Grenzerfahrungen im Triathlon

Extrem-Triathlons haben Hochkultur. Denn denjenigen, die eine „normale“ Langdistanz als Spaziergang empfinden, bieten Norseman und Co unvergessliche Abenteuer und ganz besondere Qualen. Die diesjährige Celtman-Siegerin Kathrin Müller berichtet auf tri-mag.de von ihren Erlebnissen.

Von > | 7. August 2013 | Aus: TRAINING

Celtman 1 | Kathrin Müller bezwingt den Celtman 2013.

Kathrin Müller bezwingt den Celtman 2013.

Foto >Skinfit Racing Team

Im September 2012 feierte Skinfit, unser Namensgeber und Unterstützer, sein 15-jähriges Firmenbestehen und Teammanager Christoph Kullnig präsentierte seine kleine Doku über den Norseman 2012. Nach einer mit Scherzen gespickten Plauderstunde am runden Tisch stand fest: Extrem Triathlons gehören zum Skinfit Racing Team und so wurde mein Start beim Celtman 2013 besiegelt. Freiwillig? Unfreiwillig? Ansichtssache!

Zehn Monate später bestieg ich samt meiner Crew (Christoph Kullnig, Nina und Werner Battisti, Photograph Dominik Schneck) den Flieger von München nach Edinburgh. Dort angekommen, nächtigten wir im Flughafenhotel und hatten Donnerstagvormittag noch die Möglichkeit, einen kurzen Blick in die Innenstadt von Edinburgh zu werfen. Leider wurde unsere Touri-Tour unsanft von strafzettelverteilenden Polizisten gestört. Es war aber dennoch ein netter Tag mit Regen und Sonnenschein wie im Bilderbuch. Weiter ging die Fahrt per Mietwagen in Richtung westliche Highlands bis ins gemütliche Örtchen Shieldaig.

Schottischer „Sommer“

Schottischer Sommer mit Wind, Regen, Wolken, Sonnenschein (sehr kurz) und kühlen Temperaturen ließen das herzliche „welcome home“ von Christine und Marc (B&B) noch wärmer erscheinen. Genau in diesem Moment, als mir bewusst wurde, wie stark der Wind bläst, wie kalt es wirklich ist und wie hoch die Wellen sind, ging ich kurz in mich und dachte: „Oh mein Gott, das hab ich mir nicht gut überlegt!“

Seit Ende April habe ich meine Wettkampfsaison im Cross-Triathlon gestartet und mich von Rennen zu Rennen motiviert. Dabei habe ich erfolgreich verdrängt, welches Abenteuer im Juli auf mich warten sollte. Jetzt stand ich dort am Ufer des Logh Shieldaig und bekam plötzlich weiche Knie. Doch ein „Zurück“ gab es nicht mehr und es stand auch nicht wirklich zur Debatte. Während mein Betreuerteam die Gegend und Strecke besichtigte, kühlte ich mich am Freitag einmal für 15 MInuten im Freiwasser ab und konnte glücklicher Weise feststellen, „das ist verdammt kalt und wird hart, aber es bringt mich nicht um“. Von da an konnte ich wieder etwas beruhigter atmen.

Celtman 2 | Leuchtfeuer weist den Weg.

Leuchtfeuer weist den Weg.

Foto >Skinfit Racing Team

Dudelsackmelodien um fünf Uhr morgens

Bin ich schon einmal 2:30 Uhr Nachts aufgestanden und habe mich auf ein Rennen vorbereitet? Ich denke nicht, aber nun war es soweit. Ein kurzer Piep des Handys und schon schlug ich die Augen auf und wusste, let`s go. Um vier Uhr morgens war bereits ganz Shieldaig wach und der ein oder andere Einwohner wunderte sich sicher, warum Menschen komplett vermummt in Neoprenanzügen, -kappen und -socken ein Fahrrad an einen Ständer hängen und sich gegenseitig abklatschen. Ja es war in der Tat ein wenig seltsam und ungewohnt aber nun war ich nicht nur dabei sondern mitten drin in der Meute verrückter Triathleten, die das Adrenalin in den schottischen Highlands suchten.

Sobald es heller wurde und sich die aufgehende Sonne auf der noch relativ flachen Wasseroberfläche spiegelte, erklangen die Dudelsackmelodien am anderen Ufer und Punkt fünf Uhr startete ich mit 149 Teilnehmern in den längsten Tag meines Sportlerlebens. Rundum eingehüllt in Neopren waren  zwölf Grad Wassertemperatur nicht wirklich angenehm, aber ich kam erstaunlich gut zurecht und schwamm von vorne weg dem Führungskanu hinterher - nicht wissend wo eigentlich das Ziel war. Nach einer Weile tauchten die Häuser von Shieldaig am Horizont auf und ich schwamm Seite an Seite mit dem ersten Mann. Insgeheim wollte ich unbedingt als erste aus dem Wasser steigen. Doch gegen Mitte der Schwimmdistanz begannen sich die Wellen langsam aufzutürmen, der Wind wurde stärker und das männliche Ego meines Gegenschwimmers wuchs ins Unermessliche. Knappe 49  Minuten später warteten meine Betreuer mit Handtuch, Wechselsachen und einem Heißgetränk in der Wechselzone und entgegen meinem „Urinstinkt des schnellen Wechsel“ mahnten sie mich zur Ruhe. So begann der zweite Teil des extremen Dreikampfes mit einem entspannten Umkleidemanöver und neuer Energieaufnahme.

Celtman 4 | Kathrin Müller auf den 202 Radkilometern.

Kathrin Müller auf den 202 Radkilometern.

Foto >Skinfit Racing Team

202 Kilometer statt zwei Stunden

Dennoch verließ ich als Führende die Wechselzone und kam für 25 Kilometer in den Genuss der ungeteilten Aufmerksamkeit der Führungskameras. Als mich der erste Mann überholte, rief er mir „nice warm up“ zu. Ich schaute auf die Uhr und dachte nur, „also normalerweise ist genau jetzt nach knapp zwei Stunden mein Rennen zu Ende“. 202 Kilometer Radfahren ist eine Dimension, die nicht wirklich in meinem Vorstellungsvermögen vorkommt und so ließ ich es relativ ruhig angehen und stellte mir vor, bei einer „ambitionierten Trainingsausfahrt mit Freunden“ an der Westküste Schottlands zu sein. Der Wind und das wellige Profil waren dabei allerdings harte Gegner, die kein Erbarmen kannten und mich bei Kilometer 120 das erste Mal spüren ließen, das die Trainingsausfahrt nur einer Wunschvorstellung entsprach. Binnen sieben Stunden auf dem Rad erlebte ich genau das, wovon viele Ausdauerathleten sprechen. Höhen und Tiefen! In einem Moment rollte ich förmlich vom Wind geschoben die Straßen entlang und hing beflügelt meinen Gedanken nach und im nächsten wusste ich nicht, ob vor oder zurück, wollte schier vom Rad steigen und starrte auf jeden vergehenden Kilometer auf der Uhr.

Kein Knoten im Hirn

Die Ernährung ist auf einer Wettkampfdistanz von bis zu 14 Stunden ein großes Thema und beschäftigte mich in den Tagen davor genauso wie die richtige Kleidung oder die Wahl des Materials. Unerfahren wie ich war, übernahm ich meine Ernährung von einem Drei-Stunden-Rennen und multiplizierte das Ganze mit fünf, stellte die Uhr und folgte meinem Plan maschinell. Mit dem Quäntchen Glück an meiner Seite, mochte mein Körper den Plan auch und so hatte ich die Energie für den dritten Teil des Abenteuers. Der anschließende Marathon machte mir im Vorhinein keine größeren Knoten ins Hirn, denn die Option zu wandern steht immer und der Gedanke, begleitenden Support von Christoph zu erhalten, verkürzte die erwartete Zeit von bis zu sechs Stunden enorm. Vom Regen noch verschont, erreichte ich nun sogar etwas erleichtert die zweite Wechselzone und schlüpfte in das erste Paar Laufschuhe. Der erste Abschnitt über 18 Kilometer und den kleinsten der drei zu überquerenden Bergspitzen verging leichten Fußes wie im Fluge und nach einer Stunde und 40 Minuten durch strömenden Regen und zunehmenden Nebel erreichten wir innerhalb der Top-Ten des Gesamtfeldes und mit einem Lächeln auf den Lippen den Checkpoint zum Bergaufstieg. Nach wie vor hielt ich mich bedingungslos an meinen Plan der Energiezufuhr und sog in regelmäßigen Abständen die Kohlenhydrate aus meinem Rucksack.

Oben steht das Wetter Kopf

Weiteren Ballast in Form von wetterfester Kleidung, Karte, Kompass und Notfallset stopften wir zügig hinzu und nun sollte ein wahres Abenteuer beginnen. Ob Glück oder Pech sei dahin gestellt, aber wir waren über die zurückliegenden 223 Kilometer schneller als das aufkommende Unwetter und so nahmen wir den Aufstieg auf 1.200 Metern Höhe in Angriff. Oben angekommen stand die Welt Kopf. Windböen von bis zu 120 km/h, heftigster Regen und undurchsichtiger Nebel machten es uns „Fremden“ unmöglich die Orientierung streckengemäß zu halten. Wir kannten die Strecke nicht und hatten uns leichtsinnigerweise auch nicht mit Karte und Kompass vertraut gemacht und so navigierte Christoph uns blindlinks dem GPS folgend den Berg hinunter. An diesem Punkt war ich bereits über elf Stunden unterwegs und kam meinen körperlichen und mentalen Grenzen mit jedem Meter näher.

Celtman 5 | Die letzte Disziplin: ein Crosslaufmarathon.

Die letzte Disziplin: ein Crosslaufmarathon.

Foto >Skinfit Racing Team

Zwei Punkte bei der Aufzeichnung des GPS-Trekkings, die sich langsam von der Strecke entfernen und querfeldein ihren Weg durch die Highlands suchten. Im Nachhinein eine abenteuerliche Story, aber währenddessen hatte ich große Mühe, die Konzentration nicht zu verlieren und weiter zu machen, mein Ziel des Finishs zu verfolgen und dem immer schwächer werdenden Körper Einhalt zu gebieten. Nach einer endlos scheinenden Kletterpartie tauchte eine Ebene samt Originallaufstrecke aus dem Nebel auf und ließ mich einmal kräftig durchatmen. Geschafft, „wir sind unten und jetzt komme ich auch ins Ziel“!

Die letzten sieben Kilometer auf Asphalt und ohne Rucksack fühlten sich trotz Erschöpfung so gut an, dass ich im Nu den Zielbogen in Torridon sah. 13 Stunden 5 Minuten und 1 Sekunde für 245 Kilometer Schwimmen, Radfahren und Laufen, Momente der Freude, des Stolzes, der Erleichterung, des Zweifels, der Angst und des Sieges – das war meine Grenzerfahrung beim Celtman 2013!