Der Traum vom Finish – und die Wahrheit dazu

Jeder Triathlet meint, das müsse er mal gemacht haben: Eine Langdistanz. Träume und Ziele sind gut und wichtig. Aber blicken Sie vor der Anmeldung unbedingt der Realität ins Auge.

Von > | 18. Januar 2019 | Aus: TRAINING

Die Challenge Roth ist die beliebteste Langdistanz Deutschlands.

Die Challenge Roth ist die beliebteste Langdistanz Deutschlands.

Foto >Kevin Mackinnon

Die erste Langdistanz, die letzten Meter auf der Finishline – das wird kein Athlet je vergessen. Das Ziel ist erreicht. Endlich. Nach 3,8 Kilometern im Wasser, stundenlangem Radfahren über 180 Kilometer – und einem an sich schon verdammt harten Marathon. Wer über die Ziellinie läuft, mit Herzklopfen und müden Muskeln, mit Gänsehaut und wunden Stellen, im Endorphinrausch und doch völlig erschöpft, der hat nicht nur 226 Kilometer hinter sich. Der beweist in diesen Sekunden auch, dass er sich in den Monaten vorher so richtig den Hintern aufgerissen hat.

Es lebe, wer Träume hat

Von etwas zu träumen, ist wichtig. Denn nur wer Träume hat, lebt. Sich Ziele zu setzen, ist auch wichtig. Egal ob das sportliche, berufliche oder solche Ziele sind, die das Privatleben betreffen. Aber das Ziel „Langdistanz“ sollte man sich nicht leichtfertig vornehmen. Eine Langdistanz ist ein Projekt. Ein Projekt für Monate, eines, das Ihr ganzes Umfeld betrifft. Das halbherzig anzugehen, wäre fatal. Denn die Gefahr, dass es dann nicht gelingt, ist groß. Glückt es aber, so können Sie sicher sein, dass Sie Ihr Leben lang davon zehren werden. Es gibt kaum etwas Anstrengenderes, als einen Hobbysportler, der sich völlig verbissen seinem Trainingsplan versklavt, an nichts anderes mehr denkt als an sein Training und alles, was nichts mit Triathlon zu tun hat, aus den Augen verliert. So möchte man nicht werden.

Wer sich aber nichts Schöneres vorstellen kann, als einmal im Leben 3,8 Kilometer zu schwimmen, danach 180 Kilometer Rad zu fahren und anschließend noch einen Marathon zu laufen, dem sei gesagt: Ein wenig sollten Sie Ihr Leben tatsächlich danach ausrichten. Für einige Monate werden viele andere Dinge hintenanstehen müssen. Nicht ohne Grund brauchen viele Athleten nach einem erfolgreichen Finish erst mal eine Pause vom Sport. Triathlonfreie Zeit. Oder zumindest ein paar Jahre, in denen sie wieder auf kürzeren Strecken starten und die Freude an der Bewegung das Wichtigste ist.

Realistisch betrachtet

Sie sind jetzt nicht abgeschreckt, im Gegenteil? Dann haben Sie den ersten Schritt Richtung Finishline schon getan: Sie haben der Realität ins Auge geblickt. Nun zu den Fakten. „Einen Ironman kannst du nicht mit purem Adrenalin gewinnen“, hat Craig Alexander, der Hawaii-Sieger von 2008, 2009 und 2011, einmal gesagt. 25 bis 35 Stunden pro Woche trainierte der Australier im Durchschnitt. Für Profis noch human. Bis zu 50 Wochenstunden investieren einige in ihren Traum vom Langdistanzsieg. Gordon Haller, Ironman-Weltmeister von 1978, bestätigt im Buch „Road to Kona“: „Als ich Hawaii gewonnen habe, gab es in meinem Leben nicht viel mehr als Sport und Schlafen.“ Der Profis großer Vorteil: Sport ist ihr Job. Sie dagegen müssen sich Ihre Brötchen woanders verdienen – und das vermutlich etwa 40 Stunden lang wöchentlich. Für Sport bleibt da nicht so viel Zeit, erst recht nicht für viel Sport.

Sie müssen aber ja auch nicht so schnell sein wie ein Profi. Rund 15 Trainingsstunden – und manchmal mehr – sollten Sie pro Woche einplanen, wenn Sie auf einer Langdistanz Spaß haben wollen. Deshalb ist nicht nur Muskelkraft, sondern auch Organisationstalent gefragt. Machen Sie Ihren Arbeitsweg zur Laufstrecke, verbinden Sie Verwandtenbesuche mit Radausfahrten, nutzen Sie den Familienurlaub zum Freiwassertraining – all das sind Beispiele dafür, dass Sie als angehender Langdistanzler mit Köpfchen vorgehen sollten, wenn es um Trainingsplanung geht. Sonst befinden Sie sich schneller im Übertraining, als Sie „Finishline“ sagen können. Ganz wichtig: Junkmiles vermeiden. Dirk Aschmoneit, 1984 Europameister, sagte einmal: „Viele machen den großen Fehler, bedeutungslose Kilometer zu sammeln, sobald sie das Wort Ironman lesen.“ Tun Sie das nicht.

Viel, aber nicht zu viel

Trainieren Sie viel, aber bloß nicht zu viel. Orientieren Sie sich an einem Trainingsplan (z. B. aus unserer Zeitschrift triathlon) oder heuern Sie einen Trainer an, der ein Programm auf Ihren Alltag abstimmt. Stellen Sie sich darauf ein, dass es eine Weile lang kein Wochenende ohne Sport mehr geben wird, und denken Sie über ein Trainingslager nach, um früh im Jahr Radkilometer zu sammeln. Wer auf die Königsdisziplin des Triathlons wechselt, tut gut daran, sein Material zu überdenken. Nichts ist ärgerlicher, als wegen einer schlechten Sitzposition im Rennen Zeit zu verschenken und dann auch noch beim Laufen einzubrechen, weil die Rückenschmerzen vom Radfahren zu stark sind. Wichtiger als auf allen anderen Distanzen ist die Ernährung. Dafür brauchen Sie eine Strategie! Denn was Sie wann in welcher Menge zu sich nehmen, entscheidet über Finish oder Dixiklo.

Und zu guter Letzt: Rechnen Sie mit Rückschlägen. Es ist kein Beinbruch, wenn Sie sich in der Vorbereitungsphase eine Erkältung einfangen – das passiert dem besten Profi. Und wenn im Job Überstunden anstehen, obwohl Sie für den Abend Tempoläufe eingeplant hatten, dann ist das eben mal so. Stressen Sie sich nicht, machen Sie das Beste aus der verfügbaren Zeit und bewahren Sie sich den Spaß am Sport – dann werden Sie die Zielgerade erreichen und jeden Meter Ihres Projekts Langdistanz genießen.