehlen. So zu fahren, ist unglaublich gefährlich. Eine Unebenheit auf der Strecke und schon stößt man sich den Kopf oder gar andere schmerzempfindliche Körperteile, die sich in unmittelbarer Umgebung des Oberrohrs befinden. Ein fester Griff ist Pflicht. Außerdem erfordert das Halten dieser Position neben Mut auch eine gute Muskelspannung und ein hohes Maß an Konzentration. Fazit: Auch wenn man durch das Drauflegen wertvolle Watt spart, sollte im Zweifel eher diese Position vermieden werden von ungeübten und unsicheren Radfahrern.

Diese Abfahrtsposition reduziert den Windwiderstand erheblich.

Diese Abfahrtsposition reduziert den Windwiderstand erheblich.

Foto >Kevin Mackinnon / spomedis

Teil 2 (Kopfhaltung) und Teil 3 (Sind Räder mit oder ohne Trinksystem schneller?) folgen.